Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Hol­lis N. Lo­max, er­zähl­te Finch der klei­nen Grup­pe, sei ein Spe­zia­list für das 19. Jahr­hun­dert, der erst kürz­lich sei­nen Dok­tor an der Uni­ver­si­tät Har­vard ge­macht, aber be­reits meh­re­re Jah­re an ei­nem klei­nen New Yor­ker geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Col­le­ge ge­lehrt ha­be. Er kom­me mit den bes­ten Emp­feh­lun­gen, ha­be be­reits zu pu­bli­zie­ren be­gon­nen und wer­de als As­sis­tenz­pro­fes­sor ein­ge­stellt. Was den Vor­sitz des Fach­be­reichs an­ge­he, so ge­be es kei­ne un­mit­tel­ba­ren Plä­ne, be­ton­te Finch; er wer­de noch für min­des­tens ein wei­te­res Jahr den In­te­rims­vor­sitz be­hal­ten.

Für den Rest des Som­mers blieb Lo­max ei­ne mys­te­riö­se Gestalt und das Ob­jekt man­cher Spe­ku­la­tio­nen sei­tens der fest an­ge­stell­ten Mit­glie­der des Fach­be­reichs. Die Ar­ti­kel, die er in di­ver­sen Zeit­schrif­ten ver­öf­fent­licht hat­te, wur­den aus­ge­gra­ben und mit an­er­ken­nen­dem Ni­cken her­um­ge­reicht. Lo­max tauch­te wäh­rend der Erst­se­mes­ter­wo­che nicht auf und kam am Frei­tag auch nicht zur all­ge­mei­nen Fach­be­reichs­sit­zung vor der Ein­schrei­bung der Stu­den­ten am Mon­tag. Und wäh­rend die Fach­be­reichs­mit­glie­der bei der Ein­schrei­bung in ei­ner lan­gen Rei­he am Tisch sa­ßen und ge­lang­weilt den Stu­den­ten bei der Wahl ih­rer Se­mi­na­re oder der trost­lo­sen Rou­ti­ne des Aus­fül­lens di­ver­ser For­mu­la­re hal­fen, sa­hen sie sich wie­der­holt nach ei­nem neu­en Ge­sicht um. Lo­max aber ließ sich im­mer noch nicht bli­cken.

Erst nach Ab­schluss der Ein­schrei­bung be­ka­men sie ihn auf ei­ner Fach­be­reichs­sit­zung am spä­ten Di­ens­tag­nach­mit­tag zu se­hen. Be­täubt von der Mo­no­to­nie der letz­ten bei­den Ta­ge und doch an­ge­spannt von je­ner Auf­re­gung, die stets mit dem Be­ginn ei­nes neu­en aka­de­mi­schen Jah­res ein­her­geht, hat­te der eng­li­sche Fach­be­reich Lo­max schon fast ver­ges­sen. Man fläz­te sich auf Schreib­tisch­stüh­len im gro­ßen Vor­le­sungs­saal des Ost­flü­gels von Jes­se Hall und blick­te so ver­ächt­lich wie er­war­tungs­voll zum Po­di­um hin­über, auf dem Gor­don Finch stand und Wohl­wol­len ver­ström­te. Ein lei­ses Stim­men­ge­wirr er­füll­te den Raum; Stuhl­bei­ne scharr­ten über den Bo­den, und ge­le­gent­lich lach­te je­mand rau und viel zu laut. Gor­don Finch hob die rech­te Hand und hielt sie mit der In­nen­flä­che dem Pu­bli­kum ent­ge­gen; der Lärm leg­te sich ein we­nig.

Je­den­falls wur­de es so lei­se, dass al­le im Saal hö­ren konn­ten, wie hin­ten knar­rend die Tür auf­ging und sich je­mand mit auf­fäl­li­gem, lang­sa­mem Schlurf­schritt über den nack­ten Holz­bo­den nä­her­te. Man wand­te sich um; und das all­ge­mei­ne Mur­meln er­starb. Je­mand flüs­ter­te: „Das ist Lo­max.“Die Wor­te wa­ren im gan­zen Raum deut­lich zu ver­ste­hen.

Er war durch die Tür ge­tre­ten, hat­te sie ge­schlos­sen, war ei­ni­ge Schrit­te über die Schwel­le hin­aus in den Saal ge­gan­gen und blieb nun ste­hen. Er maß kaum eins fünf­zig und war auf gro­tes­ke Wei­se miss­ge­stal­tet. Ein klei­ner Bu­ckel zog die lin­ke Schul­ter bis zum Hals hoch; der lin­ke Arm hing schlaff her­ab. Der Ober­kör­per war mas­sig und ei­gen­ar­tig schief, wes­halb er stets ums Gleich­ge­wicht zu kämp­fen schien; die Bei­ne wa­ren dünn, das stei­fe rech­te Bein zog er nach. Meh­re­re Au­gen­bli­cke stand er da und hielt den blon­den Kopf ge­senkt, als in­spi­zier­te er die schar­fe Bü­gel­fal­te sei- ner schwar­zen Ho­se und die auf­po­lier­ten schwar­zen Schu­he. Dann hob er den Kopf und riss in ei­ner plötz­li­chen Be­we­gung den rech­ten Arm hoch, so­dass die stei­fe, wei­ße Man­schet­te mit gol­de­nem Man­schet­ten­knopf zu se­hen war; in den lan­gen, fah­len Fin­gern hielt er ei­ne Zi­ga­ret­te. Er nahm ei­nen tie­fen Zug, in­ha­lier­te und blies den Rauch in dün­nem Strom wie­der aus. Erst dann konn­te man sein Ge­sicht se­hen.

Es war das Ge­sicht ei­nes Lein­wand­hel­den, lang, ha­ger, leb­haft und stark aus­ge­prägt, die Stirn hoch und schmal mit vor­tre­ten­den Adern, da­zu dich­tes, wal­len­des Haar von der Far­be rei­fen Wei­zens, in ei­ner leicht thea­tra­li­schen Tol­le nach hin­ten ge­kämmt. Er ließ die Zi­ga­ret­te auf den Bo­den fal­len, trat sie aus und sag­te: „Ich bin Lo­max.“Dann schwieg er, die Stim­me tief und voll, die Wor­te prä­zi­se, mit dra­ma­ti­scher Re­so­nanz ar­ti­ku­liert. „Ich hof­fe, ich stö­re Ih­re Zu­sam­men­kunft nicht.“

Die Sit­zung nahm wei­ter ih­ren Lauf, doch ach­te­te nie­mand mehr auf das, was Gor­don Finch zu sa­gen hat­te. Lo­max saß al­lein hin­ten im Saal, rauch­te, starr­te an die De­cke und schien nicht zu mer­ken, dass sich dann und wann je­mand nach ihm um­wand­te und ihn an­starr­te. Als die Sit­zung vor­bei war, blieb er auf sei­nem Stuhl sit­zen und ließ die Kol­le­gen kom­men, auf dass sie sich vor­stell­ten und sag­ten, was sie zu sa­gen hat­ten. Er be­grüß­te je­den mit we­ni­gen Wor­ten und ei­ner Höf­lich­keit, die ei­gen­ar­tig spöt­tisch wirk­te.

Wäh­rend der nächs­ten Wo­chen wur­de deut­lich, dass Lo­max nicht vor­hat­te, sich den so­zia­len, kul­tu­rel­len und aka­de­mi­schen Ge­pflo­gen­hei­ten von Co­lum­bia, Mis­sou­ri, an­zu­pas­sen. Zwar blieb er sei­nen Kol­le­gen ge­gen­über auf iro­ni­sche Wei­se nett, doch nahm er kei­ne Ein­la­dung an und sprach auch kei­ne aus; selbst am all­jähr­li­chen Tag des of­fe­nen Hau­ses ging er nicht zu De­an Cla­re­mont, ob­wohl die­ses Er­eig­nis als so tra­di­tio­nell galt, dass der Be­such fast ob­li­ga­to­risch war. Lo­max wur­de auf kei­nem Uni­ver­si­täts­kon­zert ge­se­hen und auch bei kei­ner Vor­le­sung; es hieß, sein Un­ter­richt sei leb­haft, sein Ver­hal­ten im Se­mi­nar ex­zen­trisch. Er war ein be­lieb­ter Do­zent; au­ßer­halb der Se­mi­nar­zei­ten schar­ten sich die Stu­den­ten um sei­nen Tisch, und sie folg­ten ihm durch die Kor­ri­do­re. Man wuss­te, dass er Grup­pen von Stu­den­ten ge­le­gent­lich in sei­ne Räu­me ein­lud, um sie mit Kon­ver­sa­ti­on oder den Auf­nah­men ei­nes Streich­quar­tetts zu un­ter­hal­ten.

Wil­li­am Sto­ner hät­te ihn gern nä­her ken­nen­ge­lernt, nur wuss­te er nicht, wie er das an­stel­len soll­te. Er re­de­te mit Lo­max, wenn es et­was zu sa­gen gab, und er lud ihn zum Abend­es­sen ein. Als Lo­max ihm ant­wor­te­te, wie er al­len an­de­ren ge­ant­wor­tet hat­te – iro­nisch, höf­lich und dis­tan­ziert –, und die Ein­la­dung aus­schlug, wuss­te Sto­ner nicht, was er sonst noch tun konn­te.

Es dau­er­te ei­ne Wei­le, ehe Sto­ner be­griff, was ihn an Lo­max fas­zi­nier­te. In Lo­max’ Ar­ro­ganz, sei­ner Wort­ge­wandt­heit und fröh­li­chen Ver­bit­te­rung mein­te Sto­ner ein zwar ver­zerr­tes, doch wie­der­er­kenn­ba­res Ab­bild sei­nes Freun­des Da­ve Mas­ters zu se­hen. Er hät­te gern so mit Lo­max ge­re­det, wie er mit Da­ve ge­re­det hat­te, doch war ihm dies selbst dann nicht mög­lich, als er sich sei­nen Wunsch ein­ge­stand.

(Fort­set­zung folgt)

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