Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG - © 2013 DTV, MÜN­CHEN

Die ver­le­ge­ne Scheu der Ju­gend hat­te ihn noch nicht ver­las­sen, wohl aber der Ei­fer und die Un­mit­tel­bar­keit, die ei­ne Freund­schaft vi­el­leicht mög­lich ge­macht hät­te. Er wuss­te, was er sich wünsch­te, war aus­ge­schlos­sen; und das be­küm­mer­te ihn.

Wenn er abends die Woh­nung ge­putzt, das Ge­schirr ge­spült und Gra­ce in ihr Bett­chen in der Wohn­zim­mer­ecke ge­bracht hat­te, mach­te er sich an die Über­ar­bei­tung sei­nes Bu­ches. En­de des Jah­res war er da­mit fer­tig, und ob­wohl er noch nicht ganz zu­frie­den war, schick­te er es an ei­nen Ver­lag.

Zu sei­ner Über­ra­schung wur­de die Ab­hand­lung an­ge­nom­men und für ei­ne Pu­bli­ka­ti­on im Herbst 1925 vor­ge­se­hen. Auf­grund der an­ste­hen­den Ver­öf­fent­li­chung wur­de er fest an­ge­stellt und zum As­sis­tenz­pro­fes­sor be­för­dert.

We­ni­ge Wo­chen, nach­dem sein Buch an­ge­nom­men wor­den war, wur­de sei­ne Be­för­de­rung be­stä­tigt, was Edith zum An­lass nahm, ihm zu sa­gen, dass sie mit dem Ba­by für ei­ne Wo­che nach St. Lou­is fah­ren und ih­re El­tern be­su­chen wol­le.

Nach nicht ein­mal ei­ner Wo­che kehr­te sie zu­rück, er­schöpft und mü­de, doch auf stille Wei­se tri­um­phie­rend. Sie ha­be ih­ren Be­such ab­ge­kürzt, weil es für ih­re Mut­ter zu an­stren­gend ge­wor­den sei, sich um die Klei­ne zu küm­mern, und sie selbst ha­be die Rei­se der­art auf­ge­rie­ben, dass sie sich au­ßer­stan­de sah, sich um Gra­ce zu küm­mern. Den­noch ha­be sie et­was er­reicht. Sie zog aus ih­rer Hand­ta­sche ei­nen Stoß Pa­pie­re und reich­te Wil­li­am ein schma­les Blatt.

Es war ein Scheck über sechs­tau­send Dol­lar, aus­ge­stellt auf Mr und Mrs Wil­li­am Sto­ner und un­ter­schrie­ben von Hor­a­ce Bost­wick, ein küh­nes, kaum le­ser­li­ches Ge­krit­zel. „Was soll das?“, frag­te Sto­ner.

Sie reich­te ihm die üb­ri­gen Pa­pie­re. „Das ist ein Dar­le­hen“, er­klär­te sie. „Du brauchst dies hier nur noch zu un­ter­schrei­ben. Ich ha­be schon.“

„Sechs­tau­send Dol­lar? Wo­für denn?“

„Ein Haus“, sag­te Edith. „Ein rich­ti­ges Haus, ganz für uns al­lein.“

Wil­li­am Sto­ner warf ei­nen Blick in die Pa­pie­re, blät­ter­te sie rasch durch und sag­te dann: „Das geht nicht, Edith. Tut mir leid, aber – sieh mal, ich ver­die­ne nächs­tes Jahr bloß sech­zehn­hun­dert. Und die Ra­ten für dies hier sind über sech­zig Dol­lar im Mo­nat – das ist fast die Hälf­te von mei­nem Ein­kom­men. Dann noch Steu­ern und Ver­si­che­run­gen und – ich glau­be ein­fach nicht, dass wir das schaf­fen. War­um hast du bloß nicht vor­her mit mir ge­re­det?“

Mit be­küm­mer­tem Ge­sicht wand­te sie sich von ihm ab. „Es soll­te ei­ne Über­ra­schung sein. Ich kann doch so we­nig tun, aber das hier, das konn­te ich tun.“

Er pro­tes­tier­te, sag­te, er sei ihr dank­bar, aber Edith woll­te sich nicht trös­ten las­sen.

„Ich ha­be nur an dich und das Ba­by ge­dacht“, sag­te sie. „Du könn­test ein Ar­beits­zim­mer ha­ben und Gra­ce ei­nen Hof, in dem sie spie­len kann.“

„Ich weiß“, sag­te Wil­li­am. „Vi­el­leicht in ein paar Jah­ren.“

„In ein paar Jah­ren?“, wie­der­hol­te Edith und schwieg dann, ehe sie schließ­lich matt her­vor­stieß: „Ich kann so nicht le­ben. Nicht mehr. In ei­ner Woh­nung. Wo ich hin­ge­he, hö­re ich dich, und auch das Ba­by, und dann die­ser Ge­ruch. Ich-er­tra­ge-ihn-nicht-län­ger! Tag für Tag die­ser Win­del­ge­stank, ich . . . ich hal­te das nicht mehr aus, und ich weiß nicht, wie ich ihm ent­kom­men soll. Ver­stehst du das nicht? Ver­stehst du das denn nicht?“

Letz­ten En­des nah­men sie das Geld. (Fort­set­zung folgt)

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