Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Der Al­ko­hol lo­cker­te ihm die Zun­ge, und sei­ne Stim­me hat­te, ob­wohl er sich noch sehr prä­zi­se aus­drück­te, ih­ren iro­ni­schen Ton ver­lo­ren, wes­halb er selt­sam schutz­los wirk­te.

Sie re­de­ten bis vier Uhr mor­gens, und ob­wohl sie noch mehr tran­ken, wur­de ih­re Un­ter­hal­tung im­mer lei­ser und stil­ler, bis schließ­lich nie­mand mehr et­was sag­te. Wie auf ei­ner In­sel sa­ßen sie in­mit­ten der Über­res­te ih­rer Par­ty so eng bei­ein­an­der, als such­ten sie Wär­me und Ge­bor­gen­heit. Nach ei­ner Wei­le er­ho­ben sich Gor­don und Ca­ro­li­ne Finch und bo­ten Lo­max an, ihn zu sei­ner Woh­nung zu fah­ren. Lo­max gab Sto­ner die Hand, er­kun­dig­te sich nach des­sen Buch und wünsch­te ihm da­mit Er­folg; dar­auf ging er zu Edith, die auf­recht im Ses­sel saß, und er­griff ih­re Hand, um sich für das Fest zu be­dan­ken. Und dann, wie von ei­nem stum­men, spon­ta­nen Ein­fall ge­trie­ben, beug­te er sich ein we­nig vor und leg­te sei­nen Mund auf ih­re Lip­pen; Edith fuhr ihm mit der Hand leicht ins Haar, und ei­ni­ge Au­gen­bli­cke ver­harr­ten sie bei­de in die­ser Stel­lung, wäh­rend die an­de­ren zu­schau­ten. Es war der keu­sches­te Kuss, den Sto­ner je ge­se­hen hat­te, und er fand ihn ganz na­tür­lich.

Sto­ner brach­te sei­ne Gäs­te zur Tür und blieb noch ei­nen Mo­ment, sah sie die Stu­fen hin­ab­ge­hen und aus dem Licht­schein der Veran­da tre­ten. Die küh­le Luft drang durch sei­ne Klei­der, und er at­me­te tief ein; ih­re schar­fe Käl­te be­leb­te ihn. Wi­der­stre­bend schloss er schließ­lich die Tür und wand­te sich um; das Wohn­zim­mer war leer, Edith be­reits nach oben ge­gan­gen. Er mach­te die Lich­ter aus und fand durch das un­auf­ge­räum­te Zim­mer den Weg zur Trep­pe. Das Haus wur­de ihm be­reits ver­traut; er griff nach dem Ge­län­der und ließ sich da­von nach oben füh­ren. Oben an­ge­langt, konn­te er den Flur se­hen, den das Licht aus der halb ge­öff­ne­ten Schlaf­zim­mer­tür er­hell­te. Die Die­len knarr­ten un­ter sei­nen Schrit­ten.

Ih­re Klei­der la­gen un­or­dent­lich vor dem Bett, die De­cke war acht­los zu­rück­ge­schla­gen, und Edith lag un­be­klei­det und im Licht schweiß­glän­zend auf dem wei­ßen, glat­ten La­ken. So nackt aus­ge­streckt wirk­te ihr Kör­per wol­lüs­tig ent­spannt und glit­zer­te wie fah­les Gold. Wil­li­am trat ans Bett. Sie schlief fest, doch ließ ihn der Licht­ein­fall glau­ben, ihr leicht ge­öff­ne­ter Mund form­te laut­lo­se Wor­te der Lei­den­schaft und Lie­be. Lan­ge stand er da, schau­te sie an und emp­fand un­deut­li­ches Mit­ge­fühl, zö­ger­li­che Freund­schaft und ver­trau­ten Re­spekt, aber auch ei­ne mü­de Trau­er, da er wuss­te, dass ihr blo­ßer An­blick nie mehr je­ne Ago­nie des Be­geh­rens in ihm aus­lö­sen konn­te, die er einst ge­kannt hat­te, so wie er auch wuss­te, dass ih­re Nä­he ihn nie mehr der­art er­re­gen wür­de, wie sie es einst ge­tan hat­te. Dann ver­klang die Trau­rig­keit, und er deck­te sei­ne Frau sanft zu, mach­te das Licht aus und leg­te sich ne­ben sie ins Bett.

Am nächs­ten Mor­gen war Edith mü­de und krank, wes­halb sie tags­über auf ih­rem Zim­mer blieb. Wil­li­am putz­te das Haus und küm­mer­te sich um sei­ne Toch­ter. Am Mon­tag sah er Lo­max und re­de­te ihn in ei­nem herz­li­chen Ton an, der noch vom Abend der Par­ty her­rühr­te; Lo­max aber ant­wor­te­te mit ei­ner Iro­nie, die nach kal­ter Wut klang, und er­wähn­te die Par­ty mit kei­nem Wort, we­der an die­sem Tag noch ir­gend­wann spä­ter. Es war, als hät­te er die Chan­ce zu ei­ner Feind­schaft ent­deckt, die ihn von Sto­ner fern­hal­ten wür­de und die er nicht mehr los­las­sen woll­te.

Wie Wil­li­am be­fürch­tet hat­te, er­wies sich das Haus bald als ei­ne er- drü­cken­de fi­nan­zi­el­le Last. Ob­wohl er mit sei­nem Ge­halt durch­aus spar­sam um­ging, hat­te er am Mo­nats­en­de fast nie et­was üb­rig, und je­der Mo­nat ver­rin­ger­te die we­ni­gen Rück­la­gen, die er durch den Som­mer­un­ter­richt an­ge­spart hat­te. Im ers­ten Jahr nach dem Haus­kauf blieb er Ediths Va­ter zwei Zah­lun­gen schul­dig und er­hielt ei­nen Brief, der ihn in fros­ti­gem Ton zu Prin­zi­pi­en­treue und ver­nünf­ti­ger Fi­nanz­pla­nung ge­mahn­te.

Den­noch be­gann er, sich über sei­nen Be­sitz zu freu­en und auf ei­ne Wei­se Trost dar­an zu fin­den, wie er es nie er­war­tet hat­te. Sein Ar­beits­zim­mer lag eben­er­dig ne­ben dem Wohn­zim­mer, und ein ho­hes Fens­ter wies nach Nor­den, so­dass tags­über sanf­tes Licht ein­drang; au­ßer­dem ver­brei­te­te das al­te Holz­pa­neel den Ein­druck woh­li­ger Wär­me. Im Kel­ler fand er ei­ne An­zahl Bret­ter, die gut zum Pa­neel pas­sen wür­den, wa­ren die von Schmutz und Fäul­nis hin­ter­las­se­nen Schä­den erst ein­mal be­sei­tigt. Und weil er von sei­nen Bü­chern um­ge­ben sein woll­te, mach­te er sich ans Werk und zim­mer­te ein Re­gal; in ei­nem Trö­del­la­den fand er ein paar klapp­ri­ge Stüh­le, ein So­fa und ei­nen al­ten Tisch, für die er ein paar Dol­lar zahl­te, um sie dann in vie­len Wo­chen zu re­stau­rie­ren.

Durch die Ar­beit an sei­nem Zim­mer, das lang­sam Gestalt an­nahm, be­griff er, dass er, oh­ne sich des­sen be­wusst ge­we­sen zu sein, vie­le Jah­re lang ver­schämt ein Bild in sich be­wahrt hat­te, ein Bild, das ver­meint­lich ei­nen Ort zeig­te, aber ei­gent­lich ihn selbst dar­stell­te. Er selbst war es al­so, den er zu de­fi­nie­ren ver­such­te, wenn er an sei­nem Ar­beits­zim­mer wer­kel­te.

(Fort­set­zung folgt)

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