St­un­de der Wahr­heit für Trump

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - STIMME DES WESTENS - VON MATTHIAS BEERMANN UND FRANK HERR­MANN

WA­SHING­TON Tim Wei­ner kennt das FBI, er hat ge­ra­de ein Buch über die ame­ri­ka­ni­sche Bun­des­po­li­zei ge­schrie­ben, das sich glän­zend ver­kauft. Er kennt so­wohl Ja­mes Co­mey, den im Mai ge­feu­er­ten Di­rek­tor, als auch des­sen Vor­gän­ger Ro­bert Mu­el­ler, der als Son­der­er­mitt­ler her­aus­fin­den soll, was dran ist an Vor­wür­fen, wo­nach Be­ra­ter des Wahl­kämp­fers Do­nald Trump ge­hei­me Ab­spra­chen mit dem Kreml tra­fen. Leu­te wie Co­mey, sagt er, lie­ßen sich durch nichts ein­schüch­tern, durch nie­man­den da­von ab­brin­gen, der Wahr­heit auf den Grund zu ge­hen. Auch nicht von Do­nald Trump. „Die­se Leu­te sind Got­tes­ge­schen­ke. Wenn je­mand die Re­pu­blik ret­ten kann, dann sind es die Top­leu­te des FBI.“

Die Ret­tung der Re­pu­blik: So über­trie­ben das klin­gen mag, es spricht Bän­de über die Er­war­tun­gen, die sich mit Co­meys ers­ten öf­fent­li­chen Aus­sa­gen seit sei­ner Ent­las­sung ver­bin­den. Für das li­be­ra­le Ame­ri­ka ist es nach wo­chen­lan­gem Vor­ge­plän­kel der ei­gent­li­che Be­ginn ei­nes Un­ter­su­chungs­ma­ra­thons, der wo­mög­lich mit Trumps Amts­ent­he­bung en­det – wenn auch frü­hes­tens nach der Kon­gress­wahl im Herbst 2018, und wohl auch nur dann, wenn die De­mo­kra­ten den Re­pu­bli­ka­nern die Mehr­heit im Par­la­ment ab­neh­men. Denn sonst müss­ten vie­le von Trumps Par­tei­freun­den ge­gen ihn stim­men. Das scheint der­zeit un­denk­bar – es sei denn, die von Co­mey vor­ge­brach­ten Vor­wür­fe wä­ren so gra­vie­rend und die Be­weis­la­ge ge­gen Trump so er­drü­ckend, dass selbst die Re­pu­bli­ka­ner nicht dar­an vor­bei könn­ten. Für die An­hän­ger der Prä­si­den­ten ist die mit Span­nung er­war­te­te Aus­sa­ge Co­meys oh­ne­hin nur der vor­läu­fi­ge Hö­he­punkt ei­ner He­xen­jagd, aus der ihr Held letzt­lich ge­stärkt her­vor­ge­hen wer­de, weil es schlicht kei­ne Be­wei­se ge­be für die The­se ge­hei­men Kun­gelns mit dem Kreml.

Der Ge­heim­dienst­aus­schuss wie­der­um ist streng ge­nom­men nur ein Ne­ben­schau­platz: Im Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses steht Mu­el­ler, der 72 Jah­re al­te Son­der­er­mitt­ler, der als Mus­ter des in­te­gren Pro­fis gilt. Als ei­ne Art Start­schuss für ei­ne Pha­se, in der es wirk­lich ernst wird, hat Co­meys Auf­tritt im „Se­na­te In­tel­li­gence Com­mit­tee“al­ler­dings ei­ne nicht zu un­ter­schät­zen­de sym­bo­li­sche Be­deu­tung.

Soll­te der Ge­schass­te un­ter­strei­chen, was ges­tern aus sei­ner be­reits schrift­lich ab­ge­ge­be­nen Aus­sa­ge durch­si­cker­te, dann wä­re dies ei­ne schwe­re Bür­de für den Mann im Oval Of­fice. Of­fen­bar zog der da­ma­li­ge FBIChef den Zorn des Prä­si­den­ten auf sich, weil er sich nicht be­ir­ren ließ, Licht ins Dun­kel der Russ­lan­dCon­nec­tion zu brin­gen.

Be­reits im Ja­nu­ar hat­te ihn Trump bei ei­nem Abend­es­sen im Wei­ßen Haus auf­ge­for­dert, ihm die Treue zu schwö­ren, was Co­mey ab­lehn­te. „Ich brau­che Loya­li­tät. Ich er­war­te Loya­li­tät“, sag­te Trump dem­nach. Co­mey war al­ler­dings nach ei­ge­nen Wor­ten be­sorgt, dass Trump ei­ne Art Klün­ge­lei mit ihm an­stre­be. „Das hat mich tief be­un­ru­higt.“Das FBI sei tra­di­tio­nell von der Re­gie­rung un­ab­hän­gig. Im Fe­bru­ar wur­de der baum­lan­ge Ju­rist ge­be­ten, nicht län­ger ge­gen Micha­el Flynn zu er­mit­teln, den nach nur 24 Ta­gen im Amt zu­rück­ge­tre­te­nen Na­tio­na­len Si­cher­heits­be­ra­ter, der mit dem rus­si­schen Bot­schaf­ter Ser­gej Kisljak mau­schel­te und sich als Lob­by­ist von der tür­ki­schen Re­gie­rung be­zah­len ließ.

Wie erst jetzt be­kannt wur­de, soll Trump auch den Ko­or­di­na­tor der USGe­heim­diens­te, Dan Coats, un­ter Druck ge­setzt ha­ben. Nach ei­nem Be­richt der „Wa­shing­ton Post“woll­te er den Ex-Se­na­tor da­zu brin­gen, beim da­ma­li­gen FBI-Chef zu in­ter­ve­nie­ren, auf dass des­sen Be­hör­de die Cau­sa Flynn nicht mehr un­ter die Lu­pe neh­me, zu­min­dest nicht mehr so gründ­lich. Bei ei­ner An­hö­rung im Ge­heim­dienst­aus­schuss des Se­nats sag­te Coats al­ler­dings ges­tern auf die Fra­ge, ob Trump ihn ge­drängt ha­be, die Be­deu­tung der FBI-Er­mitt­lun­gen in die­ser Sa­che her­un­ter­zu­spie­len, er ha­be sich nicht da­zu ge­drängt ge­fühlt, in die Gestal­tung der Ge­heim­dien­st­ar­beit ein­zu­grei­fen. NSAChef Mi­ke Ro­gers sag­te auf die­sel­be Fra­ge, er sei nie ge­be­ten wor­den, et­was Un­ge­setz­li­ches zu tun oder ge­drängt wor­den, un­mo­ra­lisch zu han­deln.

Was Co­mey zu al­le­dem sa­gen wird? Er wol­le in nüch­ter­ner Sach­lich­keit schil­dern, was er sei­ner­zeit mit Trump be­re­de­te, glau­ben In­si­der vor­ab zu wis­sen. Nach ei­nem Din­ner in der Macht­zen­tra­le er­schien ihm der Inhalt des Ge­sprächs im­mer­hin so bri­sant, dass er hin­ter­her No­ti­zen an­fer­tig­te. Mehr als die Rol­le des Zeu­gen wol­le er gleich­wohl nicht spie­len, heißt es.

Vor al­lem die De­mo­kra­ten wer­den wis­sen wol­len, ob der Staats­chef die Jus­tiz be­hin­der­te, als er das FBI an die kur­ze Lei­ne zu le­gen ver­such­te. Be­stä­tigt Co­mey den Ver­dacht, kann es eng wer­den für Trump. Dann näm­lich be­gä­be er sich, wie Tim Wei­ner es for­mu­liert, auf die „Ni­xon-Rutsch­bahn“. Der Vor­wurf der ver­such­ten Straf­ver­ei­te­lung im Amt en­de­te in Richard Ni­xons Fall 1974 mit dem er­zwun­ge­nen Rück­tritt des US-Prä­si­den­ten.

Selbst, wenn es so­weit nicht kom­men soll­te: Die Hand­lungs­fä­hig­keit des Prä­si­den­ten ist be­droht, soll­te der Skan­dal wei­ter kö­cheln. Zu­mal ne­ben Trump selbst ei­ni­ge zen­tra­le Fi­gu­ren aus sei­nem di­rek­ten Um­feld ins Zwie­licht ge­ra­ten sind, al­len vor­an sein Schwie­ger­sohn Ja­red Kush­ner, den Trump zu so et­was wie ei­nem Son­der­be­auf­trag­ten ge­macht hat. So gibt es Hin­wei­se auf Ver­bin­dun­gen Kush­ners zur Al­faGroup, ei­nem von rus­si­schen Olig­ar­chen ge­führ­ten Kon­zern mit Nä­he zum Kreml. Schon jetzt ha­ben die Er­mitt­lun­gen in der Russ­land-Af­fä­re ers­te Ris­se in der Re­gie­rung pro­vo­ziert. So soll es ei­nem Be­richt des Sen­ders ABC News zu­fol­ge des­we­gen zum Streit zwi­schen Trump und Jus­tiz­mi­nis­ter Jeff Ses­si­ons ge­kom­men sein. Ses­si­ons bot dem­nach min­des­tens ein­mal sei­nen Rück­tritt an. Da­bei galt er bis­her als Trumps treu­er Ge­folgs­mann der ers­ten St­un­de.

Die Russ­land-Af­fä­re

hat sich längst zur größ­ten Hy­po­thek von Trumps Prä­si­dent­schaft

aus­ge­wach­sen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.