„Frü­her war al­les bes­ser“

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - SPORT -

DÜS­SEL­DORF Als Li­be­ro stürm­te Hans-Gün­ter Bruns (62) in die Jahr­hun­dert­elf von Bo­rus­sia Mönchengladbach, als Trai­ner ist er eher im Ama­teur­fuß­ball un­ter­wegs. Im April 2017 teil­te der Ober­hau­se­ner Lan­des­li­gist Ar­mi­nia Klos­ter­hardt sei­nem Trai­ner mit, dass er von sei­nen Auf­ga­ben ent­bun­den ist. Des­halb er­lebt er ge­ra­de et­was, das er kaum kennt: fuß­ball­freie Zeit. War’s das mit dem Trai­ner­da­sein, Herr Bruns? HANS-GÜN­TER BRUNS Nein, in der Form möch­te ich nicht auf­hö­ren. Es ist nicht Ih­re ers­te Ent­las­sung. Trifft Sie das noch? BRUNS Was mich dar­an stört, ist der pu­re Ak­tio­nis­mus. In Deutsch­land herrscht ja die Mei­nung vor, dass sol­che Ent­las­sun­gen et­was brin­gen. Aber die Sta­tis­ti­ken sa­gen et­was ganz an­de­res. Ich bin aus dem Al­ter raus, in dem mich das be­las­tet. Wirk­lich wahr, dass Sie mit 23 Ih­ren ers­ten Trai­ner­job über­nah­men? BRUNS Das stimmt. Da­mals war ich ge­ra­de zu Wat­ten­scheid ge­wech­selt und ha­be Pas­qua­li­no Den­te ken­nen­ge­lernt. Sein ers­ter Sohn war mein Pa­ten­kind. Pas­qua­li­no spiel­te beim FC Sar­degna Ober­hau­sen in der Kreis­li­ga B und frag­te mich, ob ich de­nen nicht ein­mal in der Wo­che was zei­gen könn­te. Dar­aus wur­de gleich zwei­mal in der Wo­che. So bin ich in die Sa­che hin­ein­ge­ra­ten. Woll­ten Sie Bun­des­li­ga­trai­ner wer­den? BRUNS We­ni­ger. Mein Ziel war es, mit mei­ner Phi­lo­so­phie von Fuß­ball nach oben zu kom­men. Das ha­be ich mit Rot-Weiß Ober­hau­sen ge­schafft. Ihr größ­ter Er­folg. BRUNS Wür­de ich nicht mal sa­gen. Wenn es dar­um geht, mit wel­chem Ma­te­ri­al ich was er­reicht ha­be, war Sar­degna Ober­hau­sen ein­deu­tig hö­her ein­zu­schät­zen. Als ich die Mann­schaft in den 90ern er­neut über­nahm, wa­ren die in der Be­zirks­li­ga Ach­ter oder Ne­un­ter ge­wor­den. In der Som­mer­pau­se hat sich die Mann­schaft nur auf zwei, drei Po­si­tio­nen ver­än­dert – und wir sind in die Lan­des­li­ga auf­ge­stie­gen. Dann sind wie­der zwei, drei Spie­ler da­zu­ge­kom­men – und wir sind in die Ver- bands­li­ga auf­ge­stie­gen. Die ha­ben wir so­gar noch ein Jahr ge­hal­ten. Sind Sie Kum­pel oder Au­to­ri­tät? BRUNS So­wohl als auch. Ich kann mit den Jungs ei­nen trin­ken ge­hen, aber ich kann je­man­den, mit dem ich am Tag vor­her Arm in Arm im Klub­haus ge­sun­gen ha­be, zu­sam­men­fal­ten, wenn der ir­gend­was macht, mit dem ich nicht ein­ver­stan­den bin. War frü­her al­les bes­ser? BRUNS Ein­deu­tig ja. Heu­te kommt kein Ju­gend­li­cher mehr dar­auf, sich au­ßer­halb vom Trai­ning mit Fuß­ball zu be­schäf­ti­gen. Wenn bei uns frü­her die Ers­te ge­spielt hat, wa­ren von 100 Ju­gend­spie­lern 70 da. Heu­te ste­hen da viel­leicht noch sie­ben, weil die das gar nicht in­ter­es­siert. Die wol­len al­le Fuß­ball­pro­fi wer­den, ha­ben aber nicht den Hauch ei­ner Ah­nung, was man da­für ma­chen muss. Wie ha­ben sich denn die er­wach­se­nen Spie­ler ver­än­dert? BRUNS Völ­lig. Frü­her ging es nach dem Spiel ins Klub­haus und dann hol­la, die Wald­fee. Das hast du heu­te nicht mehr. 80 Pro­zent der Spie­ler sind nach dem Spiel weg. Wur­de frü­her mehr ge­trun­ken? BRUNS Das auf je­den Fall. Al­so nach je­dem Spiel ein Kas­ten? BRUNS Den Kas­ten gibt es heu­te auch noch, nur sieht der völ­lig an­ders aus. Frü­her be­stand der aus Pils, Alt und zwei, drei Co­la, heu­te ist es ei­ne bun­te Plat­te. Spri­te, Fan­ta, Co­la, Co­la Light – und Alt für Trai­ner, Co-Trai­ner und Be­treu­er. Aber ein Fuß­ball­trai­ner soll­te doch froh sein, wenn sei­ne Spie­ler we­ni­ger trin­ken. BRUNS Aber ich ver­mis­se die Ge­sel­lig­keit. Da wächst auch ei­ne Men­ge un­ter­ein­an­der. Zwei sehr gu­te Freun­de sind frü­he­re Spie­ler von mir. Wir tref­fen uns al­le fünf, sechs Wo­chen in un­se­rer Ur­alt-Kn­ei­pe und ma­chen nichts an­de­res, als zu dar­ten und uns weg­zu­schie­ßen. Wa­ren Sie im­mer voll­kom­men nüch­tern auf dem Platz? BRUNS Im Grun­de ge­nom­men ja. Im Grun­de ge­nom­men? BRUNS Nicht bei Freund­schafts­spie­len. Wie ha­ben Sie Rot-Weiß Ober­hau­sen von der vier­ten in die 2. Li­ga ge­führt? BRUNS Je­den­falls war es kein Zu­fall. Das größ­te Plus: Bis auf zwei, drei Spie­ler war nichts mehr da. Ich ha­be nach und nach den Ka­der auf­ge­füllt, Spie­ler ge­holt, die kaum je­man­dem was ge­sagt ha­ben. Spä­ter hat der Ver­ein Sie raus­ge­wor­fen. BRUNS Da fing die Spin­ne­rei an, je­der wuss­te al­les bes­ser. So­bald beim Um­feld die An­sprü­che über­trie­ben steigen, ist der Punkt ge­kom­men, wo du weißt: Jetzt geht es ab­wärts. Du brauchst Ty­pen, die klar in der Bir­ne sind. Nach den Sta­tio­nen in Wup­per­tal und Vel­bert woll­ten Sie ei­gent­lich auf­hö­ren. Und ha­ben dann doch bei Ar­mi­nia Klos­ter­hardt an­ge­heu­ert. BRUNS Ich woll­te nur nicht mehr in ei­ner hö­he­ren Li­ga trai­nie­ren. Da­von war ich ge­heilt. Es ist im­mer schlim­mer ge­wor­den, was die Gre­mi­en an­geht. Die wa­ren frü­her schon schlimm, aber heu­te? Un­fass­bar. Was ha­ben die Ama­teu­re den Pro­fi­li­gen vor­aus? BRUNS Dort wird ziel­ge­rich­tet Fuß­ball ge­spielt, wäh­rend die meis­ten Bun­des­li­ga­ver­ei­ne auf Ball­be­sitz aus sind. Mitt­ler­wei­le gu­cke ich mir kei­ne Bun­des­li­ga­spie­le mehr an, nur Mönchengladbach, aber das hat mit Emo­tio­nen zu tun. Die­ser Fuß­ball ist mir zu lang­wei­lig. Das ist in den un­te­ren Klas­sen nicht so. Weil sie den Ball nicht hal­ten kön­nen, müs­sen BRUNS Mo­ment mal. Ei­nes möch­te ich fest­hal­ten: Ich hän­ge nicht an der Fla­sche. Bei Fei­er­lich­kei­ten trin­ke ich ger­ne mein Alt. An­sons­ten nein. Der Arzt mein­te, ich hät­te noch mal Glück ge­habt. Seit De­zem­ber ma­che ich wie­der selbst Sport. Er­go­me­ter, ein paar Ge­rä­te. Man sieht es viel­leicht nicht, aber ich ha­be 15 Ki­lo ab­ge­nom­men. Mei­ne Er­näh­rung ha­be ich um­ge­stellt. Nun müs­sen Sie ei­ne Wei­le oh­ne Trai­ner­job aus­kom­men. Wür­den Sie sich noch mal Kreis­li­ga an­tun? BRUNS Fuß­ball ist für mich Fuß­ball. In ers­ter Li­nie muss da ei­ne Mann­schaft sein, die auch et­was er­rei­chen möch­te. Ich will nur nicht mehr Re­gio­nal­li­ga oder hö­her trai­nie­ren, aber an­sons­ten ist mir die Li­ga egal. Wenn ei­ner meint, dass ich ein or­dent­li­cher Trai­ner wä­re, kann er sich ger­ne mel­den. DAS GE­SPRÄCH FÜHR­TE SE­BAS­TI­AN DALKOWSKI

FO­TO: ANDRE­AS ENDERMANN

Kri­ti­scher Blick auf den mo­der­nen Fuß­ball: Hans-Gün­ter Bruns.

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