Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Wäh­rend er die al­ten Bret­ter für sein Re­gal ab­schmir­gel­te und sah, wie das raue Äu­ße­re ver­schwand und un­ter dem grau Ver­wit­ter­ten das ei­gent­li­che Holz her­vor­kam, der sat­te Reich­tum von Ma­se­rung und Struk­tur, wäh­rend er die Mö­bel re­pa­rier­te und im Zim­mer auf­stell­te, war er selbst es, der lang­sam Gestalt ge­wann, war er es, dem er ir­gend­wie ei­ne Ord­nung ver­lieh, war er es, den er mög­lich mach­te.

Ob­wohl Schul­den und Not ihn im­mer wie­der zu er­drü­cken droh­ten, wa­ren die nächs­ten Jah­re glück­lich, und im Gro­ßen und Gan­zen führ­te er ein Le­ben, wie er es sich als jun­ger Stu­dent und auch da­mals, gleich nach der Hei­rat, er­träumt hat­te. Nur spiel­te Edith dar­in ei­ne nicht gar so gro­ße Rol­le wie einst er­hofft, ge­nau ge­nom­men schien für sie bei­de so­gar ei­ne lan­ge Zeit des Waf­fen­still­stands be­gon­nen zu ha­ben, die ihm wie ein Schach­matt vor­kam. Meist führ­ten sie ge­trenn­te Le­ben; Edith hielt das Haus, in das nur sel­ten Gäs­te ka­men, ma­kel­los sau­ber. Und wenn sie nicht feg­te, Staub wisch­te, wusch oder po­lier­te, blieb sie auf ih­rem Zim­mer, wo­mit sie ganz zu­frie­den zu sein schien. Wil­li­ams Ar­beits­zim­mer be­trat sie kein ein­zi­ges Mal; es war, als wür­de es für sie gar nicht exis­tie­ren.

Wil­li­am küm­mer­te sich wei­ter­hin na­he­zu al­lein um ih­re Toch­ter. Wenn er nach­mit­tags von der Uni­ver­si­tät kam, hol­te er Gra­ce aus der obe­ren Schlaf­kam­mer, die er zu ei­nem Kin­der­zim­mer um­ge­baut hat­te, und ließ sie in sei­nem Ar­beits­zim­mer spie­len. Sie be­schäf­tig­te sich still und ge­nüg­sam auf dem Bo­den und schien gern al­lein zu sein. Ge­le­gent­lich re­de­te Wil­li­am mit ihr, wor­auf sie in ih­rem Tun in­ne­hielt und ernst auf­schau­te, ehe sich lang­sam ein se­li­ges Lä­cheln auf ih­rem Ge­sicht aus­brei­te­te.

Manch­mal lud er Stu­den­ten zu Tref­fen und Ge­sprä­chen ein, koch­te Tee auf ei­ner klei­nen Heiz­plat­te, die ne­ben sei­nem Tisch stand, und spür­te ei­ne un­be­hol­fe­ne Zärt­lich­keit für die jun­gen Leu­te, die ver­le­gen auf den Stüh­len sa­ßen, Be­mer­kun­gen über sei­ne Bi­b­lio­thek oder Kom­pli­men­te über sei­ne hüb­sche Toch­ter mach­ten. Er ent­schul­dig­te sich für die Ab­we­sen­heit sei­ner Frau und er­klär­te, dass sie krank sei, bis er be­griff, dass sei­ne wie­der­hol­ten Ent­schul­di­gun­gen ih­re Ab­we­sen­heit nur be­ton­ten; al­so er­wähn­te er sie nicht mehr und hoff­te, sein Schwei­gen mö­ge we­ni­ger kom­pro­mit­tie­rend sein als sei­ne Er­klä­run­gen.

Hät­te Edith nicht in sei­nem Le­ben ge­fehlt, wä­re es fast voll­kom­men ge­we­sen. Er las und schrieb, falls er nicht ge­ra­de Se­mi­na­re vor­be­rei­te­te, Klau­su­ren kor­ri­gier­te oder Dok­tor­ar­bei­ten durch­ging. Mit der Zeit hoff­te er, sich als Leh­rer wie als Ge­lehr­ter ei­nen gu­ten Ruf er­ar­bei­ten zu kön­nen. Sei­ne Er­war­tun­gen für das ers­te Buch wa­ren vor­sich­tig und be­schei­den, und sie er­wie­sen sich als an­ge­mes­sen; ein Re­zen­sent nann­te es ,gründ­lich’, ein an­de­rer ,ei­ne kom­pe­ten­te Stu­die’. An­fangs war er sehr stolz dar­auf ge­we­sen, hat­te es in Hän­den ge­hal­ten, dar­in ge­blät­tert und mit den Fin­ger­spit­zen über den schlich­ten Ein­band ge­stri­chen. Zart und le­ben­dig wie ein Kind kam es ihm vor. Ge­druckt las er sei­ne Ar­beit noch ein­mal und war ge­lin­de über­rascht, dass sie we­der bes­ser noch schlech­ter als er­war­tet aus­fiel. Nach ei­ner Wei­le hat­te er sich al­ler­dings dar­an satt ge­se­hen, doch konn­te er nie oh­ne ein Ge­fühl des Stau­nens und der Un­gläu­big­keit über die ei­ge­ne Ver­mes­sen­heit und die über­nom­me­ne Ver­ant­wor­tung an sein Werk oder sei­ne Au­to­ren­schaft den­ken.

Im Früh­ling des Jah­res 1927 kam Wil­li­am Sto­ner ei­nes Abends spät nach Hau­se. In der feucht­war­men Luft hing der Duft auf­ge­hen­der Blü­ten; Gril­len zirp­ten im Ver­bor­ge­nen; in der Fer­ne wir­bel­te ein ein­sa­mes Au­to­mo­bil Staub auf und zer­riss die Stil­le mit lau­tem, trot­zi­gem Ge­knat­ter. Er ging lang­sam, wie ge­bannt von die­ser schlaf­trun­ke­nen neu­en Jah­res­zeit, ge­rührt von den win­zi­gen grü­nen Knos­pen, die aus dem Schat­ten von Baum und Busch her­vor­glüh­ten.

Als er ins Haus kam, stand Edith am an­de­ren En­de des Wohn­zim­mers, hielt den Te­le­fon­hö­rer am Ohr und schau­te ihn an. „Du kommst spät“, sag­te sie. „Ja“, er­wi­der­te er freund­lich. „Ich kom­me aus ei­nem Ri­go­ro­sum.“Sie reich­te ihm den Hö­rer. „Für dich. Ein Fern­ge­spräch. Je­mand ver­sucht schon den gan­zen Nach­mit­tag, dich zu er­rei­chen. Ich ha­be ihm ge­sagt, dass du in der Uni­ver­si­tät bist, aber er hat trotz­dem al­le St­un­de hier an­ge­ru­fen.“Wil­li­am nahm den Hö­rer und sprach in die Mu­schel. Nie­mand ant­wor­te­te. „Hal­lo?“, sag­te er noch ein­mal. Ihm ant­wor­te­te die un­be­kann­te ble­cher­ne Stim­me ei­nes Man­nes. „Bill Sto­ner?“„Ja. Wer spricht denn?“„Sie ken­nen mich nicht. Ich bin nur zu­fäl­lig vor­bei­ge­kom­men, und Ih­re Ma hat mich ge­be­ten, die­sen An­ruf zu ma­chen. Ich ver­su­che schon den gan­zen Nach­mit­tag, Sie zu er­rei­chen.“„Ja“, sag­te Sto­ner. Sei­ne Hand, die den Hö­rer hielt, zit­ter­te. „Was ist denn?“ „Es geht um Ih­ren Pa“, sag­te die Stim­me. „Ich weiß gar nicht, wie ich an­fan­gen soll.“Die tro­cke­ne, la­ko­ni­sche, ver­ängs­tig­te Stim­me fuhr fort, und Wil­li­am Sto­ner hör­te ihr apa­thisch zu, als exis­tier­te sie al­lein in dem Hö­rer, den er sich ans Ohr hielt. Was er ver­nahm, be­traf sei­nen Va­ter. Er hat­te (sag­te die Stim­me) sich schon fast ei­ne Wo­che nicht be­son­ders ge­fühlt, aber da sein Land­ar­bei­ter mit dem Pflü­gen und An­pflan­zen nicht nach­kam, war er trotz ho­hen Fie­bers früh am Morgen auf­ge­stan­den, um bei der Aus­saat zu hel­fen. Am spä­ten Vor­mit­tag hat­te ihn der Land­ar­bei­ter ge­fun­den, be­wusst­los und mit dem Ge­sicht nach un­ten auf dem ge­pflüg­ten Acker. Er hat­te ihn ins Haus ge­tra­gen, ins Bett ge­legt und den Arzt ge­ru­fen, aber ge­gen Mit­tag war er tot. „Vie­len Dank für den An­ruf“, sag­te Sto­ner me­cha­nisch. „Sa­gen Sie mei­ner Mut­ter, dass ich morgen kom­me.“Er leg­te den Hö­rer auf die Ga­bel und starr­te lan­ge die glo­cken­för­mi­ge Sprech­mu­schel am En­de des schma­len schwar­zen Zy­lin­ders an. Dann dreh­te er sich um und blick­te ins Zim­mer. Edith be­ob­ach­te­te ihn auf­merk­sam. „Und? Was ist?“, frag­te sie. „Mein Va­ter“, ant­wor­te­te Sto­ner. „Er ist tot.“„Ach, Wil­ly!“, rief Edith und nick­te. „Da wirst du wohl für den Rest der Wo­che fort sein.“„Ja“, sag­te Sto­ner. „Dann bit­te ich Tan­te Em­ma zu uns, da­mit sie mir mit Gra­ce hilft.“„Ja“, sag­te Sto­ner ge­dan­ken­ver­lo­ren. „Ja.“

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