Ein ers­tes Brot aus Acker­boh­nen

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON JAN SCHNETTLER

Die Kel­zen­ber­ger Bä­cke­rei bringt heu­te ein Misch­brot auf den Markt, das aus Din­kel und Acker­boh­nen be­steht. Letz­te­re sol­len als Al­ter­na­ti­ve zu Im­portso­ja auf­ge­baut wer­den. Da­für setzt sich der neue Ver­ein „Rheinische Acker­boh­ne“ein.

Die Ge­schmacks­knos­pen der Land­ju­gend wa­ren der Grad­mes­ser – und die wa­ren ziem­lich an­ge­tan. In Lin­nich im Kreis Dü­ren ist das Brot, das es ab heu­te erst­mals zu kau­fen gibt, al­so be­reits ver­kos­tet wor­den. „Ack­bo“heißt es, der erst 21-jäh­ri­ge Mönchengladbacher Bä­cker­meis­ter Be­ne­dikt And­ler hat es ent­wi­ckelt, und die In­halts­stof­fe sind höchst un­ge­wöhn­lich: 60 Pro­zent Din­kel, okay. Aber die rest­li­chen 40 Pro­zent? Acker­boh­ne! Ack­bo – Acker­boh­nen­brot. Denn bei der Feld­frucht, die auch als Sau­boh­ne, Fa­va­boh­ne oder Di­cke Boh­ne be­kannt ist, han­delt es sich um ei­ne mehr oder we­ni­ger in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­ne re­gio­na­le Ei­weiß­pflan­ze, die durch­aus wie­der als Al­ter­na­ti­ve zu im­por­tier­tem So­ja die­nen könn­te. Und soll, wenn es nach dem Ver­ein „Rheinische Acker­boh­ne“geht.

Den ha­ben Ma­ria und Karl-Adolf Kre­mer ins Le­ben ge­ru­fen, die in be­sag­tem Lin­nich ei­nen Hof be­trei­ben – und auf sie­ben Hekt­ar sel­ber Acker­boh­nen an­bau­en. Mit der Kel­zen­ber­ger Bä­cke­rei aus Güd­derath ha­ben sie ei­ne Bä­cke­rei an der Hand, die, so­zu­sa­gen als Feld­ver­such, ein Acker­boh­nen­brot ent­wi­ckelt und auf den Markt ge­bracht hat. Knusp­rig ist es, schmack­haft – und von der Kon­sis­tenz her wohl­tu­end an­ders als die häu­fig et­was feucht an­mu­ten­den Ei­weiß­bro­te. „Beim Acker­boh­nen­mehl muss viel Was­ser zu­ge­setzt wer­den, das bei der Al­te­rung dann ans Brot ab­ge­ge­ben wird“, sagt And­ler. Mit der Fol- ge, dass das Brot auch nach vier bis fünf Ta­gen noch frisch schme­cke. Zu­mal die Mi­schung aus Din­kel und Acker­boh­ne auch noch ein glu­ten­ar­mes Ge­samt­re­sul­tat er­ge­be.

Aber war­um Acker­boh­nen? Den Kre­mers kam die Pflan­ze in den Sinn, als die Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP und CE­TA in der Dis­kus­si­on wa­ren. „82 Pro­zent des Im­portso­jas sind gen­ma­ni­pu­liert, aber 75 Pro­zent der deut­schen Be­völ­ke­rung wol­len kei­ne gen­tech­nik-ver­än­der­ten Nah­rungs­mit­tel es­sen“, sagt Karl-Adolf Kre­mer. „Das ist doch pa­ra­dox.“Im Ja­nu­ar wur­de ihr ge- mein­nüt­zi­ger Ver­ein ge­grün­det, durch Land­wir­te, Ver­bän­de, In­sti­tu­tio­nen und För­de­rer, im Lan­des­um­welt­amt in Es­sen. Ers­te Milch­hö­fe füt­tern ih­re Kü­he da­mit, Le­ge­hen­nen­be­trie­be ih­re Hüh­ner, Agrar­ge­nos­sen­schaf­ten sind mit im Boot, eben­so Im­ker und Flei­scher. Und eben Bä­cker, dar­un­ter als Pio­nie­re die Kel­zen­ber­ger Bä­cke­rei.

Der klei­ne Fa­mi­li­en­be­trieb be­steht seit 1926, 2008 zog er aus Jü­chen-Kel­zen­berg nach Güd­derath. Die dor­ti­ge Back­stu­be ist der ein­zi­ge Ver­kaufs­la­den, da­zu gibt es noch ein Markt­fahr­zeug (don­ners­tags in Gie­sen­kir­chen und sams­tags in Rhe­ydt auf den Wo­chen­märk­ten). En­de 2016 wur­de die Bä­cke­rei ein­mal mehr vom „Fein­schme­cker“aus­ge­zeich­net. And­lers Mut­ter Ka­rin führt das fünf­köp­fi­ge Team plus ei­nem Aus­zu­bil­den­den, mit dem Jung­bä­cker steht die fünf­te Ge­ne­ra­ti­on schon in den Start­lö­chern. „Bei uns wer­den ech­tes Hand­werk und Re­gio­na­li­tät groß­ge­schrie­ben“, sagt Be­ne­dikt And­ler, der schon mit 19 sei­nen Meis­ter mach­te. Mit die­ser Ein­stel­lung hat er bei den Kre­mers na­tür­lich of­fe­ne Tü­ren ein­ge­rannt.

Die sind mitt­ler­wei­le aber auch mit drei gro­ßen Bä­cke­rei­ket­ten im Ge­spräch. Auch dort er­ken­ne man die Vor­zü­ge der hei­mi­schen So­ja-Al­ter­na­ti­ve zu­se­hends, sagt Ma­ria Kre­mer. Zu­mal die Acker­boh­ne – ne­ben dem Ver­zicht auf Gen­tech­nik – noch an­de­re Vor­zü­ge bie­te. Et­wa ei­ne Ver­rin­ge­rung der Treib­haus­ga­se (weil es kei­ne Ni­trat­aus­wa­schung gibt) und ei­ner Stär­kung des Na­tur­schut­zes (die Pflan­zen blü­hen, so­bald der Raps ab­ge­blüht ist, und hel­fen so­mit Bie­nen und Hum­meln durch schwie­ri­ge Zei­ten).

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zum Ver­ein „Rheinische Acker­boh­ne“gibt es auf www.rheinische-acker­boh­ne.de oder un­ter Te­le­fon 02462 2125. Die Kel­zen­ber­ger Bä­cke­rei sitzt an der Hanns-Mar­tin-Schley­erStra­ße 53 in Güd­derath und ist un­ter www.schwarz-brot.de oder Te­le­fon 02166 1305253 zu er­rei­chen. Ge­öff­net ist diens­tags bis frei­tags von 6 bis 14.30, sams­tags von 7 bis 13 Uhr. Wei­te­rer Bericht Sei­te „Gut Le­ben“im Haupt­teil der Rhei­ni­schen Post

FO­TOS: JÜR­GEN LAASER, JAN SCHNETTLER

Ma­ria (48) und Karl-Adolf Kre­mer (56) an ih­rem Acker­boh­nen­feld in Lin­nich-Kof­fe­ren. In der Mit­te Be­ne­dikt And­ler (21) von der Kel­zen­ber­ger Bä­cke­rei, der sein Acker­boh­nen­misch­brot „Ack­bo“zeigt.

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