Ge­richts­pro­zess im Klas­sen­zim­mer

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON MAREI VITTINGHOFF

Ein­mal in der Wo­che un­ter­rich­tet Ge­richts­spre­cher Jan-Phi­lip Schreiber die in­ter­na­tio­na­le Vor­be­rei­tungs­klas­se des Gym­na­si­ums an der Gar­ten­stra­ße in Rechts­kun­de. Die Schü­ler kom­men al­le frei­wil­lig – und sind mit Be­geis­te­rung da­bei.

GRENZLANDSTADION Yas­sin, Alen und Mo­ham­mad müs­sen heu­te ei­ne wich­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen. In ei­ner Dis­ko­thek hat es ei­ne Schlä­ge­rei ge­ge­ben. Zwei Män­ner – Bur­han und Ar­man­do – woll­ten dort ei­nen feucht­fröh­li­chen Abend mit ih­ren Freun­den ver­brin­gen, als plötz­lich ein Mäd­chen da­zwi­schen kommt. Bei­den ge­fällt das Mäd­chen, bei­de wol­len mit ihm tan­zen, bei­de kön­nen sich nicht zu­sam­men­rei­ßen. Es kommt zum Eklat – der Abend en­det blu­tig. Ar­man­do hat Bur­han die Na­se ge­bro­chen. Jetzt ver­langt Bur­han als Klä­ger vor dem Land­ge­richt 6000 Eu­ro Schmer­zens­geld von Ar­man­do. Der wei­gert sich ve­he­ment, die Sum­me zu be­zah­len, meint, Bur­han hät­te sich die Na­se selbst ge­bro­chen, als er ihm ei­nen Kopf­stoß ver­pas­sen woll­te. Als Kam­mer des Ge­richts müs­sen sie nun ab­wä­gen: ob die Ge­schich­te wohl glaub­haft ist? Und sind 6000 Eu­ro auf­grund der Um­stän­de wirk­lich ein an­ge­mes­se­ner Be­trag?

Die Ver­hand­lung, die hier in ei­nem klei­nen Klas­sen­zim­mer des Gym­na­si­ums an der Gar­ten­stra­ße ge­spielt wird, ist na­tür­lich nicht echt. Bur­han und Ar­man­do ha­ben sich auch nicht ge­prü­gelt – im Ge­gen­teil. En­ga­giert wie sie sind, ha­ben sie sich mit acht wei­te­ren Schü­lern der in­ter­na­tio­na­len Vor­be­rei­tungs­klas­se des Gym­na­si­ums frei­wil­lig als Schau­spie­ler für das Ge­richts-Rol­len­spiel ge­mel­det. 18 Schü­ler, un­ter an­de­rem aus Sy­ri­en, Ma­rok­ko, Ser­bi­en, Äthio­pi­en und Spa­ni­en, be­fin­den sich in der Klas- se. Ei­gent­lich hät­ten sie schon Schul­schluss, für die 90-mi­nü­ti­ge Rechts­kun­de-AG mit Ge­richts­spre­cher Jan-Phi­lip Schreiber blei­ben sie aber ger­ne län­ger.

Die sechs Ter­mi­ne um­fas­sen­de AG ist ein Pro­jekt des Jus­tiz-Mi­nis­te­ri­ums Nord­rhein-West­fa­lens. Schreiber wur­de ge­fragt, ob er Lust und Zeit hät­te, ein­mal die Wo­che in das Gym­na­si­um an der Gar­ten­stra­ße zu kom­men – und das hat­te er: „Ich fin­de Rechts­kun­de-Un­ter­richt an der Schu­le ins­ge­samt gut“, sagt er. „Um­so sinn­vol­ler ist es da, wenn in Be­tracht kommt, dass jun­ge Leu­te nicht so na­tür­lich mit un­se­ren Grund­rech­ten auf­ge­wach­sen sind wie wir oder even­tu­ell ganz an­de­re in ih­rem Land hat­ten.“Wäh­rend der AG-St­un­den klärt er dar­um über die deut­sche Ver­fas­sung, Men­schen­wür­de und Frei­heits­rech­te auf und er­klärt die Vor­ge­hens­wei­se des Ge­richts. Ge­meint ist das Pro­jekt aber kei­nes­falls prä­ven­tiv: „Es geht eher dar­um, zu sa­gen: Guck mal, was in Deutsch­land al­les mög­lich ist“, sagt Klas­sen­leh­re­rin Me­la­nie Rö­er, die die AG mit un­ter­stützt. „Vie­le wis­sen gar nicht, was die De­mo­kra­tie al­les her­ge­ben kann, und wel­che Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten es gibt.“

Wie sehr die Schü­ler das The­ma in­ter­es­siert, zeigt al­lein, wie auf­merk­sam sie die St­un­de ver­fol­gen. „Ei­gent­lich müss­te doch auch noch das Mäd­chen aus der Dis­co als Zeu­gin da­bei sein“, merkt so et­wa Bur­han wäh­rend der Ver­hand­lung an. „Das stimmt“, lobt Schreiber. „Oft fehlt wäh­rend ei­ner Ver­hand­lung aber der bes­te Zeu­ge. Das Mäd­chen ist wohl di­rekt ab­ge­hau­en und ihr Na­me ist nicht be­kannt“, sagt er.

Ne­ben der Lan­des­kun­de spielt aber auch die Sprach­ver­mitt­lung ei­ne gro­ße Rol­le. „Die Sprach­bar­rie­re ist schon ei­ne Her­aus­for­de­rung. In der ers­ten St­un­de war es doch schwie­ri­ger als ge­dacht, ver­stan­den zu wer­den. Heu­te geht das spie­le­risch und mit Bil­dern schon bes­ser“, er­zählt der Ge­richts­spre­cher. So er­klärt er den Schü­lern ge­dul­dig, was ein Zeu­ge ist („je­mand, der et­was ge­se­hen hat“), was pro­vo­zie­ren heißt („är­gern, da­mit es Streit gibt“) und was man un­ter Schmer­zens­geld über­haupt ver­steht („Geld, das man be­kommt, wenn ei­nem weh­ge­tan wur­de“).

Die Kam­mer hat sich in­zwi­schen be­ra­ten. Ihr Ur­teil: Da Ar­man­do und Bur­han bei­de be­tei­ligt wa­ren, sol­len auch bei­de zah­len müs­sen. Schreiber fin­det die Idee gut, merkt aber an: „Um Schmer­zens­geld zu be­kom­men, müss­te Ar­man­do selbst noch ei­ne Kla­ge ein­rei­chen“.

In der nächs­ten St­un­de soll wie­der ver­han­delt wer­den. Dies­mal, ob je­mand ins Ge­fäng­nis muss: Dann es geht um Straf­pro­zes­se.

FOTO: DET­LEF ILGNER

Die Ver­hand­lung, die hier in ei­nem klei­nen Klas­sen­zim­mer des Gym­na­si­ums an der Gar­ten­stra­ße ge­spielt wird, ist na­tür­lich nicht echt: Ge­richts­spre­cher Jan-Phil­ipp Schreiber un­ter­rich­tet die In­ter­na­tio­na­le Vor­be­rei­tungs­klas­se.

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