Deutsch­land klingt nach Beet­ho­ven

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON PE­TRA DIEDERICHS

Als Hei­mat emp­fin­det Chi­sa­to Ya­ma­mo­to im­mer noch Ja­pan. Ein biss­chen auch Deutsch­land, und vor al­lem die Mu­sik. Seit 2000 ist die Gei­ge­rin Kon­zert­meis­te­rin bei den Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­kern am Ge­mein­schafts­thea­ter.

Als Chi­sa­to Ya­ma­mo­to noch ganz klein war und we­nig über die Welt au­ßer­halb Ja­pans wuss­te, hat­te sie schon ei­ne Vor­stel­lung von Deutsch­land: Es war der Klang von Beet­ho­vens Ne­un­ter. Zum Jah­res­en­de er­klingt in Ja­pan tra­di­tio­nell die Beet­ho­ven-Sin­fo­nie. „Bis zu 10.000 Leu­te kom­men zu­sam­men“, sagt Ya­ma­mo­to. Es wer­den so­gar ei­gens Sprach- und Pho­ne­tik­kur­se an­ge­bo­ten, da­mit die Zu­hö­rer „Freu­de schö­ner Göt­ter­fun­ken“klang­rein mit­schmet­tern kön­nen. „Ich glau­be, es ist der Bom­bast, der so be­ein­druckt.“Sie ist in Kyo­to ge­bo­ren, in To­kio auf­ge­wach­sen – mit deut­scher Mu­sik. Im mu­si­ka­li­schen El­tern­haus lief Klas­sik-Ra­dio. „Sonn­tags um 9 Uhr war im­mer Bach“. Er sei im­mer noch ihr Lieb­lings­kom­po­nist. „Sei­ne Mu­sik ist klar, aber sehr tief, dar­in sind so vie­le Emo­tio­nen. Sie ist schwie­rig zu spie­len, rein tech­nisch. Aber für mich gibt es kei­ne an­de­re Mu­sik, bei der ich so in mich ge­hen kann.“

Die Hei­mat der klas­si­schen Mu­sik woll­te sie ent­de­cken, des­halb mach­te sie sich mit 22 Jah­ren auf ins Aus­land. Seit ih­rem fünf­ten Le­bens­jahr hat sie Gei­gen­un­ter­richt. In To­kio hat sie klas­si­sche Mu­sik stu­diert. „Aber es geht nicht nur um die No­ten. Ich woll­te an das her­an, was da­hin­ter steckt. Da­zu muss­te ich die Spra­che ver­ste­hen.“So kam sie nach Deutsch­land. „Ich ha­be vor der Abrei­se ei­nen Mo­nat lang in­ten­siv Deutsch ge­lernt. Aber in Stutt­gart, wo mei­ne Schwes­ter schon leb­te, ver­stand ich gar nichts. Die spra­chen dort ganz an­de­res Deutsch.“Und es kam noch di­cker. „Das Es­sen. Nicht ein­mal, weil es so def­tig war: Aber die­se rie­si­gen Por­tio­nen und das Salz.“Beim Stu­di­um in Frei­burg war die Men­sa al­so nur Not­lö­sung. Ge­mein­sam mit ja­pa­ni­schen Kom­mi­li­to­nin­nen hieß es: sel­ber ko­chen. Vor gut 20 Jah­ren ei­ne heh­re Auf­ga­be, ja­pa­ni­sche Le­bens­mit­tel wa­ren nicht im Su­per­markt zu ha­ben. Auf der Su­che nach dem Ge­schmack der Hei­mat sei sie in Er­man­ge­lung ech­ter So­ja­so­ße bei Mag­gi an­ge­langt. Und da ist wie­der ihr glo­cken­hel­les La­chen.

Hu­mor und der op­ti­mis­ti­sche Blick auf die Ge­gen­wart ha­ben das Le­ben in der an­fangs frem­den Welt er­leich­tert. „Im ers­ten Jahr ha­be ich oft Heim­weh ge­habt. Aber ich woll­te durch­hal­ten“, er­zählt die Mu­si­ke­rin.

Je tie­fer sie in die Spra­che ih­rer Lieb­lings­kom­po­nis­ten ein­tauch­te, des­to mehr hör­te sie in de­ren Mu­sik, er­schloss sich auch Li­te­ra­tur und Phi­lo­so­phie. „Es war ein AhaEr­leb­nis, dass Schu­mann und Schu­bert auch Ge­dich­te ver­tont ha­ben. Man muss die Spra­che ken­nen, aus der her­aus sie kom­po­niert ha­ben.“An die vier Jah­re Frei­burg häng­te sie ein zwei­jäh­ri­ges Sti­pen­di­um an der Kam­mer­aka­de­mie Neuss. Dann lern­te sie ei­nen jun­gen deut­schen Mu­si­ker ken­nen – und blieb. Nach 4,5 Jah­ren im Orches­ter Os­na­brück kam sie 2000 ans Ge­mein­schafts­thea­ter. Mit 35 be­kam sie die Stel­le als 2. Kon­zert­meis­te­rin bei den Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­kern, wo auch Ehe­mann Hol­ger Saß­manns­haus als Kon­tra­bas­sist an­ge­stellt ist. To­kio, sagt sie, ist im­mer noch Hei­mat: „Dort ge­he ich an­ders und bin von der Grö­ße her mit al­len auf Au­gen­hö­he. Vi­el­leicht liegt es dar­an, dass ich dort erst mit 22 Jah­ren weg­ge­gan­gen bin.“

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