Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Er lag auf dem Bett und blick­te aus dem ein­zi­gen Fens­ter, bis die Däm­me­rung an­brach, bis kei­ne Schat­ten mehr auf dem Land la­gen, bis es sich grau, aus­ge­laugt und schier un­end­lich vor ihm aus­dehn­te.

Nach dem Tod sei­nes Va­ters fuhr Sto­ner so oft wie nur mög­lich übers Wo­che­n­en­de zur Farm; und je­des Mal, wenn er sei­ne Mut­ter sah, war sie dün­ner, blas­ser und stil­ler ge­wor­den, bis al­lein ih­re ein­ge­sun­ke­nen, glän­zen­den Au­gen noch am Le­ben zu sein schie­nen. Wäh­rend ih­rer letz­ten Ta­ge sprach sie kein Wort mit ihm; nur ih­re Au­gen fla­cker­ten noch schwach, wenn sie aus dem Bett zu ihm auf­sah; und manch­mal ent­wich ih­ren Lip­pen ein lei­ser Seuf­zer.

Er be­grub sie ne­ben ih­rem Mann. Als nach der And­acht die we­ni­gen Trau­er­gäs­te ge­gan­gen wa­ren, stand er al­lein im kal­ten No­vem­ber­wind und blick­te auf die bei­den Grä­ber, ei­nes noch ge­öff­net, das an­de­re ein mit dün­nem Ra­sen­pelz be­deck­ter Hü­gel. Er dreh­te sich um auf dem klei­nen, kah­len, baum­lo­sen Fried­hof, auf dem Leu­te wie sein Va­ter und sei­ne Mut­ter be­gra­ben la­gen, und blick­te über das fla­che Land zur Farm, auf der er ge­bo­ren wor­den war und auf der sei­ne El­tern ih­re Le­ben ver­bracht hat­ten. Er dach­te dar­an, was ih­nen Jahr um Jahr die Er­de ab­ver­langt hat­te, die doch blieb, wie sie ge­we­sen war – nur vi­el­leicht ein we­nig kar­ger, ein we­nig är­mer. Nichts hat­te sich ge­än­dert. Ihr Le­ben war in freud­lo­ser Ar­beit ver­aus­gabt, ihr Wil­le ge­bro­chen, ihr Ver­stand be­täubt wor­den. Jetzt la­gen sie in der Er­de, der sie al­les ge­ge­ben hat­ten, und lang­sam, Jahr um Jahr, wür­de die Er­de sie sich ho­len. Feuch­tig­keit und Fäul­nis wür­den sich über die Kie­fern­kis­ten her­ma­chen, in de­nen ih­re to­ten Kör­per la­gen, wür­den lang­sam auch auf ihr Fleisch über­grei­fen, bis schließ­lich auch die letz­ten Spu­ren ih­rer Exis- tenz ver­nich­tet wa­ren. Dann wür­den sie ein be­deu­tungs­lo­ser Teil der wi­der­spens­ti­gen Er­de ge­wor­den sein, der sie sich schon vor lan­ger Zeit ver­schrie­ben hat­ten.

Er ließ To­be den Win­ter über auf der Farm woh­nen und bot sie im Früh­jahr 1928 zum Ver­kauf an. Mit To­be hat­te er ver­ein­bart, dass er bis zum Ver­kauf blei­ben und be­hal­ten durf­te, was er ern­te­te. To­be rich­te­te die Farm so gut her, wie er nur konn­te, re­pa­rier­te das Haus und strich die klei­ne Scheu­ne. Den­noch fand Sto­ner kei­nen ge­eig­ne­ten Käu­fer vor dem Früh­jahr 1929. Er nahm das ers­te An­ge­bot an, das man ihm mach­te, ein we­nig über zwei­tau­send Dol­lar, gab To­be da­von ein paar hun­dert Dol­lar ab und schick­te den Rest En­de Au­gust sei­nem Schwie­ger­va­ter, um die Sum­me zu min­dern, die er ihm noch für das Haus in Co­lum­bia schul­de­te.

Im Ok­to­ber des Jah­res brach der Ak­ti­en­markt zu­sam­men, und in den re­gio­na­len Zei­tun­gen stan­den Ge- schich­ten über die Wall Street, über Ver­mö­gen, die ver­lo­ren gin­gen, und über dra­ma­ti­sche Ve­rän­de­run­gen im Le­ben be­rühm­ter Men­schen. In Co­lum­bia wa­ren da­von nur we­ni­ge Leu­te be­trof­fen; in die­ser kon­ser­va­ti­ven Stadt be­saß kaum je­mand Ak­ti­en oder Wert­pa­pie­re. Doch ver­brei­te­ten sich Neu­ig­kei­ten über Ban­ken, die über­all im Land vor dem Bank­rott stan­den, und bei ei­ni­gen Stadt­be­woh­nern reg­ten sich ers­te Un­si­cher­hei­ten; ei­ni­ge Bau­ern ho­ben ih­re Er­spar­nis­se ab, an­de­re er­höh­ten (von den ört­li­chen Bank­an­ge­stell­ten er­mun­tert) ih­re Ein­la­gen. Nie­mand aber mach­te sich ernst­haft Sor­gen, bis sich die Kun­de vom Zu­sam­men­bruch ei­ner klei­nen Pri­vat­bank her­um­sprach, der Mer­chant’s Trust in St. Lou­is.

Sto­ner aß in der Ca­fe­te­ria der Uni­ver­si­tät zu Mit­tag, als er da­von hör­te, und eil­te gleich nach Hau­se, um Edith da­von zu er­zäh­len.

(Fort­set­zung folgt)

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