An­dert­halb­mal um die Welt für Bo­rus­sia

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON JAN­NIK SORGATZ

An­di Schrö­der und sei­ne Frau Big­gi sind so ge­nann­te Al­les­fah­rer – 60.000 Ki­lo­me­ter ha­ben bei­de in der ab­ge­lau­fe­nen Sai­son für ih­ren Fuß­ball­ver­ein zu­rück­ge­legt. Und das un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen – denn sie le­ben in der Schweiz.

Welt­um­run­dun­gen sind die be­vor­zug­te Ein­heit, wenn ei­ne enor­me Stre­cke ver­an­schau­licht wer­den soll. An­di Schrö­der und sei­ne Frau Big­gi ha­ben in der ver­gan­ge­nen Sai­son je­weils ein­ein­halb Mal die Welt um­run­det, um Bo­rus­sia spie­len zu se­hen: mehr als 40.000 Ki­lo­me­ter im Zug, noch ein­mal 20.000 Ki­lo­me­ter mit dem Flug­zeug. Ein paar hun­dert so ge­nann­te Al­les­fah­rer gibt es in der Fan­sze­ne, nicht je­der von ih­nen hat auch je­des der 51 Pflicht­spie­le ge­se­hen, es aber zu­min­dest ver­sucht. Wäh­rend Big­gi es ge­schafft hat, muss­te An­di be­rufs­be­dingt zwei­mal pas­sen. So kom­men sie zu­sam­men auf 100 Spie­le.

„Es ist im­mer die Re­de von der Be­las­tung der Spie­ler, aber die Fans neh­men noch viel mehr auf sich“, sag­te Bo­rus­si­as Ka­pi­tän Lars St­indl im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on. „Sie ma­chen Ab­stri­che in ih­rem Pri­vat­le­ben, 51-mal im Jahr. Das ist auch fi­nan­zi­ell ein Wort.“

Leu­te wie die Schrö­ders wird St­indl im Sinn ge­habt ha­ben, wo­bei das Ehe­paar im­mer­hin die­sel­be Lei­den­schaft teilt. War An­di Schrö­der den­noch froh, als die Sai­son mit dem letz­ten Spiel ge­gen den SV Darm­stadt zu En­de war? „Ganz ehr­lich“, sagt Schrö­der, „ei­ne Wo­che hät­te ich noch ge­konnt und ge­wollt“. Er spielt da­mit an auf das DFB-Po­kal­fi­na­le in Ber­lin am 27. Mai, das Bo­rus­sia auf bit­te­re Wei­se ge­gen Ein­tracht Frankfurt ver­spiel­te: „Das war der schwär­zes­te Punkt der Sai­son.“

Für An­di Schrö­der und sei­ne Frau hät­te sich ein Kreis ge­schlos­sen: 1995 bei der bis­lang letz­ten Fi­nal­teil­nah­me lern­ten sie sich ken­nen, führ­ten ein paar Jah­re ei­ne Fern­be­zie­hung, bis Big­gi zu ihm zog. Das war kein klei­ner Schritt: Schrö­der kommt aus der Schweiz, seit 20 Jah­re le­ben bei­de nun zu­sam­men in Watt­wil im Kan­ton St. Gal­len, 650 Ki­lo­me­ter sind es von dort bis an den Nie­der­rhein. In Holt ha­ben die Schrö­ders ei­ne Woh­nung, die sie nut­zen, wenn Bo­rus­sia zu Hau­se oder aus­wärts bei ei­nem an­de­ren Klub aus Nord­rhein-West­fa­len spielt.

Auch mit dem Po­kal­fi­na­le in Ber­lin hät­te das ge­gol­ten, was Schrö­der dann doch zu­gibt: „So froh und mü­de war ich noch nie, dass Pau­se ist.“Er er­in­nert sich an die „ab­so­lu­te Lee­re“auf der Heim­fahrt nach dem Aus im Elf­me­ter­schie­ßen ge­gen Ein­tracht Frankfurt. Schrö­der muss­te am nächs­ten Tag ar­bei­ten. An der Be­rufs­schu­le bil­det er Au­to­me­cha­ni­ker aus, al­so fuhr er di­rekt vom Sta­di­on in die Werk­statt in Win­ter­thur, schlief dort zwei­ein­halb Stun­den, dann be­gann der Un­ter­richt.

„Mein Chef gibt mir un­wahr­schein­lich vie­le Frei­hei­ten“, sag­te Schrö­der, der ei­ne 80-Pro­zent-Stel­le hat und sei­nen Ur­laub et­was fle­xi­bler neh­men kann. Sonst wä­re das Al­les­fah­rer-Da­sein nicht mög­lich, zu- min­dest nicht mit ei­nem Wohn­sitz in der Schweiz.

Das ein­fachs­te Spiel der Sai­son war das al­ler­ers­te, als Bo­rus­sia Mit­te Au­gust in den Play-offs zur Cham­pi­ons Le­ague bei den Young Boys Bern spiel­te. Das schöns­te? „De­fi­ni­tiv Flo­renz. In der Halb­zeit wa­ren wir ge­fühlt drau­ßen, das Ka­pi­tel Eu­ro­pa Le­ague war ab­ge­schlos­sen“, sagt Schrö­der über das 4:2 nach 0:2Rück­stand und 0:1 im Hin­spiel. Das stim­mungs­volls­te? „Auf je­den Fall Glas­gow.“Die ku­rio­ses­te Rei­se war ver­mut­lich die nach Man­ches­ter, als das Spiel auf­grund ei­nes epi­schen Re­gen­gus­ses um ei­nen Tag ver­scho­ben wur­de. Auch das hät­te Schrö­der ir­gend­wie be­werk­stel­ligt, wenn die Par­tie um 18 Uhr und nicht erst um 20.45 Uhr an­ge­pfif­fen wor­den wä­re. Al­so muss­te er vor­her nach Hau­se flie­gen. Aber nach Rück­spra­che mit Al­les­fah­rern konn­te Schrö­der sa­gen: „Zählt trotz­dem.“

Die En­er­gie, die Zeit und das Geld für ei­ne vier­te in­ter­na­tio­na­le Sai­son in Fol­ge hät­te er ger­ne auf­ge­bracht. „Aber ich kann da­mit le­ben“, sagt er, „wir ha­ben viel Schlim­me­res er­lebt mit dem Ver­ein.“Frü­her galt das für gan­ze Spiel­zei­ten, jetzt nur für das En­de in­klu­si­ve Frankfurt-Trau­ma. „Wir ha­ben Eu­ro­pa nicht in der Vor­run­de ver­spielt. Wenn wir es ge­gen den am En­de 14., 16. und 18. nicht auf die Rei­he krie­gen, ha­ben wir es nicht ver­dient“, sagt Schrö­der über die ab­schlie­ßen­den Un­ent­schie­den ge­gen Augsburg, Wolfs­burg und Darm­stadt.

So ganz oh­ne Be­su­che in Mön­chen­glad­bach ver­läuft sein fuß­ball­frei­er Som­mer aber nicht: Am Wo­chen­en­de war er da und ist beim Santan­der-Ma­ra­thon den Halb­ma­ra­thon ge­lau­fen. Das passt zum 60.000-Ki­lo­me­ter-Mann der Fan­sze­ne.

„So froh und mü­de war ich noch nie, gut dass Pau­se ist“

An­di Schrö­der

Al­les­fah­rer

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