Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Was er am höchs­ten schätz­te, wur­de aufs Schlimms­te ver­ra­ten, wenn er zu sei­nen Stu­den­ten sprach; was für ihn am le­ben­digs­ten war, ver­küm­mer­te in sei­nen Wor­ten, und was ihn zu­tiefst be­weg­te, wur­de kalt und blass, so­bald er es aus­sprach. Das Wis­sen um die­ses Un­ge­nü­gen mach­te ihm der­art zu schaf­fen, dass er es für selbst­ver­ständ­lich hielt, wes­halb es eben­so ein Teil von ihm wur­de wie sei­ne krum­men Schul­tern.

Doch wäh­rend der Wo­chen, die Edith sich in St. Lou­is auf­hielt, ver­lor er sich wäh­rend sei­ner Vor­trä­ge manch­mal der­art, dass er nicht nur sei­ne Un­fä­hig­keit ver­gaß, son­dern auch sich selbst und über­dies die Stu­den­ten. Dann riss ihn die ei­ge­ne Be­geis­te­rung mit, bis er stam­mel­te, ges­ti­ku­lier­te und nicht mehr an sei­ne No­ti­zen dach­te, die üb­li­cher­wei­se sei­ne Vor­le­sun­gen be­stimm­ten. An­fangs ir­ri­tier­ten ihn die­se Auf­wal­lun­gen, als er­laub­te er sich ei­ne zu gro­ße Ver­trau­lich­keit mit sei­nem The­ma, und er ent­schul­dig­te sich bei den Stu­den­ten, doch als sie an­fin­gen, nach dem Un­ter­richt zu ihm zu kom­men, und sich in ih­ren Ar­bei­ten ers­te Zei­chen von Phan­ta­sie und die An­sät­ze ei­ner zag­haf­ten Lie­be zeig­ten, fühl­te er sich er­mun­tert, et­was zu tun, was ihm nie­mand bei­ge­bracht hat­te. Die Lie­be zur Li­te­ra­tur, zur Spra­che, zum Mys­te­ri­um des Ver­stan­des und des Her­zens, wie sie sich in den klei­nen, selt­sa­men und un­er­war­te­ten Kom­bi­na­tio­nen von Buch­sta­ben und Wör­tern zeig­te, in der schwär­zes­ten, käl­tes­ten Dru­ckert­in­te – die Lie­be, die er ver­bor­gen ge­hal­ten hat­te, als wä­re sie ge­fähr­lich und ver­bo­ten, die­se Lie­be be­gann er nun of­fen zu zei­gen, zö­ger­lich zu­erst, dann mu­ti­ger und schließ­lich vol­ler Stolz.

Die Ent­de­ckung des­sen, was er ver­moch­te, be­küm­mer­te und er­mu­tig­te ihn zu­gleich; er fand, er hat­te un­ab­sicht­lich so­wohl sei­ne Stu­den­ten wie sich selbst ge­täuscht. Stu­den­ten, die sei­ne Se­mi­na­re bis­lang durch stu­pi­des Wie­der­ho­len be­stan­den hat­ten, war­fen ihm ver­wirr­te und ver­är­ger­te Bli­cke zu, je­ne, die zu­vor nicht zu ihm ge­kom­men wa­ren, setz­ten sich nun in sei­ne Vor­le­sun­gen und nick­ten ihm auf den Flu­ren zu. Er sprach mit grö­ße­rem Selbst­ver­trau­en, spür­te, wie in ihm ei­ne war­me, fes­te Ernst­haf­tig­keit her­an­reif­te, und nahm an, dass er mit zehn Jah­ren Ver­spä­tung zu be­grei­fen be­gann, wer er war. Die Gestalt, die er sah, war zu­gleich mehr und we­ni­ger, als er sich einst für sich er­hofft hat­te. Er spür­te, dass er end­lich ein rich­ti­ger Leh­rer wur­de, al­so ein Mann, der sein Buch für wahr hält und dem ei­ne Wür­de der Kunst ge­ge­ben ist, die nur we­nig mit sei­ner Dumm­heit, Schwä­che oder mensch­li­chen Un­zu­läng­lich­keit zu tun hat. Es war ei­ne Er­kennt­nis, über die er nicht re­den konn­te, doch ei­ne, die ihn der­art ver­än­der­te, dass nie­mand ih­re Wir­kung zu über­se­hen ver­moch­te.

Als Edith aus St. Lou­is zu­rück­kam, fand sie ihn da­her auf ei­ne Wei­se ver­än­dert vor, die sie zwar nicht be­griff, aber so­fort be­merk­te. Sie kam mit dem Nach­mit­tags­zug, oh­ne dies vor­her an­zu­kün­di­gen, ging durchs Wohn­zim­mer ins Ar­beits­zim­mer, wo ihr Mann und ih­re Toch­ter still bei­ein­an­der sa­ßen, und hat­te ge­hofft, bei­de durch ihr plötz­lich Auf­tau­chen und ihr ver­än­der­tes Äu­ße­res zu scho­ckie­ren, doch als Wil­li­am zu ihr auf­sah und sie die Über­ra­schung in sei­nen Au­gen be­merk­te, wuss­te sie gleich, dass die ei­gent­li- che Ver­än­de­rung mit ihm vor­ge­gan­gen war, ei­ne Ver­än­de­rung, die so tief reich­te, dass ihr neu­es Aus­se­hen sei­ne Wir­kung auf ihn ver­fehl­te. Ein we­nig dis­tan­ziert und doch auch ver­blüfft dach­te sie: Ich ken­ne ihn bes­ser, als mir je klar ge­we­sen ist.

Wil­li­am war von ih­rer An­we­sen­heit und ih­rem ver­än­der­ten Äu­ße­ren über­rascht, doch küm­mer­te ihn bei­des nicht in dem Ma­ße, wie es das frü­her viel­leicht ge­tan hät­te. Er mus­ter­te sie ei­ni­ge Au­gen­bli­cke lang, dann er­hob er sich von sei­nem Tisch, ging durchs Zim­mer und be­grüß­te sie ernst.

Edith hat­te sich das Haar zu ei­nem Bu­bi­kopf fri­siert und ei­nen je­ner Hü­te auf­ge­setzt, die sich so eng an den Kopf an­pass­ten, dass das ge­stutz­te Haar wie ein un­re­gel­mä­ßi­ger Rah­men ihr Ge­sicht um­schmieg­te; die Lip­pen glänz­ten oran­ge­rot, und zwei klei­ne Fle­cken Rouge be­ton­ten die Wan­gen­kno­chen. Sie trug ei­nes der kur­zen Klei­der, die bei jun­gen Frau­en in den letz­ten Jah­ren Mode ge­wor­den wa­ren; es hing glatt von den Schul­tern her­ab und en­de­te kurz über den Kni­en. Ver­le­gen lä­chel­te sie ih­ren Mann an und ging dann zu ih­rer Toch­ter, die auf dem Bo­den saß und sie still und auf­merk­sam be­trach­te­te. Edith knie­te sich um­ständ­lich hin; das neue Kleid spann­te um die Bei­ne.

„Gra­cie, mein Lie­bes“, sag­te sie mit ei­ner Stim­me, die für Wil­li­am an­ge­spannt und brü­chig klang, „hast du dei­ne Mom­my ver­misst? Hast du ge­glaubt, sie kommt nie zu­rück?“

Gra­ce küss­te ih­re Mut­ter auf die Wan­ge und be­trach­te­te sie ernst. „Du siehst an­ders aus“, sag­te sie.

Edith lach­te und er­hob sich vom Bo­den, wir­bel­te her­um und hielt die Hän­de über dem Kopf. „Ich ha­be ein neu­es Kleid, neue Schu­he und ei­ne neue Fri­sur. Ge­fällt’s dir?“

Gra­ce nick­te zö­ger­lich. „Du siehst an­ders aus“, wie­der­hol­te sie.

Ediths Lä­cheln wur­de brei­ter; auf ei­nem der Zäh­ne war ein blas­ser Lip­pen­stift­fleck zu se­hen. Sie wand­te sich zu Wil­li­am um und frag­te: „Se­he ich an­ders aus?“

„Ja“, sag­te Wil­li­am. „Sehr char­mant. Sehr hübsch.“

Sie lach­te und schüt­tel­te den Kopf. „Ar­mer Wil­ly“, sag­te sie, um sich dann wie­der ih­rer Toch­ter zu­zu­wen­den. „Ich glau­be, ich bin auch an­ders“, sag­te sie ihr. „Ich glau­be, ich bin wirk­lich an­ders.“

Wil­li­am Sto­ner wuss­te, dass ih­re Wor­te ihm gal­ten. Und ir­gend­wie wuss­te er im sel­ben Mo­ment auch, dass Edith ihm, oh­ne es zu wis­sen, oh­ne es zu be­ab­sich­ti­gen oder es wirk­lich zu be­grei­fen, ei­ne neue Kriegs­er­klä­rung zu ma­chen ver­such­te.

Ih­re Er­klä­rung war Teil der Ve­rän­de­run­gen, die von Edith wäh­rend je­ner Wo­chen ein­ge­lei­tet wor­den wa­ren, die sie nach dem Tod ih­res Va­ters ,da­heim’ in St. Lou­is ver­bracht hat­te. Ve­rän­de­run­gen, die ver­schärft und schließ­lich kon­kret und auf bru­ta­le Wei­se durch je­ne an­de­re Ver­än­de­rung wirk­sam wur­den, die all­mäh­lich mit Wil­li­am Sto­ner vor­ging, als er merk­te, dass er ein gu­ter Leh­rer wer­den könn­te.

Edith hat­te die Be­er­di­gung ih­res Va­ters selt­sam un­be­rührt ge­las­sen. Wäh­rend der lang­at­mi­gen Ze­re­mo­nie saß sie auf­recht und mit ei­ner wie ver­stei­ner­ten Mie­ne da, die sich auch dann nicht än­der­te, als sie an dem präch­tig her­ge­rich­te­ten, fül­li­gen Leich­nam ih­res Va­ters in dem prunk­vol­len Sarg vor­über­ging.

(Fort­set­zung folgt)

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