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Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - POLITIK -

Mehr So­li­da­ri­tät, Ge­nos­sen! Mit ih­rem schnel­len Rück­tritt hät­te Han­ne­lo­re Kraft stil­bil­dend sein kön­nen. Doch ihr Ver­hal­ten in den Ta­gen da­nach wirft Fra­gen auf. Und auch die Par­tei tut sich schwer mit ih­rer lang­jäh­ri­gen Iko­ne.

Es war ein wür­di­ger Rück­tritt. Als Han­ne­lo­re Kraft kei­ne 20 Mi­nu­ten nach der his­to­ri­schen Wahl­nie­der­la­ge der SPD in Nord­rhein-West­fa­len von ih­ren Par­tei­äm­tern zu­rück­trat, be­wies sie Grö­ße. Sie über­nahm da­mit die Ver­ant­wor­tung in ei­ner Kon­se­quenz, wie es auch in De­mo­kra­ti­en nicht im­mer selbst­ver­ständ­lich ist. Selbst Kri­ti­ker in den ei­ge­nen Rei­hen rech­ne­ten ihr das hoch an. Es hät­te der stil­bil­den­de Rück­zug ei­ner Po­li­ti­ke­rin wer­den kön­nen, die im­mer­hin sie­ben Jah­re lang die Ge­schi­cke Nord­rhein-West­fa­lens be­stimm­te und die Bun­des­po­li­tik zeit­wei­se stark be­ein­fluss­te.

Doch Kraft zog sich eben nicht kom­plett zu­rück. Sie ent­schied zum ei­nen, ihr Ab­ge­ord­ne­ten-Man­dat im Land­tag zu be­hal­ten. Zum an­de­ren misch­te sie dem Ver­neh­men nach hin­ter den Ku­lis­sen kräf­tig mit, als es in den Ta­gen nach der Wahl dar­um ging, ei­nen Nach­fol­ger an der Par­tei- spit­ze zu fin­den. Da­mit stell­te sich bei vie­len in der Par­tei der Ein­druck ein, sie kön­ne eben doch nicht so ein­fach von der Macht las­sen. Rät­sel­haft ist auch, war­um sie sich dann wie­der­um aus den so­zia­len Netz­wer­ken im In­ter­net zu­rück­zog und ih­re Kon­ten nicht ein­fach ru­hen ließ, an­statt sie zu lö­schen.

Wel­che po­li­ti­sche Rol­le will die bis­he­ri­ge Mi­nis­ter­prä­si­den­tin al­so künf­tig spie­len? Strip­pen­zie­he­rin oder Hin­ter­bänk­le­rin?

Voll­ends ir­ri­tie­rend aber ist, dass Kraft dem Lan­des­par­tei­tag am Wochenende fern­blieb, der über ih­ren Nach­fol­ger ent­schied und über den Neu­an­fang be­riet. Sie ließ den Ge­nos­sen le­dig­lich herz­li­che Grü­ße aus­rich­ten, beim nächs­ten Par­tei­tag sei sie wie­der da­bei. Wenn es ihr wirk­lich um die Sa­che gin­ge, um die Leh­ren aus der Wahl­nie­der­la­ge und um die Zu­kunft der So­zi­al­de­mo­kra­tie in Nord­rhein-West­fa­len, dann hät­te sie den Ge­nos­sen jetzt zu­min- dest sym­bo­lisch zur Sei­te ste­hen müs­sen.

Das gilt al­ler­dings um­ge­kehrt auch für die Par­tei. We­der SPDKanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz noch der neue Lan­des­chef Micha­el Gro­schek dank­ten der 56-Jäh­ri­gen für ih­re Ver­diens­te. In all den Re­den fiel ihr Na­me nicht ein ein­zi­ges Mal in nen­nens­wer­tem Zu­sam­men­hang. Da­bei pro­fi­tier­te die Par­tei jah­re­lang eher von ihr als sie von der Par­tei. Die Po­pu­la­ri­tät der SPD war in NRW in den ver­gan­ge­nen sie­ben Jah­ren fast im­mer grö­ßer als im Bund. Und noch im Fe­bru­ar hat­ten die Par­tei­freun­de sie mit dem Traum­er­geb­nis von 100 Pro­zent zu ih­rer Spit­zen­kan­di­da­tin ge­macht.

Ei­ne Par­tei, die glaub­wür­dig für So­li­da­ri­tät ste­hen will, soll­te die­sen Wert auch in den ei­ge­nen Rei­hen le­ben. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: ko­lum­ne@rheinische-post.de

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