Mit Richard Pri­ce ins Un­ter­ir­di­sche von New York

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Al­len­falls ein An­alpha­bet taucht nicht schon mit der ers­ten Sei­te furcht­er­re­gend tief ins Vier­tel der Lo­wer East Si­de ein. Weil Richard Pri­ce – dem viel­fach ge­krön­ten Meis­ter der har­ten Dia­lo­ge und dem un­barm­her­zigs­ten Chro­nis­ten mie­ser All­tags­grau­sam­keit – uns al­le mit­nimmt auf sei­ner ra­san­ten Fahrt ins Un­ter­ir­di­sche. Und so sit­zen wir in ei­nem Pseu­do­ta­xi mit den vier Cops, die auf den Stra­ßen New Yorks beim „Nacht­fi­schen“un­ter­wegs sind und schon seit 40 Mi­nu­ten kei­nen „Biss“mehr ge­macht ha­ben. Heil­lo­se Nacht.

Aber al­lein die Be­schrei­bung die­ser Fahrt durch Man­hat­tan reicht aus, den Staub der Stra­ßen zu rie­chen, den Lärm des er­reg­ten Le­bens zu hö­ren, das Ge­wirr der Men­schen vor Au­gen und schließ­lich die Ge­rü­che in der Na­se zu ha­ben, die aus dem Fala­fel­la­den, der Muf­fin­bou­tique und der Crèpe­rie kom­men.

Na­tür­lich ist das bein­har­ter Rea­lis­mus. Doch bei Richard Pri­ce ist es eben im­mer noch ein biss­chen mehr, ein biss­chen bö­ser und hoff­nungs­lo­ser. In Wahr­heit ist die Strei­fe ei­ne Odys­see, und die Leu­te, die sie tref­fen, ver­neh­men, ver­däch­ti- gen wer­den, ei­ne An­samm­lung der Ge­stran­de­ten oder be­reits Ab­ge­sof­fe­nen. Cash ist ei­ner von ih­nen. Cash, der Bar­an­ge­stell­te und ver­kapp­te Schrift­stel­ler. Cash, der plötz­lich Haupt­zeu­ge ei­nes Mor­des wird. Cash schließ­lich, der sich in sei­nen Aus­sa­gen zu ver­hed­dern be­ginnt und der jetzt wirk­lich in ei­ner scheuß­li­chen La­ge steckt. Über 500 Sei­ten gibt Richard Pri­ce, der selbst in der Bronx auf­ge­wach­sen ist, für nur ei­nen ein­zi­gen Tag aus. Ein Tag aber, der voll­stän­dig New York zu er­zäh­len und zu er­klä­ren scheint. Und das al­les vor al­lem in Dia­lo­gen. Pri­ce ist ein Meis­ter da­rin und schon lan­ge kein Ge­heim­tipp mehr. Als Dreh­buch­au­tor der TV-Se­rie „The Wi­re“ist er be­rühmt und mit zwei Os­car-No­mi­nie­run­gen le­gen­där ge­wor­den. „Cash“ist ei­ne so hoch­do­sier­te li­te­ra­ri­sche Dro­ge, dass selbst An­alpha­be­ten vor ihr nicht ge­feit zu sein schei­nen.

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