Wie vie­le kannst du lie­ben, Liebs­ter?

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - GESELLSCHAFT - VON SU­SAN­NE HAMANN

Zu dritt, zu viert oder zu fünft – in ei­ner po­ly­amo­ren Be­zie­hung ist das er­laubt; Treue wird an­ders de­fi­niert. Wie das zu­sam­men­passt, hat sich un­se­re Au­to­rin beim Be­such des Po­ly-Stamm­ti­sches in Düsseldorf er­klä­ren las­sen.

DÜSSELDORF Ma­rie* ist 30, Stu­den­tin und teilt sich ei­ne Woh­nung mit ih­rem Freund Markus* in ei­ner Stadt am Nie­der­rhein. Ihr Herz al­ler­dings teilt sie auch noch mit Thorsten*, der wie­der­um in Bay­ern lebt und sich eben­falls ei­ne Woh­nung mit sei­ner an­de­ren Freun­din teilt. „Das ging da­mals fast von al­lei­ne“, sagt sie. „Mit Thorsten war ich ein­fach schon län­ger zu­sam­men und noch viel län­ger be­freun­det. Als das dann mit Markus los­ging, ha­be ich ihm gesagt, es geht nur mit Thorsten oder gar nicht.“Drei Ta­ge muss­te Markus grü­beln, dann hat er ein­ge­wil­ligt, oh­ne zu mur­ren. Die Drei­ecks­be­zie­hung hält nun schon seit fünf Jah­ren. „Und uns geht es

Stef­fen Prohn rich­tig gut mit­ein­an­der, manch­mal fra­gen die bei­den Män­ner mich so­gar, wann wir uns end­lich mal wie­der zu dritt tref­fen“, sagt Ma­rie.

Ma­rie und ih­re bei­den Part­ner sind po­ly­amor. Das kommt von dem Kunst­wort Po­ly­amo­rie und setzt sich zu­sam­men aus „po­ly“(vie­le) und „Amor“(Lie­be). Her­aus kommt ei­ne Le­bens­an­schau­ung, bei der es in Ord­nung ist, meh­re­re Be­zie­hun­gen gleich­zei­tig zu ha­ben.

Wer sich für die­sen Lie­bes­stil in­ter­es­siert, der fin­det seit ei­nem Jahr ei­ne An­lauf­stel­le im Ve­gan-Re­stau­rant But­ze in Düsseldorf-De­ren­dorf. Ein­mal im Mo­nat tref­fen sich hier Po­lys, wie sie sich selbst nen­nen, um sich ken­nen­zu­ler­nen und über ihr An­ders­sein zu re­den. An die­sem Abend kom­men rund 20 Teil­neh­mer. Die meis­ten sind zwi­schen 20 und 30 Jah­re alt, Stu­den­ten, vie­le sind Ve­ga­ner, le­ben von Bafög oder dem Geld der El­tern, ei­ni­ge tra­gen Dre­ad­locks, und sie al­le scheint ein al­ter­na­ti­ver Le­bens­stil zu ver­bin­den. Trotz der vie­len Ge­mein­sam­kei­ten wird auch schnell klar: Je­der Po­ly liebt an­ders. Doch wie funk­tio­niert das?

Po­ly­amo­re sind kei­ne Swin­ger, und meis­tens fei­ern sie auch kei­ne Or­gi­en. Ein Drei­er kann schon mal vor­kom­men. Sex au­ßer­halb der Part­ner­schaft so­wie­so. Doch Sex steht bei der Po­ly­amo­rie nicht im Vor­der­grund. „Statt ei­nem ein­zi­gen Part­ner ha­ben Po­lys meh­re­re. Ob es sich da­bei um meh­re­re Be­zie­hun­gen han­delt, um meh­re­re in­ten­si­ve Freund­schaf­ten oder auch Freund­schaf­ten plus hängt von den Be­tei­lig­ten ab“, sagt Ma­rie. Funk­tio­nie­ren kann das nur, weil sich die Po­lyGe­mein­schaft ei­ne an­de­re De­fi­ni­ti­on von Treue ge­bas­telt hat. „Treue ist für uns, wenn man ehr­lich zu­ein­an­der ist – wenn man den Part­ner nicht an­lügt, son­dern ehr­lich sagt, was man mit an­de­ren macht“, sagt Stef­fen Prohn, Phi­lo­so­phie-Stu­dent, 32 und Initia­tor des Stamm­ti­sches. An­statt kör­per­li­che Be­sitz­an­sprü­che zu stel­len, wie Prohn es nennt, ent­ste­he Treue durch of­fe­ne Ge­sprä­che, in de­nen man klärt, mit wem man et­was an­fängt und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen. Spä­ter wird dar­über ge­re­det, wie es war – und das aus­führ­lich. Manch­mal setzt sich da­für so­gar die neue Flam­me mit an den Tisch. Für die meis­ten Mo­nos, wie mo­no­gam Le­ben­de hier ge­nannt wer­den, ein un­vor­stell­ba­res Kon­zept. Aber Po­lys sind sich si­cher: Das schafft ei­ne Ver­trau­ens­ba­sis, die Tren­nung ver­mei­det.

Trotz­dem, wer den Po­ly-Pär­chen an dem Abend län­ger zu­hört, hat den Ein­druck, Mul­ti-Lie­be ist zu­min­dest für ei­ni­ge wie ein Pilz­ge­richt, das man pro­biert, weil es die Lieb­lings­spei­se vom Schatz ist – ob­wohl man die labb­ri­gen Din­ger ei­gent­lich nicht mag.

So war es bei Jen­ny* (21) und Klaus* (23). Drei Mo­na­te lang muss­ten die bei­den hart ar­bei­ten, um sich nicht zu tren­nen. „Als mir Jen­ny sag­te, dass sie ei­ne of­fe­ne Be­zie­hung füh­ren will, ist für mich ei­ne Welt zu­sam­men­ge­bro­chen“, sagt Klaus. Will sie mich ab­schaf­fen? Bin ich ihr nicht ge­nug? Ist sie un­zu­frie­den mit un­se­rer Be­zie­hung? Will sie fremd­ge­hen? Fra­gen, die sich je­der am Tisch ge­stellt hat, als ihm die Po­ly-Lie­be vor­ge­schla­gen wur­de. Klaus brauch­te für sei­ne Ent­schei­dung zwei Mo­na­te, viel Re­cher­che, viel Lek­tü­re – und das Ul­ti­ma­tum, das auch Teil je­der Po­ly-Ge­schich­te zu sein scheint: ent­we­der die­se Art der Lie­be oder gar kei­ne.

Klaus gab nach. „Je­de Be­zie­hung ist an­ders – auch wenn man sie par­al­lel führt. So muss man das se­hen, sonst kann man das nicht le­ben.“Kern­be­zie­hung nen­nen sie ih­re Part­ner­schaft. Je­de an­de­re Lie­be­lei ist zweit­ran­gig. Es gibt auch noch an­de­re Po­ly-Kon­zep­te am Tisch. Man­cher be­zeich­net sich als Be­zie­hungs­an­ar­chist und schafft so­mit jed­we­de Be­zie­hungs­be­zeich­nung und -hier­ar­chie ab. An­de­re sa­gen, für sie sei je­de Be­zie­hung gleich­wer­tig, al­so auch gleich wich­tig. Es kann aber auch pas­sie­ren, dass nur ei­ner po­ly wird und der an­de­re wei­ter­hin mo­no­gam bleibt.

Trotz all die­ser geis­ti­gen Stütz­rä­der ist Ei­fer­sucht auch bei Po­lys ein The­ma. „Es gibt gu­te Ta­ge, an de­nen ich sa­ge, mach, was du willst. Und schlech­te Ta­ge, an de­nen ich es nicht ab kann. Aber man lernt, das zu kon­trol­lie­ren“, sagt Klaus.

Er ge­nießt, wie sehr sich Jen­ny nun auf ihn ein­lässt. „Ich hät­te vor­her zum Bei­spiel nie dar­über nach­ge­dacht, mit ihm zu­sam­men­zu­zie­hen, weil ich mich in ei­ner Mo­no­Be­zie­hung oh­ne­hin wie in ei­nen Kä­fig ge­sperrt fühl­te“, sagt Jen­ny. Es ist die Frei­heit im Kopf, die ih­re Kern­be­zie­hung wie­der se­xy ge­macht hat. Treu sein kön­nen, aber nicht müs­sen. Fin­det zu­min­dest Jen­ny.

Die­se Art der Lie­be wird als Selbst­aus­druck emp­fun­den. Bleibt sie ver­wehrt, fühlt man sich un­glück­lich, un­aus­ge­gli­chen, miss­ver­stan­den. „Des­we­gen sind wir auch der Schwu­len-, Les­ben- und Trans­gen­der-Sze­ne ver­bun­den. Al­les, was sich gut und rich­tig an­fühlt, ist er­laubt und ak­zep­tiert – so lan­ge nie­mand ver­letzt wird“, sagt Prohn.

Aber wie je­de Ro­man­tik hat auch die­se ih­re Gren­zen. „Denn Po­ly­se­in bie­tet zwar vie­le Frei­hei­ten, aber es ist auch un­heim­lich an­stren­gend“, sagt Ma­rie. „Na­tür­lich wür­de ich ger­ne je­der Zeit al­le lie­ben, auf die ich Lust ha­be, ein­fach so, oh­ne Pro­ble­me. Aber die mensch­li­che Na­tur macht da nicht mit.“Die ab­so­lu­te Hin­ga­be, nach der man sich in ei­ner Be­zie­hung doch sehnt, feh­le dann. Gren­zen­lo­ses Ver­trau­en wä­re eben­falls schwie­rig. Man müs­se vie­le Ge­sprä­che füh­ren. „Und es ist or­ga­ni­sa­to­risch ein ziem­li­cher Auf­wand.“

Was ist denn mit dem The­ma Kin­der­krie­gen? Nein, sagt Stef­fen Prohn, das sei ihm nicht wich­tig. Ein Ehe­paar, das sich auf ei­nem Po­lyStamm­tisch ken­nen und lie­ben ge­lernt hat, ver­steht gar nicht, wie­so Kin­der krie­gen bei Po­lys an­ders lau­fen soll als bei Mo­nos. Ma­rie al­ler­dings hat auch auf die­se Fra­ge ei­ne sehr spe­zi­el­le Ant­wort: Sie will schon Kin­der, nur ihr Freund in NRW nicht. Des­we­gen wür­de sie da­für ger­ne mit ihm nach Bay­ern um­zie­hen und dort mit Thorsten Kin­der krie­gen. Des­sen Freun­din will näm­lich auch kei­ne Kin­der. „Und so hät­te je­der, was er will, und am En­de gä­be es ei­ne gro­ße Patch­work-Fa­mi­lie, in der sich al­le ver­ste­hen“, sagt Ma­rie.

„Treue ist für uns, wenn man ehr­lich sagt, was man mit an­de­ren

macht“

Or­ga­ni­sa­tor „In ei­ner Mo­no-Be­zie

hung füh­le ich mich oh­ne­hin wie in ei­nen Kä

fig ge­sperrt“

Jen­ny (21)

hat Be­zie­hun­gen zu zwei Män­nern

* Die­se Na­men wur­den von der Re­dak­ti­on ge­än­dert

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