Ein­heit­li­che Be­wer­tung von Ge­fähr­dern

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

Die In­nen­mi­nis­ter zie­hen wei­te­re Kon­se­quen­zen aus dem Am­ri-At­ten­tat. Bei an­de­ren Pro­ble­men ist die Ei­nig­keit aber schnell vor­bei.

BER­LIN Sechs Mo­na­te nach dem Ber­li­ner Weih­nachts­marktat­ten­tat hat die Kon­fe­renz der In­nen­mi­nis­ter von Bund und Län­dern (IMK) wei­te­re Kon­se­quen­zen aus den Pan­nen im Um­gang mit dem Tat­ver­däch­ti­gen Anis Am­ri ge­zo­gen: Künf­tig wird es für die Klas­si­fi­zie­rung von Ge­fähr­dern und Ge­fähr­dun­gen ein neu­es, in al­len Bun­des­län­dern ein­heit­li­ches Be­wer­tungs­mo­dell ge­ben, auch die ope­ra­ti­ve Be­ar­bei­tung wird auf neue Fü­ße ge­stellt. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) be­ton­te, dass die­se Ent­schei­dung nach der Aus­wer­tung des Fal­les Am­ri zu­stan­de ge­kom­men sei. Der Tu­ne­si­er, sein kri­mi­nel­les Wir­ken und sei­ne Ter­ror­ab­sich­ten wa­ren ver­schie­de­nen Be­hör­den zwar be­kannt, er hat­te je­doch un­ge­hin-

Es ist schon be­mer­kens­wert, wie wi­der­sprüch­lich von USPrä­si­dent Do­nald Trump die Re­de ist. Mal wird er als bös­ar­ti­ger Clown dar­ge­stellt, als über­for­der­ter Nicht-Po­li­ti­ker und ver­zo­ge­ner Trump-To­wer-Be­woh­ner mit reich­lich Aus­sicht, aber be­schränk­tem Ho­ri­zont. Und ge­nüss­lich wer­den die Mil­lio­nen An­läs­se aus­ge­kos­tet, sich über sei­ne Igno­ranz und Un­bil­dung lus­tig zu ma­chen. Dann wie­der ist Trump der mäch­tigs­te Dä­mon der Er­de, der un­hei­li­ge Al­li­an­zen schmie­det und die gan­ze Welt ins Un­glück stür­zen könn­te.

Na­tür­lich hat die­se Wi­der­sprüch­lich­keit da­mit zu tun, dass der Prä­si­dent selbst es dar­auf an­legt, die Öf­fent­lich­keit zu po­la­ri­sie­ren. Als un­ge­bil­det zu gel­ten, hat ihm et­wa im Wahl­kampf nicht ge­scha­det, und so gibt er auch als Prä­si­dent den Rü­pel, der sich sei­ne Rech­te nimmt und da­mit an­schei­nend vie­len Ame­ri­ka­nern das Ge­fühl gibt, auch ih­re An- dert sei­ne Tat be­ge­hen und zwölf Men­schen tö­ten kön­nen. Die Ver­ein­heit­li­chung im Um­gang mit Ge­fähr­dern sei um­so wich­ti­ger, als sich de­ren Zahl in den letz­ten Jah­ren ver­vier­facht ha­be, sag­te de Mai­ziè­re. Der­zeit hal­ten die Be­hör­den es bei 680 Per­so­nen für mög­lich, dass sie An­schlä­ge be­ge­hen.

Nie­der­sach­sens In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD) sprach die Er­war­tung aus, dass ge­ra­de bei Ge­fähr­dern, die in meh­re­ren Bun­des­län­dern un­ter­wegs sind, das Bun­des­kri­mi­nal­recht häu­fi­ger von sei­nem „Selbst­ein­tritts­recht“Ge­brauch ma­che, al­so häu­fi­ger als bis­her die Be­ob­ach­tung von der Lan­des- auf die Bun­des-Zu­stän­dig­keit he­be. Der Aus­tausch zwi­schen den Be­hör­den klap­pe be­reits bes­ser, der Sach- und Per­so­nal­ein­satz des Bun­des müs­se in be­son­de­ren Si­tua­tio- nen je­doch noch aus­ge­baut wer­den. „Hier ist der Bund ge­for­dert, sich stär­ker ein­zu­brin­gen“, sag­te Pis­to­ri­us.

Zwar lob­ten die Mi­nis­ter von CDU, CSU und SPD die sach­li­chen und kon­struk­ti­ven drei­tä­gi­gen Ge­sprä­che über 52 Vor­ha­ben für mehr Si­cher­heit in Deutsch­land. Schließ­lich sei­en die Par­tei­en par­al­lel zu die­ser letz­ten IMK vor der Bun­des­tags­wahl da­mit be­schäf­tigt, ih­re un­ter­schied­li­chen Wahl­pro­gram­me zu schrei­ben. Gleich­wohl ka­men die Po­li­ti­ker auf ei­ni­gen Fel­dern auch nicht wei­ter. So konn­te sich die Uni­on mit der For­de­rung nicht durch­set­zen, die Schlei­er­fahn­dung auf al­le Bun­des­län­der und wich­ti­ge Ver­kehrs­we­ge aus­zu­deh­nen. Auf der an­de­ren Sei­te schei­ter­te das Be­mü­hen der SPD, vor der Aus­stel­lung ei­nes Waf­fen­scheins die Ab­fra­ge nach lie­gen hart zu ver­tre­ten. Dar­um küm­mert es Trump auch nicht, wenn Ka­me­ras fest­hal­ten, wie er in Brüs­sel den mon­te­ne­gri­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter rü­de bei­sei­te schiebt. Die Wäh­ler ha­ben sich ja für ei­nen ent­schie­den, der um je­den Preis in die ers­te Rei­he will. Al­so dür­fen sie auch zu­se­hen, wie das geht.

Die zwi­schen Ve­rul­kung und Ve­rängs­ti­gung pen­deln­de Wahr­neh­mung Trumps hat aber auch da­mit zu tun, dass Ve­rächt­lich­keit im­mer mit Un­ter­schät­zung ein­her­geht. Wer Men­schen aus ei­ner Po­si­ti­on der Über­heb­lich­keit be­ob­ach­tet und be­schreibt, blen­det de­ren Macht und mög­li­che Stär­ken aus. Sonst wä­re es vor­bei mit dem Lus­tig­ma­chen. Oft spü­ren je­ne, die sich ver­ächt­lich aus­las­sen, ins­ge­heim aber, dass ih­re Sicht­wei­se nicht ganz an­ge­mes­sen ist. So ent­steht die­ses un­ter­grün­di­ge Ge­fühl, die ver­spot­te­te Per­son kön­ne ge­fähr­li­cher sein als ge­dacht. Der ver­ächt­li­che Witz Er­kennt­nis­sen des Ver­fas­sungs­schut­zes zur Re­gel zu ma­chen. Ei­nig wa­ren sich die Mi­nis­ter zu­min­dest in der Ziel­set­zung, dass die der­zeit 12.600 so­ge­nann­ten Reichs­bür­ger kei­ne Waf­fen ha­ben soll­ten. Zu­dem konn­ten CDU und CSU die Kol­le­gen noch nicht da­von über­zeu­gen, künf­tig bei der Fahn­dung nach Schwer­ver­bre­chern auch die Da­ten aus der Lkw-Maut-Über­wa­chung zu nut­zen.

Schnell wol­len die In­nen­mi­nis­ter den Fahn­dern je­doch den Zu­griff auf ver­schlüs­sel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on in Mes­sen­ger-Di­ens­ten wie Whats­app er­mög­li­chen. Das soll nun ähn­lich ge­re­gelt wer­den wie beim Te­le­fon oder bei SMS. De Mai­ziè­re un­ter­strich die Ab­sicht, ei­ne ent­spre­chen­de Re­ge­lung im Straf­pro­zess­recht noch in­ner­halb der nächs­ten bei­den Sit­zungs­wo­chen durch den könn­te nicht stark ge­nug sein, um sie auf im­mer zu ban­nen.

Das heißt nicht, dass man über Trump kei­ne Wit­ze ma­chen soll­te. Er bie­tet An­lass ge­nug. Au­ßer­dem dient schar­fer Spott der Auf­klä­rung, Wit­ze und Über­zeich­nun­gen sind die schla­gends­te Form der Kri­tik. Da­für neh­men sie im Kern aber ernst, was sie dem Ge­läch­ter preis­ge­ben, sie un­ter­schät­zen es nicht.

Da ver­läuft die Gren­ze zum Ve­rächt­lich­ma­chen, das in ers­ter Li­nie der Selbst­er­he­bung dient. Das ver­schafft Ge­nug­tu­ung, aber die hält nur kur­ze Zeit, weil in der ver­ächt­li­chen Be­mer­kung im­mer schon das Wis­sen um ih­re Un­an­ge­mes­sen­heit ent­hal­ten ist.

Es ist al­so an der Zeit, nüch­ter­ner auf Trump zu bli­cken, oh­ne Hä­me. Oh­ne Angst. Er ist ein An­lass für Wit­ze, ei­ne Witz­fi­gur ist er nicht. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: ko­lum­ne@rhei­ni­sche-post.de Bun­des­tag zu brin­gen. Im Ge­gen­zug müss­ten die Län­der die da­zu pas­sen­den Be­fug­nis­se in die je­wei­li­gen Po­li­zei­ge­set­ze in­te­grie­ren.

Die­se sol­len nun zu­dem bun­des­weit ver­ein­heit­licht wer­den. Und zwar auf der Grund­la­ge ei­nes „Mus­ter­po­li­zei­ge­set­zes“, das den der­zei­ti­gen Fli­cken­tep­pich durch glei­che Si­cher­heits­stan­dards er­set­zen wird. De Mai­ziè­re be­zeich­ne­te dies als „wirk­li­chen Durch­bruch“, der ein un­ter­schied­li­ches Ni­veau von Si­cher­heit in Deutsch­land be­sei­ti­ge und die Recht­spre­chung er­leich­te­re. Ei­ne Lan­des­re­gie­rung wer­de nun „gu­te Grün­de brau­chen“, um da­von ab­zu­wei­chen.

Zu den wei­te­ren Be­schlüs­sen ge­hört ei­ne be­hör­den­über­grei­fen­de Übung, wie mit ei­nem ver­hee­ren­den Cy­ber-An­griff um­zu­ge­hen ist. Um Mehr­fachi­den­ti­tä­ten wei­ter zu- rück­drän­gen zu kön­nen, sol­len künf­tig auch von sechs- bis 14-jäh­ri­gen Asyl­be­wer­bern Fin­ger­ab­drü­cke ge­nom­men wer­den kön­nen. Die Er­wei­te­rung ge­ne­ti­scher Aus­wer­tun­gen auf be­stimm­te Merk­ma­le wie Au­gen- und Haar­far­be soll die Fahn­dung be­schleu­ni­gen.

Die Op­po­si­ti­on kri­ti­sier­te die Be­schlüs­se der In­nen­mi­nis­ter­kon­fe­renz. Grü­nen-Frak­ti­ons­che­fin Ka­trin Gö­ring-Eckardt warn­te vor der Über­wa­chung der Mes­sen­ger-Kom­mu­ni­ka­ti­on in der jetzt vor­ge­se­he­nen Form. „Was die Ko­ali­ti­on der­zeit zur Aus­wer­tung von Whats­ap­pNach­rich­ten plant, reißt die ho­hen ver­fas­sungs­recht­li­chen Hür­den“, sag­te sie un­se­rer Re­dak­ti­on. Karls­ru­he ha­be kla­re Be­din­gun­gen vor­ge­ben. Dar­auf ha­be auch die Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te Andrea Voß­hoff hin­ge­wie­sen.

Hä­me hilft bei Trump nicht wei­ter Über den US-Prä­si­den­ten wird oft ver­ächt­lich ge­spro­chen. Da­für gibt es ge­nü­gend An­lass, doch wer an­de­re lä­cher­lich macht, un­ter­schätzt sie meis­tens.

FOTO: DPA

Die Tat ei­nes be­hör­den­be­kann­ten Ge­fähr­ders: der Breit­scheid­platz an der Ber­li­ner Ge­dächt­nis­kir­che nach dem At­ten­tat durch Anis Am­ri am 19. De­zem­ber 2016.

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