Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Folg­lich war es ihr gu­tes Recht, ei­nen Sinn auf Ge­bie­ten zu fin­den, die mit ihm nichts zu tun hat­ten, und We­ge zu ge­hen, auf de­nen er ihr nicht fol­gen konn­te. Von sei­nem Er­folg als Leh­rer und sei­ner wach­sen­den Po­pu­la­ri­tät un­ter den bes­se­ren Ma­gis­ter­an­wär­tern er­mu­tigt, be­gann Sto­ner im Som­mer des Jah­res 1930 mit ei­nem neu­en Buch. Er ver­brach­te jetzt na­he­zu sei­ne ge­sam­te freie Zeit im Ar­beits­zim­mer. Zwar wahr­ten sie den An­schein, das Schlaf­ge­mach zu tei­len, doch be­trat er die­sen Raum nur noch sel­ten und nie­mals in der Nacht. Er schlief auf dem So­fa im Ar­beits­zim­mer und be­wahr­te dort so­gar sei­ne Klei­der in ei­nem klei­nen Eck­schrank auf, den er selbst ge­baut hat­te.

Er konn­te mit Gra­ce zu­sam­men sein. Wie sie es sich wäh­rend der lan­gen Ab­we­sen­heit ih­rer Mut­ter an­ge­wöhnt hat­te, ver­brach­te sie viel Zeit mit ih­rem Va­ter im Ar­beits­zim­mer; Sto­ner be­schaff­te ihr so­gar ei­nen klei­nen Stuhl und Tisch, da­mit sie ei­nen Platz für ih­re Haus­ar­bei­ten und zum Le­sen hat­te. Die Mahl­zei­ten nah­men sie meist al­lein ein, da Edith sich oft au­ßer Haus auf­hielt, und blieb sie doch ein­mal da­heim, gab sie ge­wöhn­lich klei­ne Par­tys für ih­re Thea­ter­freun­de, bei de­nen ein Kind un­er­wünscht war.

Ur­plötz­lich aber be­gann Edith wie­der, län­ger zu Hau­se zu blei­ben. Er­neut nah­men sie ih­re Mahl­zei­ten zu dritt ein, und Edith un­ter­nahm so­gar ge­wis­se An­stren­gun­gen, sich um den Haus­halt zu küm­mern. Es wur­de still; selbst das Kla­vier blieb un­ge­nutzt, so­dass sich Staub auf den Tas­ten sam­mel­te.

In ih­rem ge­mein­sa­men Le­ben wa­ren sie an ei­nem Punkt an­ge­langt, an dem sie nur noch sel­ten über sich oder über­ein­an­der spra­chen, um das heik­le Gleich­ge­wicht nicht zu ge­fähr­den, das ih­nen ihr Zu­sam­men­le­ben er­mög­lich­te. Des­halb frag­te Sto­ner erst, nach­dem er lan­ge ge­zö­gert und die mög­li­chen Fol­gen be­dacht hat­te, ob et­was nicht in Ord­nung sei.

Sie sa­ßen am Ess­tisch; Gra­ce hat­te sich ent­schul­digt und war mit ei­nem Buch in Sto­ners Ar­beits­zim­mer ge­gan­gen.

„Wie meinst du das?“, frag­te Edith.

„Dei­ne Freun­de“, er­wi­der­te Wil­li­am. „Sie sind schon seit ei­ner Wei­le nicht mehr hier ge­we­sen, und du scheinst auch nichts mehr mit dem Thea­ter zu tun zu ha­ben. Al­so fra­ge ich mich, ob ir­gend­was nicht in Ord­nung ist.“

Mit ei­ner fast männ­li­chen Ges­te schüt­tel­te Edith ei­ne Zi­ga­ret­te aus der Pa­ckung ne­ben ih­rem Tel­ler, steck­te sie sich zwi­schen die Lip­pen und zün­de­te sie am Stum­mel ei­ner nur halb ge­rauch­ten Zi­ga­ret­te an. Dann in­ha­lier­te sie tief, oh­ne die Zi­ga­ret­te aus dem Mund zu neh­men, und leg­te den Kopf in den Na­cken, so­dass sie, als sie Wil­li­am an­sah, die Au­gen zu­sam­menknei­fen muss­te, was ihr ei­nen fra­gen­den, be­rech­nen­den Blick ver­lieh.

„Al­les in Ord­nung“, sag­te sie. „Die Leu­te und ih­re Ar­beit fin­gen nur an, mich zu lang­wei­len. Muss denn im­mer gleich ir­gend­was nicht stim­men?“

„Nein“, er­wi­der­te Wil­li­am. „Ich ha­be mich nur ge­fragt, ob du dich viel­leicht nicht wohl­fühlst oder so.“

Er dach­te nicht wei­ter über ihr Gespräch nach, stand kurz dar­auf vom Tisch auf und ging ins Ar­beits­zim­mer, wo Gra­ce an ih­rem Tisch saß, ver­tieft in ein Buch. Das Licht der Tisch­lam­pe spie­gel­te sich in ih­rem Haar und zeig­te ihr schma­les, erns­tes Ge­sicht als kla­re Sil­hou­et­te. Sie ist im letz­ten Jahr ge­wach­sen, dach­te Wil­li­am; und ei­ne nicht un­an­ge­neh­me Trau­rig­keit ließ ei­nen klei­nen Kloß in sei­ner Keh­le auf­stei­gen. Er lä­chel­te und setz­te sich lei­se an den Schreib­tisch.

We­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter war er in sei­ne Ar­beit ver­tieft. Am Abend zu­vor hat­te er die Rou­ti­ne­auf­ga­ben er­le­digt, Se­mi­nar­ar­bei­ten durch­ge­se­hen und Vor­le­sun­gen für die kom­men­de Wo­che vor­be­rei­tet. Er dach­te an den Abend, der sich vor ihm er­streck­te, und an die vie­len wei­te­ren Aben­de, an de­nen er an sei­nem neu­en Buch ar­bei­ten konn­te. Wor­über er schrei­ben woll­te, war ihm noch nicht ge­nau klar; im Gro­ßen und Gan­zen woll­te er sei­ne ers­te Stu­die so­wohl zeit­lich wie in­halt­lich er­wei­tern, woll­te über die eng­li­sche Re­nais­sance ar­bei­ten und die Ein­flüs­se klas­si­schen und mit­tel­al­ter­li­chen Lateins auf die­se Zeit ein­be­zie­hen. Er war in der Pla­nungs­pha­se, ei­ne Pha­se, die ihm größ­tes Ver­gnü­gen be­rei­te­te – die Wahl zwi­schen un­ter­schied­li­chen Vor­ge­hens­wei­sen, die Ent­schei­dung ge­gen be­stimm­te Stra­te­gi­en, das Ge­heim­nis­vol­le und Un­ge­wis­se, das un­er­forsch­te Mög­lich­kei­ten barg, die Fol­gen sei­ner Ent­schei­dun­gen . . . Was sich ihm an Per­spek­ti­ven auf­tat, be­geis­ter­te ihn der­art, dass er nicht län­ger still­sit­zen konn­te. Er stand vom Tisch auf, schritt auf und ab und be­gann aus ei­ner un­er­füll­ten Vor­freu­de her­aus mit sei­ner Toch­ter zu re­den, die von ih­rem Buch auf­sah und ihm ant­wor­te­te.

Sie spür­te sei­ne Stim­mung, und et­was, das er sag­te, brach­te sie zum La­chen. Dann lach­ten sie zu­sam­men, lach­ten so hem­mungs­los, als wä­re sie bei­de Kin­der. Plötz­lich ging die Tür zum Ar­beits­zim­mer auf, und das har­sche Licht vom Wohn­zim- mer fiel bis in die letz­ten schat­ti­gen Win­kel. Edith stand da, von die­sem Licht um­rahmt, und sag­te lang­sam und deut­lich: „Dein Va­ter ver­sucht zu ar­bei­ten, Gra­ce. Du musst ihn nicht stö­ren.“

Ei­ni­ge Au­gen­bli­cke lang wa­ren Wil­li­am und sei­ne Toch­ter über die­ses un­ver­mit­tel­te Ein­drin­gen so ver­blüfft, dass sich kei­ner von bei­den reg­te oder et­was sag­te. „Ist schon gut, Edith“, konn­te Wil­li­am schließ­lich her­vor­brin­gen. „Sie stört mich nicht.“

Als hät­te er nichts ge­sagt, fuhr Edith fort: „Hast du mich nicht ge­hört, Gra­ce? Komm bit­te so­fort aus dem Zim­mer.“

Per­plex er­hob sich Gra­ce von ih­rem Stuhl und ging zur Tür. Mit­ten im Zim­mer aber blieb sie ste­hen und sah erst ih­ren Va­ter, dann ih­re Mut­ter an. Edith setz­te an und woll­te et­was sa­gen, aber Wil­li­am kam ihr zu­vor.

„Ist schon gut, Gra­ce“, sag­te er, so sanft er konn­te. „Ist schon gut. Geh mit dei­ner Mut­ter.“

Als Gra­ce durchs Ar­beits­zim­mer ins Wohn­zim­mer ging, sag­te Edith zu ih­rem Mann: „Dem Kind wird zu viel Frei­heit ge­las­sen. Es ist doch nicht nor­mal, so still zu sein, so zu­rück­ge­zo­gen; au­ßer­dem ist sie viel zu viel al­lein. Sie soll­te mehr un­ter­neh­men und mit Kin­dern ih­res Al­ters spie­len. Merkst du denn nicht, wie un­glück­lich sie ist?“

Sie schloss die Tür, ehe er ant­wor­ten konn­te.

Lan­ge Zeit reg­te er sich nicht, blick­te auf den mit No­ti­zen und auf­ge­schla­ge­nen Bü­chern über­sä­ten Schreib­tisch, ging dann lang­sam durchs Zim­mer und be­gann ge­dan­ken­los, die Pa­pie­re und Bü­cher zu ord­nen.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.