Wie ein Bio­top ver­schwand

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON ANDRE­AS GRUHN

Die An­woh­ner in Sit­tard­hei­de he­gen ihr Bio­top im Dorf, nur führt es schon lan­ge kein Was­ser mehr. Rich­tig so, sagt der Schwalm­ver­band.

SIT­TARD­HEI­DE Mit ei­nem Seuf­zer lässt sich Jo­sef Bal­tes an dem Teich nie­der, der ei­gent­lich kei­ner mehr ist. Er hockt sich auf die Bank, die er vor vie­len Jah­ren selbst ge­baut hat. Mit zit­tern­den Hän­den zieht der 81Jäh­ri­ge ei­nen Sta­pel Fotos aus ei­nem Um­schlag. Auf den Bil­dern ist Was­ser zu se­hen. Män­ner, die knie­tief durch den Teich wa­ten. Ei­ne Feu­er­wehr-Dreh­lei­ter, die ein En­ten­haus hin­ein hebt. „Das war un­ser Bio­top“, sagt An­woh­ner Bal­tes.

Sit­tard­hei­de ist ein äu­ßerst put­zi­ges Dorf mit et­wa 70 Ein­woh­nern im Rhein­dah­le­ner Land. Der Mai­baum an der Ka­pel­le steht auch Mit­te Ju­ni noch, und auf ei­ner Bür­ger­ver­samm­lung wol­len die Be­woh­ner in Kür­ze das Dorf­fest für den Spät­som­mer pla­nen. Kurz: Die Welt ist an sich in Ord­nung. Nur so wie vor knapp 20 Jah­ren wird das Dorf ver­mut­lich nie wie­der aus­se­hen. Das Bio­top ist tro­cken und wu­chert zu. Schlimm, fin­den die meis­ten An­woh­ner. Al­les rich­tig, sagt der Schwalm­ver­band, der für die Ge- wäs­ser im Wes­ten der Stadt zu­stän­dig ist.

Das Bio­top stammt aus der Zeit ge­gen En­de der 80er Jahre. Da­mals lie­fen den An­woh­nern bei Stark­re­gen re­gel­mä­ßig die Kel­ler voll. Um sie vor Hoch­was­ser­stän­den zu schüt­zen, leg­te der Schwalm­ver- band di­rekt ne­ben der Bun­des­stra­ße 57 ein Hoch­was­ser­rück­hal­te­be­cken. Das Be­cken wird be­füllt vom Was­ser­lauf aus Sit­tard und Sit­tard­hei­de – und dort wur­de das klei­ne­re Be­cken da­mals auf ei­nem städ­ti­schen Grund­stück mit an­ge­legt. Die Pro­ble­me bei Stark­re­gen mit dem Was­ser­ab­fluss wa­ren auf ein­mal vor­bei. Und die An­woh­ner fin­gen an, es sich rich­tig nett zu ma­chen drum­her­um.

Ei­ne ein­ge­bau­te Ton­dich­tung sorg­te da­für, dass das Bio­top über Jahre per­ma­nent ei­nen Was­ser­spie­gel hat­te. „Wach­sen­de Pflan­zen, Bi­sa­me und Nu­tri­as ha­ben die Ton­dich­tung aber so stark be­schä­digt, dass das Was­ser ver­si­ckert“, sagt Thomas Schulz, Ge­schäfts­füh­rer des Schwalm­ver­ban­des. Und weil das Grund­was­ser seit dem Braun­koh­le­ta­ge­bau eben nicht mehr so hoch reicht, hat das Bio­top auch kei­nen Grund­was­ser­an­schluss: Des­halb steht nur noch dann Was­ser, wenn es mal stark ge­reg­net hat. Oder wie es der Schwalm­ver­band aus­drückt: „Das Ge­wäs­ser ist nur tem­po­rär.“

Das Pro­blem ist aber, dass der Wunsch der An­woh­ner nach ih­rem Dor­fidyll eben nicht nur tem­po­rär ist. „Wir mä­hen im­mer den Ra­sen und schnei­den Sträu­cher“, sagt Jo­sef Bal­tes. Die Ab­fall­kör­be ha­ben sie selbst ge­baut und an ei­nem Baum ein Schild be­fes­tigt, das Wan­de­rer er­mahnt, ih­ren Müll doch bit­te an­stän­dig zu ent­sor­gen: „Sor­ge bit­te­wohl da­für, dass sau­ber bleibt hier, un­ser Re­vier“, reim­ten sie. Das sei ach­tens­wert und rich­tig pri­ma, sagt der Schwalm­ver­band, al­ler­dings hat er we­nig In­ter­es­se dar­an, die Ton­dich­tung zu er­neu­ern. „Wenn das Was­ser nach ei­nem Re­gen ins Grund­was­ser ver­si­ckert, ist es dort für die Na­tur genau­so wert­voll“, sagt Schulz. „Ei­ne neue Ton­dich­tung wür­de sämt­li­che Ge­wäch­se zer­stö­ren.“Und ei­ne neue Was­ser­zu­lei­tung zu le­gen, das hal­ten die Ge­wäs­ser­schüt­zer eben­falls für un­mög­lich. „Wir kön­nen das Was­ser nicht hin­zau­bern.“

So bleibt den Be­woh­nern von Sit­tard­hei­de im Mo­ment ein et­was trost­lo­ser An­blick. Die Grä­ser an den Rä­dern – je­den­falls dort, wo die Be­woh­ner sie nicht selbst schnei­den – sind schon so hoch ge­wach­sen, dass die Bän­ke fast über­wu­chern. Die Ge­wäs­ser­un­ter­hal­tung be­gin­ne am 15. Ju­ni, wenn die bo­den­brü­ten­den Vö­gel fer­tig sind, ver­si­chert der Schwalm­ver­band, zwei Mal im Jahr wer­de ge­schnit­ten, im Prin­zip. „Das darf hier nicht ver­wil­dern“, sagt Bal­tes und er­zählt von lai­chen­den Frö­schen und Frosch­kon­zer­ten in lau­en Som­mer­näch­ten. Ein ein­zi­ger Frosch im Ufer­gras ist noch üb­rig ge­blie­ben. Er ist aus Por­zel­lan.

FO­TO: DETLEF ILGNER

Al­les tro­cken und über­wu­chert: So sieht das Bio­top in Sit­tard­hei­de heu­te aus. Nur noch bei Stark­re­gen ist es mit Was­ser ge­füllt.

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