Mu­si­ka­li­sche Fun­ken aus der Un­ter­welt

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON AR­MIN KAUMANNS

Ja­kob Pe­ters-Mes­ser in­sze­niert Glucks „Or­pheus und Eu­ry­di­ke“an­deu­tungs­reich mit viel Bal­lett und gro­ßen Chor-Ta­bleaus. Im Gra­ben zau­bert Wer­ner Er­hardt, ei­ner der Gran­den der rhein­län­di­schen Al­te-Mu­sik-Sze­ne.

Wie un­er­hört mo­dern Chris­toph Wil­li­bald Glucks „Or­pheus und Eu­ry­di­ke“zu sei­ner Zeit ge­klun­gen ha­ben mag, das er­zählt bis in die kom­men­de Spiel­zeit am Thea­ter ei­ner der Gran­den der rhein­län­di­schen Al­te-Mu­sik-Sze­ne, Wer­ner Er­hardt. Der 60-jäh­ri­ge „Con­cer­to Köln“Grün­der ent­facht in sei­nem Di­ri­gat des Gluck’schen Re­form­werks mit den in sol­chen Ge­fil­den we­nig be­wan­der­ten Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­kern ein wah­res Feu­er­werk an wun­der­bar bi­zar­ren Klän­gen und Af­fek­ten, wie man sie sonst nur auf Spe­zia­lis­ten-Treffs zu Ge­hör be­kommt. An­ge­rei­chert mit ein paar Na­tur­trom­pe­ten und Flü­gel­hör­nern ent­wi­ckelt das sonst mit dem neo­ro­man­ti­schen In­stru­men­ta­ri­um aus­ge­stat­te­te En­sem­ble ei­nen Sound, der flir­ren­der, trans­pa­ren­ter, im De­tail kost­ba­rer kaum zu wün­schen wä­re. Die Strei­cher ze­le­brie­ren ge­ra­de­zu das ober­ton­rei­che Non-Vi­bra­to, Holz und Blech ver­schmel­zen zum fast ide­al fett­frei­en Kam­mer­mu­sik-Ton. Al­les schwingt, al­les klingt.

Das zu er­le­ben lohnt ein Be­such der Ins­ze­nie­rung, für die Re­gis­seur Ja­kob Pe­ters-Mes­ser zu­sam­men mit sei­nem Aus­stat­ter Mar­kus Mey­er die sze­ni­sche Um­set­zung ver­ant­wor­tet. Mit der haus­ei­ge­nen Com­pa­gnie von Bal­lett­chef Ro­bert North hat Pe­ters-Mes­ser ei­ne „Glad­ba­cher Fas­sung“der Oper ent­wi­ckelt, 100 Mi­nu­ten kurz. Die acht Tän­ze­rin­nen und Tän­zer, wie sie da als fu­rio­se Fu­ri­en im IS-Look den ar­men Or- pheus in der Höl­len­welt ver­schre­cken, oder als se­li­ge Geis­ter im Ely­si­um aus den Kran­ken­bet­ten der ge­fal­le­nen Hel­den ent­schwe­ben, ma­chen ih­re Sa­che ta­del­los. Ihr ge­tanz­ter Kommentar zur weit­ge­hend hand­lungs­ar­men Oper ge­fällt auf gan­zer Li­nie. Höchst an­sehn­lich und auch stimm­lich bes­tens auf der Hö­he prä­sen­tiert sich der Opern­chor, der ei­ni­ge be­rü­cken­de Sze­nen hat in ei­ner an­sons­ten eher zwei­fel­haf­ten Ins­ze­nie­rung.

Denn so klar und zei­chen­haft Pe­ters-Mes­sers Bil­der auch sein mö­gen – er be­dient sich ei­ner durch­ge­hen­den Schwarz­weiß-Op­tik – was das al­les soll und wie das zu­sam­men­passt, bleibt doch reich­lich ne­bu­lös. Schon zur Ou­ver­tü­re fuch­telt Amor, der mit weiß­ge­schmink­tem Ge­sicht Tod und Lie­be zugleich ver­kör­pert, in ro­ten Hand­schu­hen be­deu­tungs­schwan­ger mit dem Gei­gen­bo­gen her­um, der spä­ter bis­wei­len auch als Zei­ge­stock dient, und mit dem er die Zeit an­zu­hal­ten ver­mag. Ein biss­chen sieht das nach Ope­ret­te aus, was dann auch zum Tim­bre von Ga­b­rie­la Kuhns So­pran passt. Dem Kli­schee ver­haf­tet voll­zieht sich der ers­te Akt als „rheinische Grab­le­gung“mit al­lem, was da­zu­ge­hört, in ei­nem Raum, der mit zwei Tü­ren, Ro­ko­ko-De­ckens­tuck, Stuhl, Tisch und ein­ge­wor­fe­nen Fens­ter­schei­ben cha­rak­te­ri­siert ist. Orhpeus’ Welt in Scher­ben? Der trau­ern­de Sän­ger trägt je­den­falls kei­ne Lei­er, son­dern ein Heft­chen bei sich, in das er bei je­der Ge­le­gen­heit No­ti­zen schreibt. Vi­el­leicht ist der Sän­ger ja ein Li­te­rat?

Nun, in der Höl­le lo­dern Flam­men, die ar­men Sün­der ha­ben je­der ihr Päck­chen zu tra­gen; das Ely­si­um er­in­nert an ein Sa­na­to­ri­um – der Chor macht Vi­si­te. Im zu­nächst tra­gi­schen Schluss­akt wird ein schwar­zer Ari­ad­nefa­den rich­tungs­wei­send, an dem sich die Lie­ben­den ent­lang­be­we­gen. War­um, und war­um ist da­zu auch noch die De­cke her­un­ter­ge­klappt? Ja, und weil Pe­ters-Mes­ser Glucks glück­li­chem Schluss miss­traut, lässt er nach dem fi­na­len Ju­bel-Ge­sang noch ei­nen Epi­log in Moll vor dem ge­schlos­se­nen Vor­hang spie­len, zu dem die bei­den zum Le­ben Er­lös­ten ganz weit von­ein­an­der blei­ben müs­sen.

Das al­les wä­re we­nigs­tens hübsch und kurz­wei­lig an­zu­schau­en, wenn die Prot­ago­nis­ten mit Ge­s­angs­kunst und Prä­senz die Sze­ne über­strahl­ten. Das ist hier nicht der Fall. Eva Ma­ria Gün­sch­mann wirkt mit ih­rem brü­chi­gen Mez­zo in der gro­ßen Or­pheus-Par­tie wie ih­rer we­sent­li­chen Aus­drucks­mit­tel be­raubt. Da rührt nichts zu Her­zen. So­phie Wit­te als Eu­ry­di­ke wirkt eben­falls fremd in der zau­ber­haf­ten So­pran­par­tie. Die Fall­hö­he zum Gra­ben ist bei bei­den ekla­tant. Glucks „Or­pheus“fin­det beim Pre­mie­ren­pu­bli­kum den­noch brei­ten Zu­spruch. Bra­vi für Er­hardt und das Orches­ter. Or­pheus und Eu­ry­di­ke, 100 Mi­nu­ten, kei­ne Pau­se; ita­lie­nisch, deut­sche Über­ti­tel. Vor­stel­lun­gen 17., 23. Ju­ni, 11., 13. Ju­li und wie­der in der nächs­ten Spiel­zeit. Kar­ten 02166 6151100, www.thea­ter-kr-mg.de

FO­TO: MAT­THI­AS STUTTE

So­phie Wit­te als Eu­ry­di­ke und Eva Ma­ria Gün­sch­mann als Or­pheus in der „Glad­ba­cher Fas­sung“von „Or­pheus und Eu­ry­di­ke“.

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