Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Meh­re­re Mi­nu­ten stand er dar­auf nur da, die Stirn in Fal­ten ge­legt, als ver­su­che er, sich an et­was zu er­in­nern. Dann dreh­te er sich um, ging zu Gra­ce’ klei­nem Tisch und blieb wie­der wie zu­vor am ei­ge­nen Tisch ein­fach nur ste­hen. Schließ­lich knips­te er die Lam­pe aus, was den klei­nen Tisch grau und leb­los aus­se­hen ließ, ging zum So­fa, leg­te sich hin, die Au­gen of­fen, und starr­te an die Zim­mer­de­cke.

Das Un­ge­heu­er­li­che wur­de ihm erst all­mäh­lich klar, so­dass es et­li­che Wo­chen dau­er­te, ehe er sich ein­ge­stand, was für ein Spiel Edith trieb; und als er es schließ­lich konn­te, ge­schah es fast oh­ne je­de Über­ra­schung. Edith führ­te ih­ren Feld­zug so ge­schickt und klug, dass er kei­nen ver­nünf­ti­gen Grund zur Kla­ge fand. Nach dem ab­rup­ten, fast bru­ta­len Auf­tritt in sei­nem Ar­beits­zim­mer, der ihm im Nach­hin­ein wie ein Über­ra­schungs­an­griff vor­kam, än­der­te Edith ih­re Stra­te­gie, um nun in­di­rek­ter, stil­ler und zu­rück­hal­ten­der vor­zu­ge­hen. Es war ei­ne Stra­te­gie, die sich als Lie­be und Für­sor­ge tarn­te, wes­halb er sich ge­gen sie macht­los fühl­te.

Edith war jetzt fast stän­dig zu Hau­se. Mor­gens und am frü­hen Nach­mit­tag, wenn sich Gra­ce in der Schu­le auf­hielt, mach­te sie sich dar­an, Gra­ce’ Schlaf­zim­mer neu zu ge­stal­ten. Sie hol­te den klei­nen Tisch aus Sto­ners Ar­beits­zim­mer, strich ihn blass­ro­sa an und be­kleb­te den Rand der Plat­te mit ei­nem brei­ten Band aus farb­lich pas­sen­dem Rü­schen­sa­tin, so­dass er kei­ne Ähn­lich­keit mehr mit dem Tisch be­saß, an den sich Gra­ce ge­wöhnt hat­te. Mit ei­ner stum­men Gra­ce an ih­rer Sei­te ging sie ei­nes Nach­mit­tags sämt­li­che Klei­der durch, die Wil­li­am ihr ge­kauft hat­te, warf das meis­te da­von fort und ver­sprach ih­rer Toch­ter, noch am Wo­che­n­en­de mit ihr in die Stadt zu ge­hen und die ent­sorg­ten Sa­chen durch pas­sen­de­re Klei- dung zu er­set­zen, durch „et­was Mäd­chen­haf­tes“. Und das ta­ten sie. Am spä­ten Nach­mit­tag kehr­te dann ei­ne mü­de, doch tri­um­phie­ren­de Edith mit ei­nem Sta­pel Pa­ke­te und ei­ner er­schöpf­ten Toch­ter zu­rück, die sich of­fen­bar äu­ßerst un­wohl fühl­te in dem neu­en, steif ge­stärk­ten und mit My­ria­den von Rü­schen be­haf­te­ten Kleid, un­ter des­sen glo­cken­för­mi­gem Saum Bei­ne dünn wie jäm­mer­li­che Stöck­chen her­vor­lug­ten.

Edith kauf­te ih­rer Toch­ter Pup­pen und Spiel­zeug und blieb in der Nä­he, wäh­rend Gra­ce pflicht­be­wusst da­mit spiel­te. Sie ver­ord­ne­te Kla­vier­stun­den und saß beim Üben ne­ben ih­rer Toch­ter auf der Bank. Aus nich­tigs­tem An­lass or­ga­ni­sier­te sie klei­ne Par­tys, zu de­nen die Nach­bars­kin­der ka­men, mür­risch und ver­bit­tert, weil sie ih­re stei­fen, bes­ten Klei­der tra­gen muss­ten. Au­ßer­dem über­wach­te Edith Lek­tü­re und Haus­ar­beit ih­rer Toch­ter und ach­te­te streng dar­auf, dass sie nicht mehr Zeit da­für ver­wand­te, als sie ihr zu­ge­stand.

Ediths Be­su­cher wa­ren jetzt Müt­ter aus der Nach­bar­schaft. Sie ka­men vor­mit­tags, tran­ken Kaf­fee und re­de­ten, so­lan­ge ih­re Kin­der in der Schu­le wa­ren; nach­mit­tags brach­ten sie die Kin­der mit, sa­hen ih­nen zu, wie sie im gro­ßen Wohn­zim­mer spiel­ten, und trotz des Ge­tö­ses un­ter­hiel­ten sie sich über Gott und die Welt.

Wäh­rend die­ser Nach­mit­ta­ge saß Sto­ner meist am Schreib­tisch und konn­te ver­ste­hen, was die Müt­ter sag­ten, da sie sich quer durchs Zim­mer un­ter­hiel­ten und die Stim­men ih­rer Kin­der über­tön­ten.

Als der Lärm ein­mal ab­flau­te, hör­te er Edith sa­gen: „Die ar­me Gra­ce. Sie hat ih­ren Va­ter wirk­lich gern, aber der fin­det kaum Zeit für sie. Die Ar­beit, wis­sen Sie, und jetzt das neue Buch . . .“

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.