Bo­rus­sia spielt in­tel­li­gent, aber zu sel­ten mit Kopf

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LESERBRIEFE - VON KARS­TEN KELLERMANN

Nur sechs Kopf­ball­to­re gab es in der ab­ge­lau­fe­nen Bun­des­li­ga­sai­son. Dort herrscht Stei­ge­rungs­be­darf, zu­mal nun Stan­dards Standard sind.

Bo­rus­sia war frü­her die „Tor­fa­brik“. Doch die Pro­duk­ti­on mit dem Kopf war schon da­mals, in den glor­rei­chen 70ern, ver­gleichs­wei­se dünn. Das Phä­no­men hat sich weit­ge­hend fort­ge­setzt. Wer über Kopf­bal­ler in der Bun­des­li­ga spricht, denkt zu­nächst an Män­ner wie Horst Hru­besch, Die­ter Ho­en­eß oder „Air“Ried­le. Bo­rus­si­as Stür­mer ste­hen für an­de­re Din­ge. Al­ler­dings gab es durch­aus auch bei Bo­rus­sia Spe­zia­lis­ten für den of­fen­si­ven Kopf­ball. Un­ter an­de­rem Her­bert Lau­men, Win­fried Han­nes, Uwe Rahn, Gün­ter „Schä­del“Thie­le, Mar­tin Dah­lin und Hei­ko Herr­lich, spä­ter Arie van Lent, der per Kopf auch das letz­te Tor auf dem Bö­kel­berg er­ziel­te.

Van Lents Tref­fer aus dem Jahr 2004 ist ei­nes der ge­schichts­träch­tigs­ten Glad­ba­cher Kopf­ball­to­re. Es ist schwie­rig, der­lei Lis­ten wer­tend aus­zu­le­gen, doch könn­te das be­deu­tungs­volls­te Kopf­ball­tor der Glad­bach-His­to­rie das von Han­sJür­gen Witt­kamp 1977 im Halb­fi­na­le des Lan­des­meis­ter-Wett­be­werbs ge­gen Dy­na­mo Kiew sein. Sein 2:0 brach­te den Ein­zug ins Fi­na­le ge­gen Li­ver­pool. Oh­ne das Kopf­ball­tor von Han­nes im Vier­tel­fi­na­le in Brüg­ge zum 1:0-Sieg wä­re Witt­kamps Tref­fer je­doch nie ge­fal­len. „Ich ha­be nur den Kopf hin­ge­hal­ten und Glück ge­habt“, sag­te „Jo­ker“Han­nes. 1984 ret­te­te ein Kopf­ball­tor von Hans-Jörg Cri­ens Bo­rus­sia kurz vor Schluss das 4:4 im Po­kal-Halb­fi­na­le ge­gen Bre­men und so in die Ver­län­ge­rung – in der Cri­ens per Kunst­schuss das Fi­na­le klar­mach­te.

In der Neu­zeit wisch­te der Bra­si­lia­ner Dan­te mit sei­nem Kopf­ball­tref­fer zum 1:0-Er­folg in Cott­bus in der Schluss­mi­nu­te al­le Zwei­fel am Klas­sen­ver­bleib weg – das war Teil zwei der Last-Mi­nu­te-Ret­tungs-Ge­schich­te, denn zu­vor hat­te Ro­ber­to Co­laut­ti eben­falls Se­kun­den vor dem En­de das 1:0 ge­gen Schal­ke ge­macht. Al­ler­dings mit dem Fuß.

Im All­ge­mei­nen hat­te das Kopf­ball­tor an Wert ver­lo­ren. Oder bes­ser: Es konn­te kaum fal­len, weil ge­ti­ki-takat wur­de. Das war auch in Glad­bach so, als Lu­ci­en Fav­re Trai­ner war. Ho­he Bäl­le wa­ren ver­pönt, schön war nur, was fein kom­bi­niert war. An­dré Hahn mach­te mal ein Kopf­ball­tor ge­gen Schal­ke, ganz klas­sisch, so mit Flan­ke und Ball mit der Stirn ins Netz ram­men, aber sonst? Sel­ten, sehr sel­ten traf Fav­res Bo­rus­sia mit dem Kopf.

So war es auch bei An­dré Schu­bert. Wie sein Vor­gän­ger moch­te er lie­ber das fla­che Spiel. Stan­dards wa­ren wie zu­vor ein Stief­kind. Das hat sich ge­än­dert, seit Die­ter He­cking Trai­ner ist und Co Dirk Brem­ser mit­ge­bracht hat. Der schult die Bo­rus­sen be­son­ders in der Aus­füh­rung der of­fen­si­ven Stan­dards – und je mehr der­sel­ben gut kom­men, des­to grö­ßer ist die Wahr­schein­lich­keit auf Kopf­ball­to­re. Zu­mal, wenn man, wie Bo­rus­sia, in Jan­nik Ves­ter­gaard den längs­ten Spie­ler der Bun­des­li­ga sein Ei­gen nennt. Ku­rio­ser­wei­se war es der nicht eben hü­nen­haf­te Lars St­indl, der in der ver­gan­ge­nen Sai­son als Ers­ter per Kopf traf am 18. Spiel­tag. Zu­vor hat­te es 27 Spie­le oh­ne Kopf­ball-Tor ge­ge­ben. St­indls 2:2 beim 3:2-Sieg in Le­ver­ku­sen war mit das wich­tigs­te Kopf­ball­tor der Glad­ba­cher Ge­gen­wart, denn es war die Ba­sis für den ers­ten Aus­wärts­sieg der Sai­son und die schnel­le Flucht nach vorn vor dem dro­hen­den Ab­stiegs­kampf.

Es folg­ten noch fünf wei­te­re Kopf­ball­to­re. Drei er­ziel­te Ves­ter­gaard, eins Raf­fa­el und eins Andre­as Chris­ten­sen, der zu­dem im Eu­ro­pa-Le­ague-Spiel in Flo­renz der­art traf. Bo­rus­sia spielt in­tel­li­gent nach vorn, aber zu sel­ten mit Köpf­chen. Sechs Kopf­ball­to­re in der Bun­des­li­ga gab es (13,3 Pro­zent der 45 To­re), den sai­so­na­len Spit­zen­wert hält Hof­fen­heim mit zwölf Kopf­ball­tref­fern. Dort spielt San­dro Wa­gner, der das Kopf­ball-Tor auch beim DFB ge­ra­de wie­der hof­fä­hig ge­macht hat. Bo­rus­sia kann und muss bei Kopf­bäl­len noch nach­le­gen. Das Pro­blem ist: Bis auf Ves­ter­gaard gibt es kaum je­man­den, der ei­nen wirk­lich gu­ten Of­fen­siv-Kopf­ball hat. Selbst Hahn, von der Sta­tur her schon der Typ da­für, ist in der Spar­te kein Ex­per­te.

In De­nis Za­ka­ria ist nun der drit­te Eins­neun­zi­ger zu­ge­kauft wor­den. Ves­ter­gaard, 1,99 Me­ter, und Kramer sind die bei­den an­de­ren, Za­ka­ria ist wie Kramer 191 Zen­ti­me­ter groß. Kommt noch der En­g­län­der Reece Ox­ford da­zu, wä­re er mit sei­nen 1,90 Me­tern der vier­te im Bun­de. To­bi­as Strobl und Ni­co El­ve­di sind im­mer­hin 1,88 Me­ter lang. Kör­per­län­ge ist kei­ne Ga­ran­tie für ei­nen gu­ten Kopf­ball, kann aber hilf­reich sein, wenn es im geg­ne­ri­schen Straf­raum um Luft­ho­heit geht. Viel­leicht fin­det sich ja noch ein An­grei­fer mit dem Spe­zi­al­ge­biet Kopf­ball. Da in Vin­cen­zo Grifo ein Flan­ken­und Standard-Ex­per­te ge­holt wur­de, wä­re das ei­ne sinn­vol­le Er­gän­zung. So oder so: Kopf­bäl­le üben kann nicht scha­den. Es gibt im Bo­rus­sia-Park auch ein Kopf­ball-Pen­del. Es soll je­doch ein we­nig ein­ge­staubt sein.

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