Hrant Dink – Kämp­fer für den Frie­den

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON INGE SCHNETTLER

Der Chef­re­dak­teur der ein­zi­gen ar­me­nisch-tür­ki­schen Ta­ges­zei­tung „Agos“starb für sei­ne Über­zeu­gung. Das Stück „Ei­ne Schiffs­la­dung Nel­ken für Hrant Dink“der Ar­me­nie­rin Za­ra An­t­onyan fei­ert am Don­ners­tag Pre­mie­re im Thea­ter.

2007 wur­de Hrant Dink in Istan­bul auf of­fe­ner Stra­ße er­schos­sen – ab­ge­knallt von ei­nem 17-Jäh­ri­gen. War­um? Der ar­me­ni­sche Jour­na­list und Staats­bür­ger der Tür­kei hat­te seit 1996 die ein­zi­ge ar­me­nisch-tür­ki­sche Ta­ges­zei­tung „Agos“her­aus­ge­ge­ben. Sei­ne Sehn­sucht war die Aus­söh­nung zwi­schen Ar­me­ni­ern und Tür­ken, die De­mo­kra­tie in der Tür­kei, die An­er­ken­nung des Völ­ker­mords an den Ar­me­ni­ern. Da­für schrieb er, da­für kämpf­te er – des­halb starb er. Der Mör­der und ein An­stif­ter wur­den ge­fasst, aber es deu­te­te vie­les dar­auf hin, dass ul­tra­na­tio­na­le tür­ki­sche Kräf­te hin­ter der Tat stan­den. Erst acht Jah­re spä­ter, im Ja­nu­ar 2015, wur­den erst­mals zwei tür­ki­sche Po­li­zis­ten im Zu­sam­men­hang mit der Er­mor­dung Hrant Dinks an­ge­klagt.

Die Ma­ti­nee im Thea­ter-Ca­fé Li­nol war viel­spra­chig: Die ar­me­ni­sche Re­gis­seu­rin des Stücks „Ei­ne Schiffs­la­dung Nel­ken für Hrant Dink“, Za­ra An­t­onyan, sprach Rus­sisch, ihr ame­ri­ka­ni­scher Mann, der Co-Re­gis­seur Ste­phen Ochs­ner, über­setz­te ins Eng­li­sche, Dra­ma­turg Mar­tin Vöh­rin­ger wie­der­um ins Deut­sche. Und die Schau­spie­ler De­ni­se Mat­t­hey und Jo­na­than Hut­ter ga­ben ers­te Kost­pro­ben. Die bei­den jun­gen Ak­teu­re ver­las­sen zum Spiel­zeit-En­de das Ge­mein­schafts­thea­ter. Das ist der Grund, war­um das Glad­ba­cher Haus das Stück vor­ge­zo­gen hat. Die Pre­mie­re ist am kom­men­den Don­ners­tag um 20 Uhr im Stu­dio.

Die kur­zen Se­quen­zen aus dem Stück mach­ten die Poe­tik deut­lich. „Es ist ein be­son­de­rer Thea­ter­text, kein Dia­log, son­dern episch-er­zäh­lend“, sag­te Mar­tin Vöh­rin­ger. Ge­schrie­ben hat das Stück An­na Dav­ty­an, die als die als Schrift­stel­le­rin, Über­set­ze­rin und Fo­to­gra­fin in der ar­me­ni­schen Haupt­stadt Eri­wan lebt. Zu­dem ist sie ei­ne Freun­din von Re­gis­seu­rin Za­ra An­t­onyan. Die­se fand es un­mög­lich, den Ge­no­zid an den Ar­me­ni­ern auf die Büh­ne zu brin­gen. „Der ers­te Schritt zur Lö­sung war die Kon­zen­tra­ti­on auf Hrant Dink, der bis heute in Ar­me­ni­en ei­ne sehr be­kann­te Per­sön­lich­keit ist“, sag­te Mar­tin Vöh­rin­ger. An­na Dav­ty­an reis­te in die Tür­kei und nach West-Ar­me­ni­en, dem zen­tra­len Ort des Völ­ker­mords, sie er­forsch­te die His­to­rie und sprach mit vie­len Men­schen – auch mit Fa­mi­li­en­mit­glie­dern von Hrant Dink. „Ent­stan­den ist ei­ne poe­ti­sche Do­ku­men­ta­ti­on“, sag­te der Dra­ma­turg.

Die Ge­schich­te Ar­me­ni­ens ist ei­ne schreck­li­che. Be­reits im 16. Jahr­hun­dert wur­de das Land zwi­schen Per­si­en und dem Os­ma­ni­schen Reich ge­teilt, ein zwei­tes Mal 1639, als die Sa­fa­wi­den un­ge­fähr das heu­ti­ge Staats­ge­biet er­hiel­ten und die Tür­ken den grö­ße­ren west­li­chen Teil. Zu Be­ginn des Ers­ten Welt­krie­ges wur­den die na­tio­na­lis­ti­schen Jung­tür­ken im­mer mäch­ti- ger, in ih­nen wuchs die Über­zeu­gung, die Ar­me­ni­er müss­ten aus­ge­löscht wer­den. Die po­li­ti­sche und in­tel­lek­tu­el­le Füh­rungs­schicht wur­de ge­fan­gen ge­nom­men. An­dert­halb Mil­lio­nen Ar­me­ni­er fie­len dem Ge­no­zid zum Op­fer, 800.000 Ar­me­ni­er flo­hen aus ih­rem Land. Den Völ­ker­mord er­kennt die Tür­kei bis heute nicht an.

„Buch­sta­ben lö­sen Pro­ble­me, wenn sie aus Ei­sen sind. Wenn man kei­ne hat, muss man Me­tall schmie­den“, sagt Jo­na­than Hut­ter in dem be­rüh­ren­den Stück. Und er singt lei­se „Gu­ten Abend, gut’ Nacht“. Das ist ein­dring­lich, mög­li­cher­wei­se auch ver­stö­rend. Vor al­lem, wenn er sei­ne Wor­te mit star­ken Po­sen und durch­drin­gen­den Schrei­en durch- setzt. Das Ma­ti­nee-Pu­bli­kum schreck­te nicht nur ein­mal zu­sam­men.

Hrant Dink taucht in dem Stück gar nicht auf. Die drei Schau­spie­ler the­ma­ti­sie­ren den ver­lo­re­nen Berg Ara­rat, der von Eri­wan gut sicht­bar aber un­er­reich­bar ist. Die Gren­ze zwi­schen der Tür­kei und Ar­me­ni­en ist dicht. Sie er­zäh­len von dem ar­me­ni­schen ro­ten Sau­er­saft, den die Tür­ken als Heil­trank schätz­ten. Und es geht um das fried­li­che Zu­sam­men­le­ben, das es zwi­schen den Ar­me­ni­ern, Kur­den und Tür­ken gab. Für das Hrant Drink sich ein­setz­te.

„Ei­ne Schiffs­la­dung Nel­ken für Hrant Dink“ist die sieb­te Pro­duk­ti­on in der Rei­he „Au­ßer­eu­ro­päi­sches Thea­ter“, das Schau­spiel­di­rek­tor Mat­thi­as Gehrt vor sie­ben Jah­ren ge­star­tet hat. Seit­her konn­te das Pu­bli­kum be­mer­kens­wer­te Ins­ze­nie­run­gen von Re­gis­seu­ren aus dem Iran, Ni­ge­ria, Me­xi­ko, dem Li­ba­non, Ja­pan und Bra­si­li­en se­hen.

„Es war ei­ne be­son­de­re Er­fah­rung, mit Za­ra An­t­onyan und Ste­phen Ochs­ner zu­sam­men­zu­ar­bei­ten“, sag­te Jo­na­than Hut­ter. De­ni­se Mat­t­hey füg­te hin­zu: „Es war her­aus­for­dernd, be­rei­chernd, neu.“Und Za­ra An­t­onyan sag­te: „Die Schau­spie­ler müs­sen sich selbst mit ih­ren Er­fah­run­gen und Ge­füh­len ein­brin­gen, sie müs­sen den Kon­takt zum Pu­bli­kum her­stel­len.“

Pre­mie­re: Don­ners­tag, 22. Ju­ni, 20 Uhr, Kar­ten un­ter 02166 6151100 oder auf www.thea­ter-kr-mg.

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