Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

An ei­nem Nach­mit­tag im Früh­ling kehr­te er wäh­rend ei­nes hef­ti­gen Un­wet­ters heim, um fest­zu­stel­len, dass ei­ne der Glas­schei­ben zer­bro­chen war und der Re­gen meh­re­re Bü­cher be­schä­digt so­wie ei­ni­ge sei­ner No­ti­zen un­le­ser­lich ge­macht hat­te; we­ni­ge Wo­chen spä­ter kam er nach Hau­se und fand her­aus, dass es Gra­ce und ei­ni­gen ih­rer Freun­din­nen er­laubt wor­den war, in sei­nem Zim­mer zu spie­len, wo­bei meh­re­re No­tiz­blät­ter und die ers­ten Sei­ten des Ma­nu­skripts sei­nes neu­en Bu­ches zer­ris­sen wor­den wa­ren. „Ich ha­be sie nur ein paar Mi­nu­ten her­ein­ge­las­sen“, sag­te Edith, „aber ir­gend­wo müs­sen sie ja spie­len. Ich hat­te doch kei­ne Ah­nung. Du soll­test ein erns­tes Wort mit Gra­ce re­den. Schließ­lich ha­be ich ihr oft ge­nug ge­sagt, wie wich­tig dir dei­ne Ar­beit ist.“

Da gab er auf. So vie­le Bü­cher wie nur mög­lich stell­te er in sei­nem Bü­ro un­ter, das er mit drei jün­ge­ren Do­zen­ten teil­te, und ver­brach­te da­nach je­ne Zeit, die er zu­vor da­heim ver­bracht hat­te, über­wie­gend in der Uni­ver­si­tät. Früh kam er nur noch nach Hau­se, wenn sei­ne Ein­sam­keit und das Ver­lan­gen, ein Wort mit sei­ner Toch­ter zu re­den oder auch nur ei­nen flüch­ti­gen Blick auf sie zu wer­fen, es ihm un­mög­lich mach­ten, noch län­ger fort­zu­blei­ben.

Im Bü­ro hat­te er al­ler­dings bloß Platz für we­ni­ge Bü­cher, und die Ar­beit am Ma­nu­skript wur­de oft un­ter­bro­chen, da ihm die not­wen­di­gen Tex­te fehl­ten; au­ßer­dem be­saß ei­ner sei­ner Bü­ro­kol­le­gen, ein erns­ter jun­ger Mann, die An­ge­wohn­heit, für den Abend Tref­fen mit sei­nen Stu­den­ten an­zu­be­rau­men. Das Ge­zi­schel ih­rer un­ter­drück­ten Ge­sprä­che war im gan­zen Raum zu hö­ren und lenk­te ihn der­ma­ßen ab, dass es ihm schwer­fiel, sich zu kon­zen­trie­ren. Schließ­lich ver­lor er das In­ter­es­se an sei­nem neu­en Buch; die Ar­beit da­ran ver­lang­sam­te sich, bis sie bald ganz zum Er­lie­gen kam, und ihm wur­de klar, dass sie für ihn zur Zuflucht ge­wor­den war, zu ei­nem Vor­wand, sich zu­rück­zu­zie­hen und abends ins Bü­ro zu kom­men. Er las und ar­bei­te­te je­doch wei­ter­hin und fand in dem, was er tat, zu gu­ter Letzt so­gar ein we­nig Trost, ein we­nig Ver­gnü­gen, gar ei­nen Hauch der al­ten Freu­de, da er sich bil­de­te, oh­ne da­mit ei­nen be­stimm­ten Zweck zu ver­fol­gen.

Edith hat­te in der Be­vor­mun­dung ih­rer Toch­ter und der be­ses­se­nen Sor­ge um Gra­ce et­was nach­ge­las­sen, so­dass das Kind ge­le­gent­lich wie­der lä­chel­te und sich manch­mal bei­na­he ent­spannt mit ihm un­ter­hielt. So fand er es mög­lich zu le­ben und auch, glück­lich zu sein, je­den­falls dann und wann.

Der In­te­rims­vor­sitz des eng­li­schen Fach­be­reichs, den Gor­don Finch seit dem Tod von Archer Slo­a­ne in­ne­hat­te, wur­de Jahr für Jahr er­neu­ert, bis sich die Mit­glie­der der Fa­kul­tät schließ­lich an je­ne läs­si­ge An­ar­chie ge­wöhnt hat­ten, die ir­gend­wie da­für sorg­te, dass Se­mi­na­re an­be­raumt und un­ter­rich­tet, neue Mit­ar­bei­ter ein­ge­stellt, die tri­via­len De­tails des Fach­be­reichs­be­triebs er­le­digt wur­den und ein Jahr aufs an­de­re folg­te. Man ging all­ge­mein da­von aus, dass der Vor­sitz dau­er­haft neu be­setzt wer­den wür­de, so­bald Finch De­kan des Fach­be­reichs Kunst und Wis­sen­schaf­ten wer­den konn­te, ei­ne Stel­lung, die er de fac­to, aber nicht of­fi­zi­ell in­ne­hat­te. Jo­siah Cla­re­mont droh­te, nie­mals zu ster­ben, auch wenn man ihn nur noch sel­ten über die Flu­re wan­dern sah.

Die Mit­glie­der des Fach­be­reichs gin­gen ih­rer We­ge, hiel­ten Vor­le­sun­gen, die sie schon im Jahr zu­vor ge­hal­ten hat­ten, und be­such­ten sich zwi­schen den Se­mi­na­ren ge­gen­sei­tig in ih­ren Bü­ros. For­mell tra­fen sie nur zu Be­ginn ei­nes je­den Se­mes­ters zu­sam­men, wenn Gor­don Finch ein all­ge­mei­nes Fach­be­reichs­tref­fen ein­be­rief, so­wie dann, wenn ih­nen der De­kan des Gra­du­ier­ten­kol­legs Ak­ten­no­ti­zen schick­te, in de­nen er sie bat, für die äl­te­ren Se­mes­ter, die kurz vor Ab­schluss ih­res Stu­di­ums stan­den, münd­li­che und schrift­li­che Prü­fun­gen an­zu­set­zen.

Sol­che Prü­fun­gen nah­men ei­nen wach­sen­den Teil von Sto­ners Zeit in An­spruch. Über­rascht stell­te er fest, dass er sich als Do­zent ei­ner be­schei­de­nen Po­pu­la­ri­tät er­freu­te und so­gar Stu­den­ten ab­wei­sen muss­te, die an sei­nem Fort­ge­schrit­te­n­en­se­mi­nar über Latein und die Li­te­ra­tur der Re­nais­sance teil­neh­men woll­ten; sei­ne Ein­füh­rungs­kur­se für Erst­se­mes­ter wa­ren im­mer voll. Meh­re­re Dok­to­ran­den ba­ten ihn, ih­re Dok­tor­ar­beit zu be­treu­en, und noch mehr wähl­ten ihn zum Prü­fer für ih­re kom­mis­sio­nel­le Prü­fung.

Im Herbst des Jah­res 1931 war das Se­mi­nar schon vor dem Tag der An­mel­dung na­he­zu kom­plett be­legt; vie­le Stu­den­ten hat­ten sich bei Sto­ner be­reits am En­de des vor­her­ge­hen­den aka­de­mi­schen Jah­res oder im Lau­fe des Som­mers gemeldet. Ei­ne Wo­che nach Se­mes­ter­be­ginn, als das Se­mi­nar be­reits ein­mal statt­ge­fun­den hat­te, kam ein Stu­dent in Sto­ners Bü­ro und bat dar­um, noch auf­ge­nom­men zu wer­den.

Sto­ner saß an sei­nem Schreib­tisch, vor sich ei­ne Lis­te der Se­mi­nar­stu­den­ten, und ver­such­te, ih­nen The­men für ih­re Se­mi­nar­ar­bei­ten zu­zu­tei­len, was er be­son­ders kniff- lig fand, da er vie­le Teil­neh­mer noch gar nicht kann­te. Es war ein Nach­mit­tag im Sep­tem­ber, und das Fens­ter ne­ben dem Schreib­tisch stand of­fen; die Fas­sa­de des gro­ßen Ge­bäu­des lag im Schat­ten, und auf dem grü­nen Ra­sen da­vor zeich­ne­ten sich deut­lich die Um­ris­se des Ge­bäu­des, das Halb­rund des Kup­pel­baus und die un­re­gel­mä­ßi­ge Dach­sil­hou­et­te ab, die das Grün ver­dun­kel­ten und un­merk­lich über den Cam­pus wan­der­ten. Ei­ne küh­le Bri­se drang durchs Fens­ter und brach­te fri­schen Herbst­ge­ruch mit.

Als es klopf­te, dreh­te er sich zur of­fe­nen Tür um und sag­te: „Her­ein.“Ei­ne Gestalt schob sich aus dem dunk­len Flur ins hel­le Zim­mer. Sto­ner blin­zel­te trä­ge ge­gen das Zwie­licht an und be­merk­te ei­nen Stu­den­ten, der ihm be­reits auf den Flu­ren auf­ge­fal­len war, ob­wohl er ihn nicht kann­te. Der lin­ke Arm des jun­gen Man­nes hing steif nach un­ten, und er zog den lin­ken Fuß beim Ge­hen nach. Das Ge­sicht war blass und voll, die Horn­bril­le rund, das schüt­te­re schwar­ze Haar prä­zi­se ge­schei­telt und flach am Kopf an­lie­gend. „Dr. Sto­ner?“, frag­te er, die Stim­me durch­drin­gend und ab­ge­hackt, die Aus­spra­che prä­zi­se.

„Ja“, er­wi­der­te Sto­ner. „Wol­len Sie sich nicht set­zen?“

Der jun­ge Mann nahm auf dem har­ten Holz­stuhl vor Sto­ners Schreib­tisch Platz; das lin­ke Bein ge­ra­de aus­ge­streckt, dar­auf ruh­te die dau­er­haft zu ei­ner halb ge­schlos­se­nen Faust ver­krümm­te lin­ke Hand. Er lä­chel­te, nick­te und sag­te in ei­gen­ar­tig selbst­iro­ni­schem Ton: „Sie ken­nen mich viel­leicht noch nicht; ich bin Charles Wal­ker, Dok­to­rand im zwei­ten Jahr. Ich bin der As­sis­tent von Dr. Lo­max.“

(Fort­set­zung folgt)

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