Künst­ler, die am Rad dre­hen

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON SI­GRID-BLOMEN-RADERMACHER

Mar­cel Duch­amp, Pa­blo Pi­cas­so, Nor­bert Krau­se, Gi­an­lu­ca Gi­mi­ni: Die­se Künst­ler ha­ben das Fahr­rad in die Kunst ge­holt – auf un­ter­schied­lichs­te Art. Kurz vor der Tour de Fran­ce wid­men wir uns die­sem The­ma. Ei­ne Be­trach­tung.

Fahr­rä­der sind ja in die­sen Ta­gen in al­ler Mun­de, bes­ser aus­ge­drückt: un­ter (fast) je­dem Ge­säß.

Die Tour de Fran­ce sorgt al­le Jah­re wie­der da­für, dass die al­ten Rä­der aus Kel­lern und Ga­ra­gen her­vor­ge­holt, ein we­nig auf­po­liert und end­lich mal wie­der als Fort­be­we­gungs­mit­tel ein­ge­setzt wer­den. Von we­gen Be­we­gung an der fri­schen Luft und so. Mit der Ab­sicht: Das ma­chen wir jetzt im­mer so. Lei­der rau­schen die gu­ten Vor­sät­ze in den meis­ten Fäl­len eben­so schnell vor­über wie die Tour de Fran­ce-Fah­rer an den Zu­schau­ern.

Da freut man sich, dass es et­was gibt, was bleibt. Und was soll­te das an­de­res sein als die Kunst.

Das Fahr­rad, manch­mal auch nur Ein­zel­tei­le da­von, ha­ben schon vor vie­len Jah­ren Ein­gang in die Kunst ge­fun­den.

Ob es eher die un­sport­li­chen Künst­ler wa­ren, die die Fahr­rä­der als Ma­te­ri­al­la­ger für ih­re Skulp­tu­ren be­trach­tet ha­ben? Das lässt sich nicht mehr sa­gen. Was sich mit Ge­wiss­heit sa­gen lässt, ist dies: 1913 hat­te der fran­zö­si­sche Künst­ler Mar­cel Duch­amp „die glück­li­che Idee“, wie er es nann­te, ein Spei­chen­rad auf ei­nen Kü­chen­stuhl zu mon­tie­ren und zu be­ob­ach­ten, wie es sich dreh­te. Das ers­te Re­a­dy­ma­de war ge­bo­ren, ein Kun­st­ob­jekt aus vor­ge­fun­de­nen Ma­te­ria­li­en. Ein biss­chen sur­re­al, ein biss­chen Da­da und ganz viel Ver­wei­ge­rung ei­ner Kunst mit vie­len Re­gu­la­ri­en.

Knapp 30 Jah­re spä­ter, 1942, folg­te Pa­blo Pi­cas­so Duch­amps Spu­ren: Er nahm die Len­ker­stan­ge ei­nes Fahr­rads so­wie ei­nen Fahr­rad­sat­tel, mon­tier­te die bei­den Tei­le zu­sam­men, goss das Gan­ze in Bron­ze, und fer­tig war der „Stier­kopf“. Aber auch heu­te rauscht das Fahr­rad ge­le­gent­lich durch die Kunst – auf recht un­ter­schied­li­che Wei­sen.

Um ei­nem der zur Kunst ge­wor­de­nen Fahr­rad-Pro­jek­te zu be­geg- nen, muss man die Stadt Mön­chen­glad­bach gar nicht ver­las­sen. Es ist der Künst­ler Nor­bert Krau­se, der re­gel­mä­ßig „am Rad dreht“. 2013 er­nann­te er Mön­chen­glad­bach zur Fahr­rad­stadt. Da­hin­ter stand die Idee, der Stadt, die ja nun so gar kei- ne Fahr­rad­stadt war, ein we­nig (Fahr­rad-)Schwung zu ver­lei­hen, sie zu ver­än­dern und zu ent­wi­ckeln. Rad­tou­ren gab es, der ro­te Tep­pich für die Rad­ler wur­de aus­ge­rollt. Krau­se bot mit ei­ner Yo­gal­eh­re­rin „Fahr­ra­dyo­ga“an. Schließ­lich brau- che man, so sagt er, Ba­lan­ce so­wohl fürs Yo­ga als auch fürs Rad­fah­ren – al­so war­um nicht bei­des ver­bin­den.

Die Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­ker un­ter der Lei­tung von Mik­hel Küt­son führten das „Bi­cy­cle Pie­ce for Orches­tra“auf, ba­sie­rend auf ei­ner Idee von Yo­ko Ono. Die Sin­fo­ni­ker er­kun­de­ten zwei St­un­den lang das Thea­ter per Fahr­rad, das ein­zi­ge Ge­räusch, das man hört, ist das der Rei­fen auf dem Bo­den. Der sie­ben­mi­nü­ti­ge Film da­zu ist auf youtu­be zu se­hen.

Und schließ­lich bau­te Krau­se ei­ne Radl­druck­ma­schi­ne. Je­der kennt das: Oh­ne Schutz­blech fah­ren ist cool, aber nur, so­lan­ge es nicht reg­net. Dann näm­lich sind Ho­sen und Ja­cken, T-Shirts und Pul­lis im Nu vol­ler häss­li­cher Spritz­was­ser­fle­cken. Die Radl­druck­ma­schi­ne kehrt das Häss­li­che mal eben schnell ins Schö­ne um: Hier wird ein zu­sätz­li­ches Vor­der­rad an­ge­trie­ben, Brems­he­bel steu­ern den mehr oder we­ni­ger zu­fäl­li­gen Farb­auf­trag auf ei­nem T-Shirt, ei­ner Ta­sche, was im­mer ge­wünscht ist.

Krau­se, der mit Ak­tio­nen und Ide­en auch am Mas­ter­plan Nahmo­bi­li­tät be­tei­ligt ist, sagt, dass „Stadt­ent­wick­lung ein zä­hes Ge­schäft“sei, zu dem man viel Ge­duld mit­brin­gen müs­se. Kunst und Stadt­ent­wick­lung? Was hat das mit­ein­an­der zu tun? Krau­se be­trach­tet sei­ne Ak­tio­nen als po­li­ti­sche, er mischt sich ein, setzt Im­pul­se, führt Ve­rän­de­rung her­bei oder gibt An­stö­ße da­zu.

Üb­ri­gens: Ha­ben Sie schon ein­mal ver­sucht, ein Fahr­rad zu zeich­nen? Was da­bei her­aus­kommt, hat vor Jah­ren der ita­lie­ni­sche De­si­gner Gi­an­lu­ca Gi­mi­ni ge­tes­tet. Er ließ Kin­der, Ju­gend­li­che und Er­wach­se­ne Fahr­rä­der zeich­nen und bau­te die­se Ent­wür­fe am Com­pu­ter nach. Er­staun­lich, wel­che skur­ri­len Rä­der da ent­stan­den sind. Fahr­bar schei­nen die we­nigs­ten, amü­sant sind sie al­le – und ei­nen Selbst­ver­such wert.

Nach­ge­baut hat man auch die an­geb­li­che Zeich­nung ei­nes Fahr­ra­des von Leo­nar­do da Vin­ci. War die Welt an­fangs be­geis­tert, das Uni­ver­sal­ge­nie auch als Fahr­rad­ent­wick­ler ken­nen­zu­ler­nen, ist mitt­ler­wei­le klar, dass es sich bei der Skiz­ze um ei­ne Fäl­schung han­deln muss – aber schön ist sie den­noch!

FOTO: KRAUSES PRODUKTDESIGN

Nor­bert Krau­se auf sei­ner Radl­druck­ma­schi­ne

FO­TOS: GI­MI­NI

... und bau­te sie dann am Com­pu­ter nach.

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