Ein Wo­che­n­en­de der Ex­pe­ri­men­te

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR -

Ein wir­res Durch­ein­an­der gab es nie – das schein­ba­re Cha­os hat­te im­mer Sys­tem. Die Ensemblia be­geis­ter­te wie­der das Pu­bli­kum.

Mu­sik­schu­le Clas­sic goes mo­dern – da denkt man ge­quält an An­dré Rieu oder bes­ten­falls an Da­vid Gar­rett. Doch dann kommt das Ju­gend­sin­fo­nie­or­ches­ter der Mu­sik­schu­le mit dem mu­ti­gen Cros­so­ver-Pro­jekt „Cha­conniADE/Hard boi­led Won­der­band“. Bei der Urauf­füh­rung in der KFH er­le­ben rund 500 Zu­schau­er ein sin­fo­ni­sches Tech­no-Kon­zert, das al­les gleich­zei­tig ist: schön, ver­stö­rend, kraft­voll, in­tel­li­gent und wit­zig. Der Kom­po­nist Rü­di­ger Blö­mer hat die zehn­mi­nü­ti­ge ro­man­ti­sche „Cha­conne“, die To­ma­so Vi­ta­li zu­ge­schrie­ben wird, in den Mi­xer ge­wor­fen. Das Er­geb­nis: Tech­no, Klas­sik, Rock und ex­pe­ri­men­tel­le Klän­ge pral­len da auf­ein­an­der, frie­ren ein, pre­schen vor­an, be­kämp­fen sich, schlie­ßen für kur­ze Zeit Freund­schaft. Doch all das wirkt nicht wie ein wir­res Durch­ein­an­der, son­dern das Cha­os hat Sys­tem. In der „Cha­conniADE“steht kein Ton oh­ne Grund. Das Ju­gend­sin­fo­nie­or­ches­ter, ge­lei­tet von Chris­ti­an Mal­e­s­kov, legt ei­ne enor­me Leis­tung hin. Die jun­gen Mu­si­ker spie­len mit vol­ler Ener­gie, al­len vor­an die ex­trem gu­ten Schlag­wer­ker. Selbst wenn sich al­les zu ei­ner wa­bern­den Klang­flä­che aus­wei­tet, bleibt das Orches­ter prä­zi­se.

Doch der ei­gent­li­che Star des Abends steht links oben über dem Orches­ter am Misch­pult: DJ Kor­bi­ni­an Groll rhyth­mi­siert die „Cha­conniADE“mit wum­mern­den Tech­no-Beats und bra­chia­len Syn­the­si­zer-Klän­gen. Wenn er auf­dreht, lässt der Licht­de­si­gner Nick Prokop im Puls der Mu­sik grell­bun­tes Licht auf­fla­ckern. Und vie­le im Pu­bli­kum zu­cken mit. Der DJ hat selbst frü­her im Ju­gend­sin­fo­nie­or­ches­ter Horn ge­spielt. Sei­ne klas­si­sche Aus­bil­dung merkt man ihm an. Er ist in stän­di­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Di­ri­gen­ten, sei­ne Ein­sät­ze sind haar­ge­nau. Je­de Stim­mung des Orches­ters spinnt er wei­ter.

Am En­de hat die „Cha­conniADE“un­se­re Sicht auf Klas­sik und Tech­no ver­än­dert. Es gibt wohl­ver­dien­ten Ju­bel und Ova­tio­nen.

Sil­ke Jün­ger­mann-Sch­nett­ler Schat­ten­vö­gel Ensemblia ist über­grif­fig, im­mer schon beim nach Jah­ren äl­tes­ten Neue-Mu­sik-Fes­ti­val des Lan­des, und im­mer wa­ren die Be­geg­nungs­pro­jek­te zwi­schen bil­den­den, dar­stel­len­den Küns­ten und Neu­er Mu­sik Mo­men­te be­son­de­ren Er­le­bens. Bri­git­te Zarm ist mit ih­ren Fe­der-Vo­gel-Skulp­tu­ren schon vie­le Jah­re da­bei, es fü­gen sich die ex­pe­ri­men­tel­len Klän­ge zum Ge­gen­ständ­li­chen ih­rer Ar­bei­ten.

In der per­for­ma­ti­ven Ins­ze­nie­rung „Schat­ten­vö­gel“hän­gen Zarms aus Kar­ton ge­scher­te, mor­bi­de de­for­mier­te Ske­let­te von Sper­lings­vö­geln an fi­li­gra­nen Gal­gen me­ter­groß im ehe­ma­li­gen Al­tar­raum von St. Eli­sa­beth. Sche­ren­schnit­te, die Schat­ten wer­fen in den Chor­raum mit sei­nen ho­hen Säu­len­bö­gen, auf die sand­stei­ner­ne Kreu­zi­gungs­grup­pe. Hoch in die Kup­pel hat Kai Welf Hoy­me, Glad­bachs Vi­deo­künst­ler, die (am Rech­ner) ab­ge­hack­ten, ste­tig um sich krei­sen­den Be­we­gun­gen ei­nes Vo­gel­schwarms pro­ji­ziert, schwarz­wei­ßer chao­tisch kon­struk­ti­ver Fluss, des­sen Flug be­ginnt mit dem Ein­satz der Mu­sik, die Glad­bachs Elek­tro­ni­ker un­ter den Kom­po­nis­ten, Mar­kus Bon­gartz, aus Vo­gel­stim­men kon­den­siert hat. Aus ums reich­li­che Pu­bli­kum pos­tier­ten Laut­spre­chern schnat­tert, ke­ckert, kräch­zet, grum­melt es. Mi­nu­ten­lan­ges Tö­nen, Schwär­men um die zei­chen­haf­ten To­ten­flie­ger, de­ren Schat­ten und Gestalt Schein­wer­fer in wech­seln­de Stim­mun­gen tau­chen. Von der ehe­ma­li­gen Sa­kris­tei schrei­tet Ge­sa Hop­pe in das mi­ni­ma­lis­ti­sche Set­ting, er­hebt ih­ren wun­der­bar kla­ren, zu in­ten­sivs­ten Far­ben fä­hi­gen So­pran zu Lie­dern von Tod und Wer­den, vom Ster­ben und Auf­bre­chen in Un­be­kann­tes. Von Or­ten, in ei­nem Wech­sel­spiel der Emo­tio­nen. Re­zi­ta­ti­on wech­selt mit Sprech­ge­sang und gro­ßer Kan- ti­le­ne. Der Raum singt mit. Ei­ne St­un­de. In­ten­siv, be­drü­ckend, be­glü­ckend. Und ein­ma­lig Ensemblia.

Ar­min Kau­manns Ju­lia Ka­del Die Pia­nis­tin zeig­te im Ca­fé Lax Le­ge­re wah­re Grö­ße. Nicht nur, weil ih­re Tas­ten­kunst zu den fas­zi­nie­rends­ten Stil­mi­schun­gen ge­hört, die man seit lan­gem ge­hört hat. Auch, weil sie auf so un­prä­ten­tiö­se Wei­se mit den Ge­ge­ben­hei­ten vor Ort um­ge­hend, das Bes­te aus dem mach­te, was zu ma­chen war. Der Ver­an­stal­tungs­ort, das Ca­fé, hat Charme – oh­ne Zwei­fel. Und es war sehr gut be­sucht. Bei Früh­stück und Heiß- und Kalt­ge­trän­ken er­war­te­te man sehn­süch­tig den Auf­tritt der Ber­li­ne­rin, die sich mit ih­rem ur­ei­ge­nen Stil schon in vie­le Her­zen ge­spielt hat. Be­rühmt ist sie für ih­re sen­si­ble An­schlag­tech­nik, ih­re leicht­fü­ßi­gen aber tie­fen mu­si­ka­li­schen Ge­dan­ken, die sie in Ei­gen­kom­po­si­tio­nen und be­flü­gel­ten Im­pro­vi­sa­tio­nen gießt. Für ih­re, Jazz tran­szen­die­ren­den, Mo­ti­ve und Har­mo­ni­en, für ih­ren Ein­falls­reich­tum.

Nor­ma­ler­wei­se ist sie ge­wohnt, ih­re Tas­ten­kunst an ei­nem wahr­haf­ti­gen Kla­vier zur Blü­te zu brin­gen, dies war bei ih­ren Auf­trit­ten im Rah­men der Ensemblia nur Tags zu­vor im Schloss Rhe­ydt mög­lich. Im Ca­fé ließ man sie auf ein E-Pia­no tref­fen. Dass die 1986 in Ber­lin ge­bo­re­ne Pia­nis­tin und Kom­po­nis­tin trotz­dem kam, und das Bes­te dar­aus mach­te, was aus so ei­nem In­stru­ment her­aus­zu­ho­len ist, spricht eben für je­ne Grö­ße und ih­re Lie­be zum Pu­bli­kum. Die Li­mi­ta­tio­nen des schwar­zen Kas­tens, über­spiel­te sie bra­vou­rös. Spiel­te da­bei kur­zer­hand mit den Klang­ein­stel­lun­gen und würz­te so ih­re Mu­sik mit spon­ta­nen Klang­ex­pe­ri­men­ten. Mal nutz­te sie die Viel­falt der ein­ge­spei­cher­ten „In­stru­men­te“, mal Hal­lein­stel­lun­gen und der­glei­chen; mach­te aus der Not ei­ne Tu­gend. Ih­re Mu­sik funk­tio­niert auch so. Das macht wah­re Grö­ße aus!

Chris­ti­an Os­car Gaz­si La­ki Marc Rom­boy ist ei­ner der Glad­ba­cher, die es in die Me­tro­po­len der Welt ge­zo­gen hat. Als Tech­no-Se­ni­or ist er in der Sze­ne ei­ne gro­ße Num­mer, pro­du­ziert, kom­po­niert und hat als DJ ei­nen Spit­zen­ruf, „re­kon­stru­ier­te“zu­letzt in Dort­mund De­bus­sy und hat sich von der Ensemblia zu ei­nem Dop­pel­kon­zert ins Mu­se­um Ab­tei­berg lo­cken las­sen. Bei „Re­con­struc­ting Beeps & Bleeps“ge­hen die Piep­ser, Ak­ti­ons­ge­räu­sche und Hin­ter­grund-Du­de­lei­en an­ti­ker, kul­ti­ger Com­pu­ter­spie­le ein in den Klang­kos­mos des Sound­künst­lers. Ne­ben der Ensemblia-Ge­mein­de strö­men die Fans. Ein Pac-Man-Mons­ter linst vom Ar­beits­platz der Tech­no-Iko­ne ins Pu­bli­kum. Das ist ein Tisch mit Macbook, Ka­beln und ei­nem Wirr­warr aus Syn­the­si­zern und Misch­pul­ten, an de­nen ne­ben Rom­boy noch Ali Kha­laj wip­pend im Puls der ma­gen­gru­ben­vi­brie­ren­den Bass­beats das Ma­te­ri­al mixt. Die Lo­ops ver­dich­ten sich, tür­men Schicht auf Schicht über un­er­bitt­li­che Bäs­se.

Die Hän­de der Ak­teu­re re­geln, was die Reg­ler her­ge­ben. Die Sounds blin­ken edel, sty­lisch, kom­plex und wand­lungs­fä­hig. Vier, fünf, acht Mi­nu­ten Wel­len der Ek­s­ta­se, in wech­seln­den Farb­zu­sam­men­stel­lun­gen und im­mer mit Ver­wei­sen an ver­gan­ge­ne Com­pu­ter­zei­ten. Schon bald fin­den Ulf Klei­ner (Kla­vier) und An­ne Schu­ma­cher (Cel­lo) auf die Büh­ne, fü­gen ih­re hand­ge­mach­ten Klän­ge ein in den mit­rei­ßen­den Kos­mos der Künst­lich­keit, die sich im­pro­vi­siert an­hört, aber sehr ge­nau ver­ab­re­det ist. Das Cel­lo bringt Me­lo­die ins Spiel, das Kla­vier Per­cus­sion, jaz­zi­ge Rhyth­men und eben­sol­che Ak­kor­de. Al­les ver­schmilzt am Pult des Meis­ters, der zu­neh­mend Kör­per­ein­satz zeigt.

Fast zum Schluss der in Bauch und Bein ge­hen­den St­un­de wird’s zwi­schen Kla­vier und Cel­lo re­gel­recht jaz­zig. Dann be­en­det ein fi­na­les Fa­de-out mit Fin­ger­spit­zen­ge­fühl ein wei­te­res, be­geis­tern­des High­light die­ser Ensemblia.

Ar­min Kau­manns Per­ret­ta/Ma­thew­son „Än­de­run­gen al­ler Art#3“ist schräg. Viel­leicht so schräg, wie die Ge­sell­schaft selbst, wenn man den schö­nen Lack ab­kratzt und das war­me Am­bi­en­ceLicht ge­gen ei­nen hel­len Re­flek­tor aus­tauscht, was al­les un­ver­stellt er­strah­len lässt. Werk­statt für Ve­rän­de­rung ist ein Ort, in dem Ar­te­fak­te un­se­rer Ver­schwen­dungs­ge­sell­schaft in Kunst trans­for­miert wer­den sol­len. Das Pro­jekt läuft bis zum 5. Au­gust und ist in der Hin­den­burg­stra­ße 19 zu be­su­chen. Wenn­gleich es – noch – nicht über­bor­dend viel zu se­hen gibt.

Dass die­ser Ort sich wun­der­bar für ein Event bei Ensemblia eig­net, liegt auf der Hand. Und dass man da­zu auf Mu­si­ker zu­rück­greift, die nicht min­der schräg als die Lo­ca­ti­on sind, ist Eh­ren­sa­che. Wo­bei Mark Per­ret­ta aus den USA und der WahlWie­ner Ste­phen Ma­thew­son nicht nur Mu­si­ker sind. Sie sind Künst­ler. Und das spürt man. Work in Pro­gress, die Idee auch hin­ter ÄAA, das un­voll­kom­me­ne ze­le­brie­ren, sich am Frag­ment wei­den und be­wusst das Un­fer­ti­ge her­aus­stel­len, war bei ih­rer Mu­sik-Ses­si­on Pro­gramm. Nach­dem man sich ge­fühl­te zehn Mi­nu­ten mit ei­nem of­fen­bar wack­lig ver­ka­bel­ten Mi­kro her­um­schlug – war das Teil der Per­for­mance? – ging es zur Sa­che. Über­ra­schen­der­wei­se zeigt sich aber das, was mu­si­ka­lisch am En­de her­aus­kam, doch we­ni­ger avant­gar­dis­tisch, als man auf den ers­ten Blick ver­mu­ten mag. Re­la­tiv hand­fes­te vor­ge­fer­tig­te Lo­ops und Ge­räu­sche misch­ten die bei­den zu ei­ner gu­ten Art Soun­dJazz-Words-Col­la­ge. Ob Gi­tar­ren­klän­ge oder me­lan­cho­li­sche Sa­xo­phon-Phra­sen – rich­tig gut! Oder auch in das Mi­kro ge­nu­schel­te tief­grün­dig an­mu­ten­de Tex­te. Be­deu­tungs­schwan­ger und zu­gleich ganz zwang­los ka­men die bei­den da­her. Er­fri­schend un­an­ge­passt.

Chris­ti­an Os­car Gaz­si La­ki

RP-FO­TOS (3): ISABELLA RAUPOLD

Marc Rom­boy hat es aus Glad­bach in die Me­tro­po­len der Welt ge­zo­gen. Als Tech­no-Se­ni­or ist er in der Sze­ne ei­ne gro­ße Num­mer. Ge­mein­sam mit Ali Kha­laj und Cel­lis­tin An­ne Schu­ma­cher be­geis­ter­te er das Pu­bli­kum. Ihr Auf­tritt im Mu­se­um Ab­tei­berg war ein High­light die­ser Ensemblia

RP-FO­TO: DETLEF ILGNER

In der Ins­ze­nie­rung „Schat­ten­vö­gel“sang Ge­sa Hop­pe in der Gr­a­bes­kir­che St. Eli­sa­beth Lie­der von Tod und Wer­den.

RP-FO­TO: DETLEF ILGNER

Das Ju­gend­sin­fo­nie­or­ches­ter der Mu­sik­schu­le wag­te sich an ein Cros­so­ver-Pro­jekt und leg­te ei­ne enor­me Leis­tung hin.

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