ESSAY

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - STIMME DES WESTENS -

Mit Hel­mut Kohls Tod sind die ab­ge­tre­ten, die das Land in Zei­ten von Tei­lung und Ver­ei­ni­gung ge­führt ha­ben. Die Gro­ßen sind ge­gan­gen – oder doch nicht? Wer ist ei­gent­lich groß? Oh­ne Mut zum Neu­en geht es je­den­falls nicht.

Män­nern“ge­macht wird – nicht je­der ist des­halb aus­tausch­bar.

Groß ist al­so, lie­ße sich ver­all­ge­mei­nern, wer im Ein­ver­neh­men mit Part­nern, gar ideo­lo­gi­schen Geg­nern Ge­le­gen­hei­ten er­greift und als rich­tig Er­kann­tes tut. Groß ist, wer da­bei nicht toll­kühn wird. Groß ist, wer den Mut hat, den Wind der Ve­rän­de­rung durchs Haus bla­sen zu las­sen, statt die Fens­ter zu ver­rie­geln, da­mit drin­nen nur ja kein Staub auf­ge­wir­belt wird.

Groß ist aber auch, wer die­se Ve­rän­de­rung nicht nur zu­lässt, son­dern sich von ihr ver­än­dern lässt. Denn Neu­es for­dert ein Stück Preis­ga­be des Al­ten. „Vor uns tür­men sich die Schwie­rig­kei­ten, und wir müs­sen mit den Schwie­rig­kei­ten wach­sen“, schrieb 1862 ein an­de­rer Gro­ßer, Abra­ham Lin­coln – je­ner US-Prä­si­dent, der um den Preis des Bür­ger­kriegs die Uni­on der Bun­des­staa­ten ret­te­te und Hun­dert­tau­sen­de schwar­ze Skla­ven für frei er­klär­te. Auch wenn es um die Er­fül­lung ei­nes Le­benstraums geht wie bei Kohl und der Ein­heit: Ein Pro­zess oh­ne Vor­bild wie die Ver­ei­ni­gung ist tech­nisch ein gi­gan­ti­sches Pro­blem und da­mit ei­ne Her­aus­for­de­rung der Han­deln­den. Kohl war nicht ge­ra­de von Selbst­zwei­feln ge­plagt und kei­ner, der es für nö­tig hielt, nach dem Schei­tel­punkt 1990 sich oder sei­ne Po­li­tik in­fra­ge zu stel­len. Er­geb­nis war ein sehr lan­ger po­li­ti­scher Ab­schied, bis zur Ab­wahl 1998. Wes­halb fest­zu­hal­ten ist: Grö­ße er­wächst nicht au­to­ma­tisch aus um­fäng­li­chen Amts­zei­ten.

„Die Dog­men der ru­hi­gen Ver­gan­gen­heit sind der stür­mi­schen Ge­gen­wart un­an­ge­mes­sen“, schrieb Lin­coln auch: „Da un­ser Fall neu ist, müs­sen wir neu den­ken und neu han­deln.“Grö­ße, und das ist das mög­li­cher­wei­se ent­schei­den­de, si­cher am schwie­rigs­ten zu be­ur­tei­len­de Kri­te­ri­um, be­ginnt im Kopf de­rer, die zu han­deln ha­ben.

Über Wil­ly Brandts Ost­po­li­tik An­fang der 70er Jah­re und Kohls Tat­kraft im welt­his­to­ri­schen Mo­ment 1989/90 herrscht heu­te weit­ge­hend Kon­sens. Über An­ge­la Mer­kels Ver­hal­ten in der Flücht­lings­kri­se nicht. Man darf al­so wei­ter ge­spannt sein – auch im Zeit­al­ter der Zwetsch­gen.

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