Ein Be­such in Glad­bachs Un­ter­welt

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON MA­XI­MI­LI­AN KRO­NE

Die Ka­nal­ar­bei­ter der NEW sorgen fast un­sicht­bar da­für, dass Was­ser und Hin­ter­las­sen­schaf­ten ver­schwin­den. Wir ha­ben sie be­glei­tet.

Für Ka­nal­netz-Be­triebs­lei­ter Pe­ter Vie­ten und sein Team von der städ­ti­schen Ge­sell­schaft NEW dürf­te es mit der Fei­er­tags­ru­he an Fron­leich­nam ge­gen 17 Uhr schlag­ar­tig vor­bei ge­we­sen sein. Ein Wol­ken­bruch sorg­te da­für, dass vie­le Stra­ßen und Kel­ler in Mön­chen­glad­bach un­ter Was­ser stan­den. Selbst das gut aus­ge­bau­te Glad­ba­cher Ka­nal­netz ist für sol­che Re­gen­men­gen in kur­zer Zeit nicht aus­ge­legt. Die Re­gen­was- ser­auf­be­rei­tungs­an­la­gen lie­fen auf Hoch­tou­ren. Der Nor­mal­fall sieht dort an­de­res aus. Bei­spiels­wei­se in Rhein­dah­len, wo 2016 ei­ne der mo­derns­ten An­la­gen zur Auf­be­rei­tung von Re­gen­was­ser in Be­trieb ging. In Tro­cken­pha­sen fließt dort nur ein fast un­sicht­ba­res Rinn­sal. Bei Stark­re­gen sind die Ka­nä­le prall ge­füllt. Ein Be­such in Glad­bachs Un­ter­welt.

Von au­ßen sind nur ein paar Be­cken aus Be­ton zu se­hen. Ein­ge­zäunt ste­hen sie am Rand von Rhein­dah­len um­ge­ben von Fel­dern und Wie­sen. Der Weg für Rad­fah­rer und Fuß­gän­ger führt an ein paar un­schein­ba­ren Gul­ly­de­ckeln vor­bei. Sie sind der Ein­gang zu ei­nem ver­zweig­ten Sys­tem aus Tun­neln und Roh­ren, die Re­gen­was­ser aus dem ge­sam­ten Stadt­teil zur An­la­ge trans­por­tie­ren. Ob­wohl die An­la­ge erst seit ei­nem Jahr in Be­trieb ist, muss sie re­gel­mä­ßig be­gut­ach­tet wer­den. Oh­ne ent­spre­chen­de Aus- rüs­tung ist ein Ab­stieg in den Ka­nal un­mög­lich. Ein wei­ßer Ganz­kör­pe­ran­zug schützt vor Schmutz, hüft­ho­he Gum­mi­stie­fel vor Was­ser und Schlamm. Be­vor ich durch den Schacht ab­ge­seilt wer­de, be­kom­me ich ein Ge­rät, das ei­nen Piep­ton ab­gibt, soll­te die Koh­len­di­oxid­kon­zen­tra­ti­on an­stei­gen oder an­de­re gif­ti­ge Ga­se ent­wei­chen. Denn, wie ich ge­lernt ha­be: Auch die Par­ti­kel aus dem Re­gen­was­ser, die sich lang­sam in der An­la­ge ab­set­zen, gä­ren und kön­nen so­mit ge­fähr­lich wer­den.

Fer­tig ein­ge­klei­det und zu­dem noch mit ei­nem No­tatem­ge­rät aus­ge­stat­tet wer­de ich her­ab­ge­las­sen. Ei­ni­ge Me­ter tie­fer ist es kühl und feucht. Es riecht et­was mod­rig. Der Bo­den ist glit­schig, ich muss auf­pas­sen, wo ich hin­tre­te, um nicht in die mit Was­ser und Schlamm ge­füll­te Rin­ne ab­zu­rut­schen. Vor­sich­tig wa­te ich dann durch den Ka­nal. Oh­ne künst­li­ches Licht un­mög­lich, es ist stock­dun­kel und ab­so­lut still. Mein Atem wird im Schein mei­ner Lam­pe sicht­bar, die ab­wech­selt ein paar Me­ter des Ka­nals und des­sen Wän­de be­leuch­tet, an de­nen noch Spu­ren des letz­ten Un­wet­ters zu se­hen sind. Bis un­ter die De­cke des meh­re­re Me­ter ho­hen Raums und rund zwei Me­ter brei­ten Ka­nals sind ver­trock­ne­te Abla­ge­run­gen zu se­hen. Kaum vor­zu­stel­len, was dort kurz nach dem Un­wet­ter los­ge­we­sen ist.

Mit den Was­ser­mas­sen wä­re die­ser Ab­schnitt si­cher­lich über­for­dert ge­we­sen, da­her gibt es für ex­tre­me Re­gen­fäl­le Si­che­rungs­me­cha­nis­men, er­klärt Pe­ter Vie­ten. „Wenn zu viel Was­ser auf ein­mal in die An­la­ge strömt, wird ein Über­lauf ak­tiv, der das Was­ser dann um­lei­tet.“Ich fra­ge mich, war­um für Re­gen­was­ser über­haupt ei­ne sol­che An­la­ge er­rich­tet wird. „Durch die Um­welt­ge­setz­ge­bung sind wir ver­pflich­tet, auch Re­gen­was­ser zu rei­ni­gen, das bei­spiels­wei­se durch stark be­fah­ren­de Stra­ßen ver­schmutzt ist“, sagt Be­triebs­lei­ter Vie­ten.

Nach­dem ich ein we­nig durch den Ka­nal ge­stapft bin und zu­dem das Warn­ge­rät piep­te, klet­ter­te ich wie­der nach oben an die fri­sche Luft, raus aus der un­wirk­li­chen Un­ter­welt. Ein paar Ki­lo­me­ter wei­ter führt mich Ka­nal­ar­bei­ter Ste­fan Hüt­ten dann aber wie­der hin­ab. Die­ses Mal al­ler­dings kei­ne drei Me­ter wie zu­vor, son­dern 30 Me­ter. An der Ro­er­mon­der Stra­ße be­treibt die NEW ei­ne Art Schleu­sen­an­la­ge, die den Ab­was­ser­fluss kon­trol­liert. Durch ein un­schein­ba­res Häu­schen ge­langt man in ei­ne gro­ße Hal­le. Ei­ne klei­ne Trep­pe führt zum Ka­nal. Die­ses Mal ist es Misch­was­ser – das riecht man auch. Durch den Ka­nal lau­fe ich nicht. Zu schnell fließt das Was­ser, mir reicht der Blick aus ei­ni­gen Me­tern Ab­stand. So lang­sam be­grei­fe ich, wo­für die Städ­te so viel Geld aus­ge­ben, wenn es heißt, sie bau­en oder sa­nie­ren Ka­nä­le. „Die Auf­be­rei­tung und Steue­rung von Schmutz­was­ser ist auf­wen­dig und kos­ten­in­ten­siv. Die meis­ten Leu­te be­kom­men da­von nur nichts mit, weil sie nicht se­hen, was sich un­ter ih­ren Fü­ßen be­fin­det“, sagt Hüt­ten. Al­lein in Glad­bach ste­hen sie­ben sol­cher An­la­gen wie in Venn.

Die Ka­nä­le sind zum Teil aus Zie­gel­stei­nen ge­mau­ert, weil es tech­nisch nicht an­ders mög­lich war, sie wer­den so zu im­po­san­ten Bau­wer­ken un­ter der Er­de – ei­ne Stadt un­ter der Stadt.

Die Ka­nä­le sind

im­po­san­te Bau­wer­ke un­ter der Er­de – ei­ne Stadt un­ter

der Stadt

An der Ro­er­mon­der Stra­ße be­treibt die NEW ei­ne An­la­ge, die den Ab­was­ser­fluss kon­trol­liert und re­gelt. Der Schacht ist fast 30 Me­ter tief.

Pe­ter Vie­ten ist als Be­triebs­lei­ter bei der NEW für das Ka­nal­netz zu­stän­dig. Auf dem Bild ist er vor der Re­gen­was­ser-Rei­ni­gungs­an­la­ge in Rhein­dah­len zu se­hen.

RP-FO­TOS: MA­XI­MI­LI­AN KRO­NE

Tei­le des Ka­nals wur­den auf­wen­dig ge­zie­gelt.

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