Der Mann, der das Thea­ter liebt

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON IN­GE SCHNETTLER

120 Vor­stel­lun­gen hat Hans-Erich Tie­ten­berg in die­ser Spiel­zeit be­sucht. Auch zu Gast­spie­len des Ge­mein­schafts­thea­ters reist er. Er war auf Zy­pern und in Tel Aviv, bald fliegt er zum Opern­fes­ti­val nach Est­land.

Mit fünf Jah­ren war er mit sei­ner Mut­ter zum ers­ten Mal im al­ten Rhe­ydter Thea­ter. Das Mär­chen „Pe­ter­sens Mond­fahrt“fas­zi­nier­te ihn sehr. „Ich be­wun­der­te den Sum­se­mann, der am rech­ten Büh­nen­rand in die Hö­he klet­ter­te“, er­in­nert sich der 72-jäh­ri­ge Hans-Erich Tie­ten­berg. Sei­ne Neu­gier war ge­weckt, und weil sei­ne El­tern re­gel­mä­ßig das Thea­ter be­such­ten, hat­te er kei­ner­lei Be­rüh­rungs­ängs­te. Sei­ne Thea­ter­lei­den­schaft wur­de im Lau­fe sei­nes Le­bens zur re­gel­rech­ten Pas­si­on. In die­ser Spiel­zeit hat er ex­akt 120 Vor­stel­lun­gen be­sucht – im Mön­chen­glad­ba­cher Haus und im Kre­fel­der. Das weiß er so ge­nau, weil er seit drei Jah­ren, seit­dem er mit der Thea­ter-Card sei­ne Tickets zum hal­ben Preis er­wer­ben kann, al­le Be­su­che no­tiert. Neu­lich hat er sei­ne Toch­ter ge­fragt, ob sie sei­ne Thea­ter­lei­den­schaft krank­haft fin­det. Sie wink­te ab. „Sie weiß ge­nau­so wie ich, dass mir das Thea­ter gut­tut.“

In die­ser Spiel­zeit hat Hans-Erich Tie­ten­berg zwei Fa­vo­ri­ten im Schau­spiel – „Ei­ne Schiffs­la­dung Nel­ken für Hrant Dink“und „Schuld und Süh­ne“. Bei­de Pro­duk­tio­nen hat er nicht ein­mal, nicht zwei­mal ge­se­hen, fast je­de Vor­stel­lung hat er be­sucht. „Hrant Dink hat mich je­des Mal er­schüt­tert“, sagt er. „Die in­ten­si­ve Spra­che, die Bil­der, die Nä­he zu den Schau­spie­lern im Stu­dio – das al­les packt mich im­mer wie­der.“Vol­ler Re­spekt und Be­wun­de­rung spricht er über die Thea­ter­men­schen. In der Spar­te Mu­sik­thea­ter schwärmt er von „Kat­ja Ka­ba­no­va“und „Lo­hen­grin“.

Aber Tie­ten­berg ist nicht nur im Ge­mein­schafts­thea­ter be­kannt wie ein bun­ter Hund, auch an­ders­wo kennt man den Thea­ter­ver­rück­ten in­zwi­schen. Von vie­len Häu­sern be­kommt er re­gel­mä­ßig die Pro­gram­me, und im In­ter­net stößt er im­mer wie­der auf in­ter­es­san­te Pro­duk­tio­nen. In Ham­burg be­sucht er re­gel­mä­ßig das Tha­lia-Thea­ter, die Staats­oper und das Schau­spiel­haus, in Mün­chen die Baye­ri­sche Staats­oper, das Re­si­denz­thea­ter und pri­va­te Häu­ser. Und wenn das Ge­mein­schafts­thea­ter auf Rei­sen geht, wie zu­letzt nach Tel Aviv und Zy­pern, reist er hin­ter­her. Und wenn im Ju­li das Mu­sik­thea­ter­en­sem­ble beim Opern­fes­ti­val in Est­land gas­tiert, wird Hans-Erich Tie­ten­berg selbst­ver­ständ­lich auch dort sein.

Es ist ihm ein Be­dürf­nis, das Ge­mein­schafts­thea­ter zu un­ter­stüt­zen. Des­halb ist er Mit­glied bei den Freun­den des Thea­ters und dem Bal­lett­ver­ein. Und er ist mit den Be­su­chern im Ge­spräch. „Nach den Pre­mie­ren ge­he ich im­mer zur Pre­mie­ren-Fei­er ins Ca­fé ,Li­nol’“, sagt er. Und in den Pau­sen schnappt er schon mal in­ter­es­san­te Ge­sprächs­fet­zen auf. „Neu­lich spra­chen zwei Be­su­che­rin­nen dar­über, dass sie sich ,Mac­beth’ nicht an­tun wol­len – zu blut­rüns­tig.“Da misch­te er sich höf­lich ein und mach­te ih­nen das Stück schmack­haft. „Ich weiß al­ler­dings nicht, ob sie wirk­lich hin­ge­gan­gen sind.“

Er wird auf je­den Fall nicht auf­hö­ren, das Thea­ter zu be­su­chen. Heu­te Abend wird er wie­der ein­mal den „Hrant Dink“er­le­ben, mor­gen zum wie­der­hol­ten Mal den „Rio Rei­ser“in Rhe­ydt und über­mor­gen den „Mas­ken­ball“in Kre­feld. Vol­les Programm al­so für Hans-Erich Tie­ten­berg. Ob es ihm mal zu viel wird? „Auf kei­nen Fall, ich füh­le mich im Thea­ter ein­fach wohl.“

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