Stür­ze, Sie­ger, Über­ra­schun­gen

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON UL­RICH CLAN­CETT

Für Re­gio­nal­de­kan Ul­rich Clan­cett ge­hört die Tour de Fran­ce zu den Sport-Events, die das gan­ze Dra­ma des Le­bens zei­gen: ju­beln­de Men­schen, nie­der­ge­schla­ge­ne Ver­lie­rer und viel­leicht auch ei­nen Skan­dal.

Sonn­tag­mor­gen ist für vie­le Men­schen Sport- und Er­ho­lungs­zeit. Gibt es et­was Schö­ne­res, als et­wa durch die mor­gend­li­che Stil­le der Land­schaft rund um Mön­chen­glad­bach zu ra­deln? Doch heu­te ist es mit der Stil­le zu­min­dest in un­se­rer Stadt nicht weit her: „Grand De­part“– der Start der dies­jäh­ri­gen Tour de Fran­ce läuft in Düsseldorf an und geht den gan­zen Tag über auch durch Mön­chen­glad­bach. Die Fahrt geht über 203 Ki­lo­me­ter wei­ter bis in das Drei­län­der­eck in Aa­chen und von dort ins bel­gi­sche Lüt­tich. Seit Wo­chen wei­sen Schil­der auf die um­fang­rei­chen Sper­run­gen in der gan­zen In­nen­stadt hin. Seit Mo­na­ten lau­fen die Vor­be­rei­tun­gen für die­sen Teil ei­nes der größ­ten Sport-Events der Welt auf Hoch­tou­ren. Die gan­ze Welt schaut zu – da möch­te man sich doch nicht bla­mie­ren. Um Ki­lo­me­ter und Zeit geht es. Und um den klei­nen Blick auf die Hel­den der Tour, die vier­zehn Ta­ge spä­ter nach gut 3.500 Ki­lo­me­tern in Pa­ris auf den Champs Ély­sées ei­nem Tri­umph­zug gleich ins Ziel ein­fah­ren wer­den. Da­zwi­schen das gan­ze Dra­ma des Le­bens: Stür­ze, Sie­ger, Über­ra­schun­gen, ju­beln­de Men­schen, nie­der­ge­schla­ge­ne Ver­lie­rer, wun­der­ba­re Bil­der, Qua­len in den Ber­gen, viel­leicht auch wie­der der ei­ne oder an­de­re Skan­dal. Wie im rich­ti­gen Le­ben halt.

Doch wer glaubt, mit den Fah­rern al­lein ist die gan­ze Tour schon er­le­digt, der irrt. Die Men­schen am We­ges­rand ma­chen mit und fei­ern die Tour als gro­ßes, völ­ker­ver­bin­den­des Er­eig­nis. Wie et­wa die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de in Wickrathberg an der Mön­chen­glad­ba­cher Stadt­gren­ze. Dort geht die Tour am frü­hen Nach­mit­tag di­rekt an der his­to­ri­schen Kir­che vor­bei. Grund ge­nug für die evan­ge­li­schen Chris­ten, heu­te zu ei­nem „Tour-Fest“auf dem ge­gen­über­lie­gen­den Bau­ern­hof ein­zu­la­den.

Na­tür­lich ist die Tour de Fran­ce auch ein ge­wal­ti­ges Ge­schäft – das darf man nicht ver­ges­sen. Da­von zeugt al­lein die so­ge­nann­te „Wer­be­ka­ra­wa­ne“, die mit ih­ren über drei­hun­dert Fahr­zeu­gen gut zwei St­un­den vor den Fah­rern ein­trifft. Ei­ne Art „Wer­be-Veil­chen­diens­tags­zug“– so muss man es als Glad­ba­cher wohl ver­ste­hen. Das Gan­ze al­so ei­ne gi­gan­ti­sche Ver­an­stal­tung, „Grand De­part“– die gro­ße Ab­fahrt.

Mei­ne Ge­dan­ken ge­hen zu­rück an die vie­len Bil­der, die ich im Lau­fe mei­nes Le­bens von der Tour schon ge­se­hen ha­be. Start und Ziel fest im Blick – wie oft ge­lingt mir das ei­gent­lich noch? Was ist mit mei­nen Qua­len im Le­ben? Ver­lie­re ich da­bei nicht auch manch­mal das Ziel aus den Au­gen? Bei der Tour gibt es ver­schie­de­ne Si­gna­le, die den Fah­rern et­was an­zei­gen.

Das für mich be­mer­kens­wer­tes­te ist ei­ne klei­ne, ro­te, drei­ecki­ge Fah­ne, die den Be­ginn des letz­ten Ki­lo­me­ters ei­ner der 21 Etap­pen an­zeigt. „Teu­fels­lap­pen“wird die­se Fah­ne auch ge­nannt. Jetzt kommt es drauf an, noch ein­mal al­le Kräf­te zu­sam­men­neh­men – auch wenn das kör­per­lich bis­wei­len mit teuf­li­schen Qua­len ver­bun­den ist. Auch das wie­der wie im rich­ti­gen Le­ben. Und ich ha­be mei­ne ei­ge­ne Deu­tung die­ses Tour-Si­gnals ge­fun­den: Der Teu­fel schwenkt für mich das Fähn­chen. Nur noch ei­nen Ki­lo­me­ter, du bist bald da. Al­les gut...

Das kann auch da­zu füh­ren, dass man sich et­was hän­gen lässt, bis jetzt al­les gut, dann lau­fen die letz- ten 1000 Me­ter si­cher auch ganz leicht... Doch dann, gleich­zei­tig, das Teuf­li­sche: Das Ziel im Blick wird es im­mer schwe­rer. Viel­leicht kommt auch noch ei­ne Stei­gung... Wenn ich jetzt ei­nen Feh­ler ma­che, dann schlägt der Teu­fel zu, und ich er­rei­che viel­leicht mein Ziel gar nicht. Auch das ei­ne Le­bens­er­fah­rung, die je­der schon ein­mal in un­ter­schied­li­cher Prä­gung ge­macht hat. Und da heißt es eben, wie bei den letz­ten 1000 Me­tern ei­ner Tour-Etap­pe: Auf­ge­passt und kon­zen­triert – sonst war die An­stren­gung bis da­hin um­sonst. Ich wün­sche Ih­nen je­den­falls ei­nen groß­ar­ti­gen, nicht-teuf­li­schen Tour-Sonn­tag, viel­leicht ju­belnd und fei­ernd an der Stre­cke. DER AU­TOR IST KA­THO­LI­SCHER PRIES­TER IN ST. JA­KO­BUS JÜ­CHEN UND RE­GIO­NAL­DE­KAN.

FO­TO: DPA

Bei der Tour der Fran­ce gibt es ver­schie­de­ne Si­gna­le, die den Fah­rern et­was an­zei­gen. Für Ul­rich Clan­cett ist das be­mer­kens­wer­tes­te ei­ne klei­ne ro­te Fah­ne, der „Teu­fels­lap­pen“.

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