Ein Sit­zen­blei­ber ist jetzt In­vest­ment­be­ra­ter

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON SI­GRID BLOMEN-RADERMACHER

Beim Ehe­ma­li­gen-Treff der He­bo-Pri­vat­schu­le be­rich­te­ten vier Schü­ler von ih­ren Schul- und Be­rufs­kar­rie­ren. Die sind be­ein­dru­ckend.

„Wir wür­den al­les ver­än­dern!“Ei­ne kla­re An­sa­ge von vier jun­gen Er­wach­se­nen, al­le Ab­sol­ven­ten der He­bo-Pri­vat­schu­le Mön­chen­glad­bach, auf die Fra­ge, was im Bil­dungs­sys­tem an­ders wer­den muss, da­mit Schu­le funk­tio­niert. Was sie sich wün­schen: „Klei­ne­re Klas­sen. In­di­vi­du­el­le För­de­rung je­des ein­zel­nen Schü­lers. En­ga­gier­te Leh­rer. Re­spekt ge­gen­über dem Leh­rer, von Sei­ten der Schü­ler und El­tern.“

Ste­fan Mel­lies, Maximilian Oh­le, To­mis­lav No­vo­sel und Tea No­vo­sel sit­zen in ei­nem Klas­sen­raum der Pri­vat­schu­le. Wäh­rend des ers­ten Ehe­ma­li­gen­tref­fens, zu dem Ma­the­ma­tik­leh­re­rin Ga­b­rie­le Upa­dek ein­ge­la­den hat­te und zu dem rund 200 frü­he­re Schü­ler ka­men, er­zäh­len sie von ih­ren Schul­lauf­bah­nen. So un­ter­schied­lich die vier sind, ei­nes ha­ben sie ge­mein­sam: Die Pri­vat­schu­le war ein letz­ter Stroh­halm für sie. „Mich woll­te kei­ner mehr“, er­zählt Mel­lies frei­mü­tig. Im staat­li­chen Gym­na­si­um zwei­mal die Klas­se wie­der­holt, meh­re­re Dis­zi­pli­nar­kon­fe­ren­zen – es sah nicht gut aus für ihn. Nach dem Wech­sel auf die Pri­vat­schu­le „ha­be ich ganz schnell die Kur­ve ge­kriegt.“Mel­lies mach­te 1996 Abitur, ist jetzt Im­mo­bi­li­en­wirt und ar­bei­tet als In­vest­ment­be­ra­ter.

Ähn­lich ging es Maximilian Oh­le. Er hat 2012 Abitur ge­macht und ge­ra­de sei­nen Ba­che­lor in Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten ab­ge­legt. Oh­le plant sein Mas­ter­stu­di­um im Aus­land und könn­te sich vor­stel­len, in­ter­na- tio­na­le Be­zie­hun­gen oder Kon­flikt­ma­nage­ment zu sei­nem Be­ruf zu ma­chen. Da­bei fing es auch bei ihm holp­rig an: Nach­dem er auf ei­nem staat­li­chen Gym­na­si­um gro­ße Pro­ble­me mit den Leh­rern hat­te, von de­nen er sich falsch ein­ge­schätzt fühl­te, wech­sel­te er auf die He­bo, wo er, wie Ga­b­rie­le Upa­dek sich er­in­nert, „als hoch­be­gabt ein­ge­stuft“wur­de und er ent­spre­chend ge­för­dert wur­de. So no­mi­nier­te ihn die Schu­le in der 11. Klas­se zur Teil­nah­me an der „Glo­bal Young Le­a­ders Con­fe­rence“, ei­ne Kon­fe­renz für zu­künf­ti­ge Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten in Chi­na, wo er wich­ti­ge Kon­tak­te knüpf­te, die heu­te Be­stand­teil sei­nes Netz­werks sind.

Um das Schul­geld für die Pri­vat­schu­le, die kei­ne staat­li­chen Zu- wen­dun­gen be­kommt, für ih­re Kin­der be­zah­len zu kön­nen, ha­ben die El­tern von Tea und To­mis­lav No­vo­sel so­gar ei­nen Kre­dit auf­ge­nom­men. Aber sie fan­den das Geld, für das man sich lo­cker jähr­lich ei­nen teu­ren Ur­laub mit der gan­zen Fa­mi­lie könn­te, sei gut in­ves­tiert. „Wenn ein Leh­rer merkt, der Schü­ler kann mehr, kriegt er mehr und über­häuft ihn, bis sei­ne Gren­ze er­reicht ist. Das weckt den Ehr­geiz.“So for­mu­liert es To­mis­lav No­vo­sel, der 2003 die Pri­vat­schu­le mit der Mitt­le­ren Rei­fe ver­ließ und jetzt Tech­ni­scher Be­triebs­lei­ter ist. Er lan­de­te auf ei­nem Gym­na­si­um in ei­ner Klas­se mit 39 Schü­lern, lang­weil­te sich und such­te sich Be­schäf­ti­gung: „Im Ner­ven mei­ner Um­ge­bung“. Ein Jahr spä­ter hielt in sein Schul­lei­ter für „so­zi­al un­ver­träg­lich“. Nach ei­nem In­ter­mez­zo in ei­nem In­ter­nat kam er zur He­bo-Pri­vat­schu­le.

Sei­ner Schwes­ter Tea No­vo­sel ging es ähn­lich: En­de der 6. Klas­se Pro­ble­me mit den Leh­rern, das Ge­fühl von Un­ter­for­de­rung von ih­rer Sei­te, das Ge­fühl von Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­keit von Sei­ten der Leh­rer – „mir war al­les egal“. Nach dem Schul­wech­sel war sie erst ein­mal sehr zu­rück­hal­tend, die Leh­rer lie­ßen sie an­kom­men, ver­such­te sie zu schwän­zen, kam so­fort ein An­ruf nach Hau­se und Tea No­vo­sel be­kam die Kur­ve. Nach der Mitt­le­ren Rei­fe 2009, ei­ner Aus­bil­dung im Ein­zel­han­del und der Fa­mi­li­en­pfle­ge schließt sie dem­nächst die Aus­bil­dung zur Ge­sund­heits- und Kran­ken­pfle­ge ab.

FOTO: KRAN­KEN­HAUS NEU­WERK

Die Ser­viceas­sis­ten­tin­nen Gu­drun Hop­pen­kamps und Dje­mi­la Mu­ra­to­vic und die ge­ron­to­psych­ia­tri­sche Fach­kraft San­dra Gie­res.

RP-FOTO: RAUPOLD

Ste­fan Mel­lies, Maximilian Oh­le, To­mis­lav und Tea No­vo­sel.

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