Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Das Bild war dun­kel, und er konn­te die ei­ge­nen Zü­ge kaum er­ken­nen; es war, als sä­he er aus Har­tem ein kör­per­lo­ses Ge­spenst her­vor­schim­mern, das ihm ent­ge­gen­kam.

Lo­max stell­te sei­ne Be­fra­gung ein, und Hol­land be­gann. Sto­ner muss­te zu­ge­ben, dass es ei­ne meis­ter­haf­te Vor­füh­rung war, die Lo­max un­auf­dring­lich, doch mit gro­ßem Charme und bes­tem Hu­mor zu di­ri­gie­ren wuss­te. Wenn Hol­land ei­ne Fra­ge stell­te, leg­te Lo­max gut­mü­ti­ge Ver­wir­rung an den Tag und bat um nä­he­re Aus­füh­run­gen. Dann wie­der er­gänz­te er, wo­bei er sich für die ei­ge­ne Be­geis­te­rung ent­schul­dig­te, Hol­lands Fra­ge um ei­ge­ne Spe­ku­la­tio­nen und be­zog Wal­ker in die Dis­kus­si­on mit ein, so­dass man mei­nen konn­te, Letz­te­rer tra­ge tat­säch­lich zur Dis­kus­si­on bei. Lo­max wie­der­hol­te die Fra­gen mit an­de­ren Wor­ten (sich stets ent­schul­di­gend) und än­der­te sie so, dass die ur­sprüng­li- che Ab­sicht in sei­nen Aus­füh­run­gen ver­lo­ren ging. Er schien Wal­ker in höchst kom­ple­xe theo­re­ti­sche Streit­ge­sprä­che zu ver­wi­ckeln, doch war er es, der die meis­te Zeit re­de­te, um schließ­lich, sich im­mer wie­der ent­schul­di­gend, von Hol­lands Fra­gen mit ei­ge­nen Fra­gen ab­zu­len­ken und Wal­ker da­hin zu füh­ren, wo­hin er ihn ha­ben woll­te.

Sto­ner sag­te un­ter­des­sen kein Wort. Er hör­te dem Ge­spräch zu, das ihn um­wog­te, be­trach­te­te Finchs zu ei­ner Mas­ke er­starr­tes Ge­sicht, sah zu Ru­ther­ford hin­über, der mit ge­schlos­se­nen Au­gen und ni­cken­dem Kopf da­saß, und re­gis­trier­te Hol­lands Ver­wir­rung, Wal­kers höf­li­che Ver­ach­tung, Lo­max’ fie­ber­haf­te Leb­haf­tig­keit. Er war­te­te und wuss­te, was er zu tun hat­te, und er war­te­te mit Ban­gen, Är­ger und Kum­mer, mit Ge­füh­len, die von Mi­nu­te zu Mi­nu­te wuch­sen. Er war froh, dass sei­ne Bli­cke nicht er­wi­dert wur­den. – Schließ­lich ging Hol­lands Fra­ge­zeit zu En­de. Als über- trü­ge sich Sto­ners Ban­gen ir­gend­wie auf Finch, blick­te der auf sei­ne Uhr und nick­te. Er sag­te kein Wort.

Sto­ner hol­te tief Luft. Im­mer noch auf sein ge­spens­ti­sches Ge­sicht in der spie­gel­blan­ken Ti­sch­o­ber­flä­che star­rend, sag­te er aus­drucks­los: „Ich wer­de Ih­nen jetzt ei­ni­ge Fra­gen zur eng­li­schen Li­te­ra­tur stel­len, Mr Wal­ker. Es wer­den ein­fa­che Fra­gen sein, die kei­ne aus­führ­li­chen Ant­wor­ten ver­lan­gen. Und ich wer­de mit der Früh­zeit be­gin­nen, um mich dann chro­no­lo­gisch so weit vor­zu­ar­bei­ten, wie es mir un­se­re Zeit er­laubt. Wol­len Sie mir zu Be­ginn bit­te die Grund­sät­ze der an­gel­säch­si­schen Vers­bil­dung nen­nen?“

„Ja, Sir“, ant­wor­te­te Wal­ker mit stei­ner­ner Mie­ne. „Zu An­fang ver­füg­ten die in der dunk­len Zeit des Mit­tel­al­ters le­ben­den an­gel­säch­si­schen Dich­ter nicht über die Vor­tei­le je­ner Sen­si­bi­li­tät, wie sie die spä­te­ren Dich­ter eng­li­scher Tra­di­ti­on aus­zeich­nen. Man könn­te so­gar be- haup­ten, dass Pri­mi­ti­vi­tät ih­re Dich­tung cha­rak­te­ri­siert, doch deu­tet sich in die­sem Pri­mi­ti­ven durch­aus Po­ten­zi­al an, auch wenn dies man­chen Bli­cken ver­bor­gen blei­ben mag, ein Po­ten­zi­al zur Sub­ti­li­tät von Ge­füh­len, wie sie . . .“

„Bit­te, Mr Wal­ker“, un­ter­brach ihn Sto­ner. „Ich ha­be nach den Grund­sät­zen der Vers­bil­dung ge­fragt. Kön­nen Sie mir die bit­te nen­nen?“

„Nun, Sir“, ant­wor­te­te Wal­ker, „die ist noch recht grob und un­re­gel­mä­ßig. Die Vers­bil­dung, mei­ne ich.“

„Ist das al­les, was Sie mir dar­über sa­gen kön­nen?“

„Mr Wal­ker“, misch­te sich Lo­max rasch ein – ein we­nig be­stürzt, wie Sto­ner fand –, „die­ses Gro­be, von dem Sie spre­chen – könn­ten Sie dies viel­leicht nä­her be­zeich­nen, in­dem Sie . . .“

(Fort­set­zung folgt)

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