Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

In den we­ni­gen Au­gen­bli­cken, in de­nen Ru­ther­ford sag­te, was er zu sa­gen hat­te, ge­wann Wal­ker sei­ne Fas­sung zu­rück. Er er­hob sich, stütz­te sich mit der ver­krüp­pel­ten Hand auf dem Tisch ab und lä­chel­te die Grup­pe bei­na­he her­ab­las­send an. „Vie­len Dank, mei­ne Her­ren“, sag­te er. „Was für ei­ne be­rei­chern­de Er­fah­rung.“Dann hum­pel­te er aus dem Raum und zog hin­ter sich die Tür zu.

Ru­ther­ford seufz­te. „Nun, mei­ne Her­ren, gibt es et­was zu dis­ku­tie­ren?“Wie­der wur­de es still. Lo­max sag­te: „Ich fand, in mei­nem Teil der Prü­fung hat er sich ganz or­dent­lich ge­hal­ten. Eben­so in Hol­lands Teil. Zum Schluss hin hat er mich dann zwar ent­täuscht, das muss ich ja zu­ge­ben, aber ich könn­te mir vor­stel­len, dass er da auch schon ziem­lich er­schöpft war. Er ist ein gu­ter Stu­dent, auch wenn er un­ter Druck nicht ganz die­sen Ein­druck macht.“Er warf Sto­ner ein lee­res, schmerz­li­ches Lä­cheln zu. „Und Sie ha­ben ihm ja auch mäch­tig zu­ge­setzt, Bill, das müs­sen Sie zu­ge­ben. Ich stim­me für ,be­stan­den’.“

Ru­ther­ford frag­te: „Mr . . . Hol­land?“

Hol­land blick­te von Lo­max zu Sto­ner, run­zel­te ver­wirrt die Stirn und blin­zel­te. „Na ja, ich fand sei­ne Leis­tung recht schwach, auch wenn ich nicht ge­nau weiß, wie ich das zu be­wer­ten ha­be.“Er schluck­te ner­vös. „Dies hier ist mei­ne ers­te münd­li­che Prü­fung als Bei­sit­zer, und ich weiß nicht, wie die Stan­dards sind, aber . . . nun, wie ge­sagt, ich fand ihn ziem­lich schwach. Las­sen Sie mich ei­nen Au­gen­blick nach­den­ken.“

Ru­ther­ford nick­te. „Mr . . . Sto­ner?“

„Durch­ge­fal­len“, „Ein­deu­tig.“

„Ach, komm schon, Bill!“, rief Lo­max. „Bist du nicht ein biss­chen zu streng mit dem Jun­gen?“

„Nein“, er­wi­der­te Sto­ner gleich­mü­tig, den Blick stur vor sich hin ge­rich­tet. „Sie wis­sen, Hol­ly, dass ich das nicht bin.“

„Was wol­len Sie da­mit sa­gen?“, frag­te Lo­max, und es klang, als woll­te er mehr Ge­fühl in sei­ne Stim­me le­gen, in­dem er lau­ter wur­de. „Was ge­nau wol­len Sie da­mit sa­gen?“

„Jetzt re­gen Sie sich ab, Hol­ly“, ant­wor­te­te Sto­ner mü­de. „Die­ser Mann ist schlicht in­kom­pe­tent, da gibt es kei­nen Zwei­fel. Die Fra­gen, die ich ihm ge­stellt ha­be, hät­te ich ei­nem durch­schnitt­li­chen Stu­den­ten in den ers­ten Se­mes­tern stel­len kön­nen, aber er war nicht in der La­ge, auch nur ei­ne ein­zi­ge zu­frie­den­stel­lend zu be­ant­wor­ten. Au­ßer­dem ist er faul und un­ehr­lich. In mei­nem Se­mi­nar im letz­ten Se­mes­ter . . .“

„In Ih­rem Se­mi­nar!“, Lo­max lach­te kurz auf. „Al­so da­von ha­be ich schon ge­hört. Au­ßer­dem ist das ei­ne an­de­re Sa­che. Die Fra­ge lau­tet doch, wie er sich heu­te ge­hal­ten hat. Und es ist ein­deu­tig“, er kniff die Au­gen zu­sam­men, „ganz ein­deu­tig, dass er sich gut ge­hal­ten hat, bis Sie über ihn her­ge­fal­len sind.“

„Ich ha­be ihm Fra­gen ge­stellt“, sag­te Sto­ner. „Die al­ler­ein­fachs­ten Fra­gen. Und ich war be­reit, ihm je­de Chan­ce ein­zu­räu­men.“Er schwieg und fuhr dann be­hut­sam fort: „Sie sind sein Dok­tor­va­ter, und es ist nur all­zu na­tür­lich, dass Sie sein The­ma mit ihm durch­ge­spro­chen ha­ben. Folg­lich hat er sich gut ge­macht, so­lan­ge er von Ih­nen über sein The­ma be­fragt wur­de. Aber sieht man da­von ein­mal ab . . .“

sag­te

Sto­ner.

„Was soll das?“, rief Lo­max. „Wol­len Sie et­wa an­deu­ten, dass ich . . . dass es da . . .“

„Ich deu­te gar nichts an, nur, dass der Kan­di­dat in mei­nen Au­gen kei­ne an­ge­mes­se­ne Leis­tung er­bracht hat. Ei­nem ,be­stan­den’ kann ich al­so nicht zu­stim­men.“

„Hö­ren Sie“, sag­te Lo­max jetzt mit lei­se­rer Stim­me, wäh­rend er gleich­zei­tig zu lä­cheln ver­such­te. „Ich kann ja ver­ste­hen, dass ich sei­ne Ar­beit hö­her schät­ze als Sie, schließ­lich war er in meh­re­ren mei­ner Se­mi­na­re, aber egal, ich bin zu ei­nem Kom­pro­miss be­reit. Auch wenn ich es ei­gent­lich zu hart fin­de, wür­de ich mich mit ei­nem ,ein­ge­schränkt be­stan­den’ zu­frie­den­ge­ben. Das hie­ße, er könn­te noch zwei Se­mes­ter an­hän­gen und dann . . .“

„Pri­ma“, sag­te Hol­land of­fen­sicht­lich er­leich­tert, „das scheint mir auch bes­ser, als ihm ein kla­res ,be­stan­den’ zu er­tei­len. Ich ken­ne den Stu­den­ten zwar nicht wei­ter, doch fin­de ich es of­fen­sicht­lich, dass er noch nicht be­reit . . .“

„Gut“, sag­te Lo­max und be­dach­te Hol­land mit ei­nem brei­ten Lä­cheln. „Dann wä­re das ja er­le­digt. Wir . . .“

„Nein“, sag­te Sto­ner. „Ich muss für ,durch­ge­fal­len’ stim­men.“

„Herr­gott!“, rief Lo­max. „Wis­sen Sie, was Sie da vor­ha­ben, Sto­ner? Be­grei­fen Sie, dass Sie das Le­ben die­ses Jun­gen rui­nie­ren?“

„Ja“, er­wi­der­te Sto­ner lei­se, „und er tut mir leid. Ich sor­ge da­für, dass er kei­nen Ab­schluss be­kommt und an kei­nem Col­le­ge und an kei­ner Uni­ver­si­tät un­ter­rich­ten kann. Aber ge­nau das will ich auch er­rei­chen. Wenn er ein Leh­rer wür­de, dann wä­re das ein . . . De­sas­ter.“

Lo­max wur­de ganz still. „Ist das Ihr letz­tes Wort?“, frag­te er mit ei­si­ger Stim­me.

„Ja“, ant­wor­te­te Sto­ner.

Lo­max nick­te. „Nun, dann will ich Sie war­nen, Pro­fes­sor Sto­ner. Ich ha­be nicht vor, die Sa­che hier­mit auf sich be­ru­hen zu las­sen. Sie ha­ben . . . Sie ha­ben hier heu­te ge­wis­se Un­ter­stel­lun­gen vor­ge­bracht . . . ha­ben Vor­ur­tei­le an den Tag ge­legt, die . . . die . . .“

„Aber bit­te, mei­ne Her­ren“, sag­te Ru­ther­ford und sah aus, als ob er wei­nen woll­te. „Las­sen Sie uns nicht den Kopf ver­lie­ren. Wie Sie wis­sen, be­nö­ti­gen wir ein ein­stim­mi­ges Ur­teil, wenn der Kan­di­dat be­ste­hen soll. Gibt es denn kei­ne Mög­lich­keit, die Dif­fe­ren­zen bei­zu­le­gen?“Nie­mand sag­te et­was. Ru­ther­ford seufz­te. „Al­so schön. Dann bleibt mir kei­ne an­de­re Wahl als hier­mit zu er­klä­ren, dass . . .“

„Ei­nen Au­gen­blick.“Gor­don Finch war wäh­rend der gan­zen Prü­fung so still ge­blie­ben, dass man sei­ne An­we­sen­heit fast ver­ges­sen hat­te. Nun er­hob er sich an­deu­tungs­wei­se von sei­nem Stuhl und sprach in mü­dem, doch ent­schlos­se­nem Ton in Rich­tung Kop­fen­de des Ti­sches. „Als am­tie­ren­der Vor­sit­zen­der des Fach­be­reichs wer­de ich ei­ne Emp­feh­lung aus­spre­chen und er­war­te, dass man ihr fol­gen wird. Ich emp­feh­le, die Ent­schei­dung auf über­mor­gen zu ver­ta­gen. Das gibt uns ein we­nig Zeit, uns zu be­ru­hi­gen und die Sa­che zu über­den­ken.“

„Da gibt es nichts zu über­den­ken“, stieß Lo­max her­vor. „Wenn Sto­ner . . .“

„Ich ha­be mei­ne Emp­feh­lung aus­ge­spro­chen“, sag­te Finch lei­se, „und ihr wird ge­folgt. Ich schla­ge nun vor, De­kan Ru­ther­ford, dass wir den Kan­di­da­ten über un­se­re Ent­schei­dung in die­ser An­ge­le­gen­heit in­for­mie­ren.“

(Fort­set­zung folgt)

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