Bo­rus­si­as „nor­ma­ler“17-Mil­lio­nen-Mann

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - SPORT LOKAL - VON JAN­NIK SORGATZ

Frü­her be­hielt ein Re­kord­ein­kauf über Jah­re sei­nen Ti­tel. In­zwi­schen ist es die Re­gel, dass bei­na­he je­der Som­mer den vor­he­ri­gen über­trifft. So ist die Ver­pflich­tung von Mat­thi­as Gin­ter längst kei­ne Sen­sa­ti­on mehr für Glad­bach.

Ste­fan Ef­fen­berg hielt sich elf Jah­re an der Spit­ze. Sie­ben Mil­lio­nen Mark über­wies Bo­rus­sia im Som­mer 1995 an den AC Flo­renz, wo­mit der „Ti­ger“zu­züg­lich der Leih­ge­bühr aus dem Vor­jahr der mit Ab­stand teu­ers­te Glad­ba­cher der Ver­eins­ge­schich­te wur­de. Der Eu­ro war längst ein­ge­führt, als Fe­de­ri­co In­súa 2006 für gut vier Mil­lio­nen kam und Ef­fen­berg ganz knapp ab­lös­te. 2012 ver­dop­pel­te Gra­nit Xha­ka die Re­kord­mar­ke mit rund neun Mil­lio­nen. Die Trans­fer­welt war durch stei­gen­de Fern­seh­ein­nah­men und Eu­ro­pa­po­kal­prä­mi­en längst ei­ne an­de­re ge­wor­den, was sich auch dar­an ab­le­sen ließ, dass Lu­uk de Jong schon zwei Mo­na­te spä­ter Xha­ka vom Thron stieß.

Da­nach ging Chris­toph Kra­mer ab 2016 als Re­kord­spie­ler durch, wo­bei er es dem Ver­neh­men nach nie war. Bo­rus­sia muss­te den FC Ba­sel näm­lich so üp­pig am Wei­ter­ver­kauf Xha­kas an den FC Ar­senal be- tei­li­gen, dass der Schwei­zer Mit­tel­feld­spie­ler sich mit neun plus acht gleich 17 Mil­lio­nen Eu­ro Ab­lö­se den ers­ten Platz zu­rück­hol­te. Als ges­tern Mat­thi­as Gin­ter auf dem Pres­se­po­di­um im Bo­rus­sia-Park Platz nahm, gab Sport­di­rek­tor Max Eberl bran­chen­üb­lich kei­ne De­tails preis. Dem Ver­neh­men nach liegt Gin­ter aber na­he­zu gleich­auf mit 17-Mil­lio­nen­Mann Xha­ka. Bo­rus­sia Dort­mund kann durch Bo­nus­zah­lun­gen noch et­was mehr ein­neh­men. Gin­ter ist da­mit wohl der al­lei­ni­ge Re­kord­ein­kauf in spe.

Ein Teil der Glad­bach-Fans lässt die 17 Mil­lio­nen be­reits wie ein Da­mokles­schwert über Gin­ter schwe­ben. Sie hal­ten den De­fen­siv­spie­ler für über­teu­ert. Ih­nen ge­gen­über ste­hen – das zeig­te ei­ne Um­fra­ge bei RP ON­LI­NE – in et­wa ge­nau­so vie­le, die sa­gen: 17 Mil­lio­nen sind in Ord­nung. Die Grau­zo­ne ist schmal. Wahr­schein­lich kann auf das Ad­jek­tiv „markt­ge­recht“in Dis­kus­sio­nen über Ab­lö­se­sum­men nicht mehr ver­zich­tet wer­den. Die Nen­nung der Wäh­rung er­üb­rigt sich bei­na­he, weil die Zah­len nur noch Re­la­tio­nen wie­der­ge­ben: Spie­ler X ist teu­rer als Spie­ler Y, aber güns­ti­ger als Spie­ler Z. „Es ist mitt­ler­wei­le wie Mo­no­po­ly. Manch­mal kommt es mir vor, als ge­he es um Spiel­geld“, sag­te Eberl un­se­rer Re­dak­ti­on.

Was als Mah­nung ge­meint war, spie­gelt gleich­zei­tig die neue Rea­li­tät wi­der. Denn bei Bo­rus­sia de­fi­nie­ren die Ein­nah­men nach wie vor die Aus­ga­ben. Bis ges­tern Mor­gen hat­te Glad­bach 19,5 Mil­lio­nen Eu­ro aus­ge­ge­ben und 22,7 ein­ge­nom­men, nun lie­gen die Aus­ga­ben bei et­wa 36,5 Mil­lio­nen, aber 2016 ver­zeich­ne­te der Klub zugleich den Re­kord­ge­winn von 26,8 Mil­lio­nen Eu­ro. „Es ist ein gro­ßer Schritt, aber für uns als Bo­rus­sia eben auch leist­bar. Das ha­ben wir uns hart er­ar­bei­tet“, sag­te Eberl und rech­ne­te selbst nach dem Ver­gleich­s­prin­zip vor: „Beim Con­fed Cup hat Mat­thi­as Gin­ter ne­ben Sh­ko­dran Musta­fi ge­spielt, der 40 Mil­lio­nen ge­kos­tet hat, und ne­ben An­to­nio Rü­di­ger, der für 35 Mil­lio­nen wech­selt. Ni­k­las Sü­le geht für 25 Mil­lio­nen zu den Bay­ern. Des­halb darf ich sa­gen: Mat­thi­as Gin­ter war für uns ein teu­rer, aber mit Blick auf den gan­zen Markt ein nor­ma­ler Trans­fer.“

Eberl hät­te auch Re­chen­bei­spie­le aus dem ei­ge­nen Ver­ein ver­wen­den kön­nen: Was soll ein Mann wie Gin­ter mit noch zwei Jah­ren Ver­trags­lauf­zeit sonst kos­ten, wenn An­dré Hahn mit noch ei­nem Jahr sechs Mil­lio­nen Eu­ro ein­bringt? Gin­ter ist jung und gleich­zei­tig er­fah­ren, hat ei­ne ge­wis­se Rei­fe, aber im­mer noch Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al. Er ist Welt­meis­ter, Con­fed-Cup-Sie­ger, ak­tu­el­ler Na­tio­nal­spie­ler und hat beim zweit­größ­ten Ver­ein der Bun­des­li­ga trotz al­ler Schwie­rig­kei­ten die sechst­meis­ten Ein­satz­mi­nu­ten ge­habt. Die Ex­tras sum­mie­ren sich wie bei ei­nem ur­sprüng­li­chen Bil­lig­flug, bei dem Up­grades wie WLAN, ei­ne war­me Mahl­zeit und mehr Bein­frei­heit den Preis sprung­haft in die Hö­he trei­ben.

„Jetzt muss man vi­el­leicht noch dar­über nach­den­ken, bei pas­sen­den An­ge­bo­ten den ei­nen oder an­de­ren ab­zu­ge­ben, da­mit der Ka­der nicht zu groß wird“, sag­te Eberl. Wenn über­haupt, wird er den Stür­mer­wunsch zahl­rei­cher Fans nur er­fül­len kön­nen, wenn er Ein­nah­men ge­ne­riert. Selbst dann ist aus­ge­schlos­sen, dass Bo­rus­sia in Sphä­ren ei­nes Vin­cent Jans­sen von Tot­ten­ham Hot­spur vor­dringt, der für 14 Mil­lio­nen Eu­ro ge­han­delt wur­de. Glad­bach wol­le trotz al­ler Mo­no­po­ly-Merk­ma­le des Trans­fer­mark­tes nicht zum „Gam­bler“wer­den, wie Eberl es ge­gen­über un­se­rer Re­dak­ti­on aus­drück­te. Sich bei ei­nem Wunsch­spie­ler in Sphä­ren wie bei Gin­ter vor­zu­wa­gen, ist in­zwi­schen aber kein Mei­len­stein mehr. Der 23Jäh­ri­ge ist Bo­rus­si­as ganz „nor­ma­ler“17-Mil­lio­nen-Mann.

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