Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Sie tra­fen Wal­ker völ­lig ent­spannt auf dem Flur vor dem Kon­fe­renz­zim­mer sit­zend an. In der Rech­ten hielt er läs­sig ei­ne Zi­ga­ret­te, wäh­rend er ge­lang­weilt an die De­cke starr­te.

„Mr Wal­ker!“, rief Lo­max und hum­pel­te ihm ent­ge­gen.

Wal­ker stand auf; da er meh­re­re Zen­ti­me­ter grö­ßer war, muss­te er auf ihn her­ab­bli­cken.

„Ich wur­de an­ge­wie­sen, Mr Wal­ker, Sie zu in­for­mie­ren, dass das Ko­mi­tee sich au­ßer­stan­de sah, hin­sicht­lich Ih­rer Prü­fung zu ei­nem ein­stim­mi­gen Er­geb­nis zu kom­men; man wird Ih­nen über­mor­gen Be­scheid ge­ben. Doch darf ich Ih­nen ver­si­chern . . .“, er hob die Stim­me, „ich darf Ih­nen ver­si­chern, dass Sie sich kei­ne Sor­gen zu ma­chen brau­chen. Nicht die ge­rings­ten.“

Ei­nen Mo­ment lang sah Wal­ker sie der Rei­he nach kühl an. „Ich dan­ke Ih­nen aufs Neue, mei­ne Her­ren, für all Ih­re Mü­hen.“Er fing Sto­ners Blick auf, und ein Lä­cheln husch­te über sei­ne Lip­pen.

Oh­ne ein wei­te­res Wort eil­te Gor­don Finch da­von; Sto­ner, Ru­ther­ford und Holland gin­gen zu­sam­men den Flur ent­lang; Lo­max blieb zu­rück, um in erns­tem Ton auf Wal­ker ein­zu­re­den.

„Nun“, sag­te Ru­ther­ford, der von Sto­ner und Holland in die Mit­te ge­nom­men wor­den war, „ei­ne un­an­ge­neh­me Sa­che. Wie man es auch dreht und wen­det, es bleibt ei­ne un­an­ge­neh­me Sa­che.“

„Ja, das stimmt“, er­wi­der­te Sto­ner, wand­te sich von ih­nen ab, ging die Mar­mor­stu­fen hin­un­ter, be­schleu­nig­te die Schrit­te, je nä­her er dem Par­terre kam, und eil­te nach drau­ßen. Tief at­me­te er den rau­chi­gen Ge­ruch der Nach­mit­tags­luft ein und at­me­te gleich noch ein­mal, als tauch­te er wie ein Schwim­mer aus dem Was­ser auf. Dann ging er lang­sam nach Hau­se.

Früh am nächs­ten Nach­mit­tag, noch ehe er Ge­le­gen­heit ge­habt hat­te, zu Mit­tag zu es­sen, er­hielt er ei­nen An­ruf von Gor­don Finchs Se­kre­tä­rin, die ihn bat, auf der Stel­le ins Bü­ro zu kom­men.

Finch war­te­te be­reits un­ge­dul­dig, als Sto­ner den Raum be­trat. Er er­hob sich und be­deu­te­te Sto­ner, sich in den Ses­sel zu set­zen, den er ne­ben sei­nen Tisch ge­scho­ben hat­te.

„Geht es um die Sa­che mit Wal­ker?“, frag­te Sto­ner.

„Ge­wis­ser­ma­ßen“, er­wi­der­te Finch. „Lo­max hat um ein Tref­fen zur Klä­rung die­ser An­ge­le­gen­heit ge­be­ten. Das könn­te ziem­lich un­an­ge­nehm wer­den, und des­halb woll­te ich ei­ni­ge Mi­nu­ten mit dir al­lein re­den, ehe Lo­max kommt.“Er setz­te sich wie­der, wipp­te ei­ni­ge Au­gen­bli­cke in sei­nem Dreh­stuhl und be­trach­tet Sto­ner nach­denk­lich. Dann sag­te er un­ver­mit­telt: „Lo­max ist ein gu­ter Mann.“

„Das weiß ich“, sag­te Sto­ner. „In ge­wis­sem Sin­ne ist er si­cher der Bes­te un­se­res Fach­be­reichs.“

Als hät­te Sto­ner nichts ge­sagt, fuhr Finch fort: „Er hat so sei­ne Pro­ble­me, aber die ma­chen sich nicht all­zu oft be­merk­bar, und wenn, dann hat er sie im Griff. Blöd nur, dass die­se Sa­che ge­ra­de jetzt auf­kom­men muss; der Zeit­punkt ist ver­dammt un­an­ge­nehm. Ei­ne Spal­tung der Fa­kul­tät in die­sen Ta­gen . . .“Finch schüt­tel­te den Kopf.

„Ich hof­fe nicht . . .“, be­gann Sto­ner un­be­hag­lich.

Finch hob die Hand. „War­te“, sag­te er. „Ich hät­te es dir gern frü­her ge­sagt, aber es soll­te sich noch nicht her­um­spre­chen und war auch nicht of­fi­zi­ell. Auch jetzt muss es noch ver­trau­lich blei­ben, aber . . . Er­in­nerst du dich dar­an, dass wir vor ei­ni­gen Wo­chen über ei­nen neu­en Fach­be­reichs­lei­ter ge­re­det ha­ben?“Sto­ner nick­te. „Nun, Lo­max be­kommt den Pos­ten. Er ist der Neue. Das ist be­schlos­se­ne Sa­che. Der Vor­schlag kam von ganz oben, doch soll­te ich dir sa­gen, dass ich nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den hat­te.“Er lach­te kurz auf. „Al­ler­dings wä­re ich auch nicht in der Po­si­ti­on ge­we­sen, et­was dar­an än­dern zu kön­nen, und selbst wenn ich es ge­we­sen wä­re, hät­te ich zu­ge­stimmt – da­mals. Heu­te bin ich mir da nicht mehr so si­cher.“

„Ich ver­ste­he“, sag­te Sto­ner nach­denk­lich, um dann nach ei­ni­gen Se­kun­den fort­zu­fah­ren: „Ich bin froh, dass du es mir vor­her nicht ge­sagt hast. Ich glau­be zwar kaum, dass es et­was ge­än­dert hät­te, aber zu­min­dest hat es auch un­ser Ur­teils­ver­mö­gen nicht ge­trübt.“

„Ach ver­dammt, Bill“, sag­te Finch. „Du musst das ver­ste­hen. Wal­ker ist mir schnurz, Lo­max eben­so . . ., aber du bist ein al­ter Freund. Se­hen wir es doch mal prak­tisch. Lo­max nimmt die­se Sa­che sehr ernst, und er wird sie nicht un­ter den Tisch fal­len las­sen. Wenn es al­so zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung kommt, dürf­te sie ziem­lich un­an­ge­nehm wer­den. Du weißt so gut wie ich, wie rach­süch­tig Lo­max sein kann. Er kann dich zwar nicht feu­ern, kann aber so ziem­lich al­les an­de­re mit dir ma­chen. Und bis zu ei­nem ge­wis­sen Ma­ße muss ich dann zu ihm hal­ten.“Wie­der lach­te er bit­ter auf. „Ver­dammt, bis zu ei­nem ziem­lich gro­ßen Ma­ße muss ich dann zu ihm hal­ten. Wenn ein De­kan an­fängt, die Ent­schei­dun­gen des Fach­be­reichs­lei­ters auf­zu­he­ben, dann soll­te er ihn als Vor­sit­zen­den ent­las­sen oder dies zu­min­dest ver­su­chen. Tanzt Lo­max al­so aus der Rei­he, könn­te ich ihm den Vor­sitz ab­er­ken­nen, ich könn­te es zu­min­dest ver­su­chen. Vi­el­leicht kä­me ich da­mit durch, vi­el­leicht auch nicht. Doch selbst wenn, wür­de das den Fach­be­reich spal­ten, even­tu­ell das gan­ze Col­le­ge. Und ver­dammt . . .“Finch wirk­te plötz­lich ver­le­gen und brumm­te vor sich hin, „ach, ver­dammt, ich muss nun mal ans Col­le­ge den­ken.“Er blick­te Sto­ner di­rekt an. „Be­greifst du, was ich dir sa­gen will?“

Ei­ne Wo­ge war­men Ge­fühls über­kam Sto­ner, Lie­be und zärt­li­cher Re­spekt für sei­nen al­ten Freund. „Na­tür­lich, Gor­don“, sag­te er. „Hast du ge­glaubt, ich wür­de das nicht ver­ste­hen?“

„Al­so schön“, sag­te Finch. „Und noch ei­nes. Ir­gend­wie hat Lo­max beim Prä­si­den­ten ein Stein im Brett, so­dass der ihm aufs Wort ge­horcht. Es könn­te für dich al­so noch schlim­mer kom­men, als du denkst. Al­ler­dings brauchst du nur zu sa­gen, dass du es dir an­ders über­legt hast. Kannst mir so­gar die Schuld ge­ben – sag ein­fach, ich hät­te dich da­zu ge­zwun­gen.“

„Es geht mir nicht dar­um, mein Ge­sicht zu wah­ren, Gor­don.“

„Weiß ich doch“, er­wi­der­te Finch. „So ha­be ich es auch nicht ge­meint. Sieh es mal so. Was liegt schon an Wal­ker? Si­cher, ich weiß, es geht ums Prin­zip, aber es gibt da noch ein an­de­res Prin­zip, an das du den­ken soll­test.“

„Es ist kei­ne Fra­ge des Prin­zips“, sag­te Sto­ner. „Es geht mir um Wal­ker. Es wä­re ei­ne Ka­ta­stro­phe, ihn auf die Stu­den­ten los­zu­las­sen.“

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