An­ge­klag­ter schil­dert sei­nen Weg zum IS

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER

Ein Ter­ror­kom­man­do soll­te im Auf­trag des „Is­la­mi­schen Staats“ein ge­wal­ti­ges Blut­bad in der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt an­rich­ten. Der Haupt­an­ge­klag­te Sal­eh A., der ei­ni­ge Zeit in Kaarst leb­te, be­rich­te­te um­fas­send über sei­ne Zeit beim IS.

DÜSSELDORF Be­vor der Haupt­an­ge­klag­te Sal­eh A. sei­ne Aus­sa­ge ma­chen kann, wird er von der Vor­sit­zen­den Rich­te­rin Bar­ba­ra Hav­liza be­lehrt, sich zu be­neh­men. Sie ha­be ei­ni­ges über ihn in den Ak­ten ge­le­sen. Wenn er sich nicht an die Re­geln hal­te, wer­de es un­ge­müt­lich für ihn. „Sie be­kom­men dann Fes­seln an­ge­legt.“

Der 30-Jäh­ri­ge ist der mut­maß­li­che An­füh­rer ei­ner Ter­ror­zel­le des so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staa­tes (IS). Ihm wird seit ges­tern ge­mein­sam mit Mahood B. (26), ei­nem Jor­da­ni­er, und Ham­za C. (29), ei­nem Al­ge­ri­er, im Hoch­si­cher­heits­ge­bäu-

An­ge­klag­ter Sal­eh A. über sei­ne Zeit in Sy­ri­en de des Düs­sel­dor­fer Ober­lan­des­ge­richts (OLG) der Pro­zess ge­macht. Die Bun­des­an­walt­schaft klagt die drei Män­ner an, weil sie ge­plant ha­ben sol­len, in der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt ei­nen An­schlag zu ver­üben. Der An­kla­ge­schrift zu­fol­ge soll­ten sich zwei Selbst­mord­at­ten­tä­ter in die Luft spren­gen, und wei­te­re Ter­ro­ris­ten soll­ten flüch­ten­de Men­schen er­schie­ßen. Für den An­schlag sei von der IS-Füh­rung ein zehn­köp­fi­ges Ter­ror­kom­man­do vor­ge­se­hen ge­we­sen. Den drei An­ge­klag­ten wird die IS-Mit­glied­schaft und die Ver­ab­re­dung zu ei­nem Ver­bre­chen vor­ge­wor­fen. Der Plan war auf­ge­flo­gen, weil Sal­eh A. sich im Fe­bru­ar 2016 den Be­hör­den in Pa­ris ge­stellt und ein Ge­ständ­nis ab­ge­legt hat­te. Als Grund für sei­nen Sin­nes­wan­del gab er an, er ha­be nicht ge­wollt, dass sei­ne Toch­ter ei­nen Ter­ro­ris­ten zum Va­ter ha­be.

„Die Plä­ne wa­ren so kon­kret, dass das An­schlags­ziel aus­ge­wählt war, die Vor­ge­hens­wei­se aus­ge­wählt war“, be­tont Tobias En­gel­stät­ter von der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt­schaft in Karlsruhe. Dem­nach soll­ten zwei Grup­pen à fünf Per­so­nen agie­ren, mit je­weils ei­nem Selbst­mord­at­ten­tä­ter und vier wei­te­ren Be­glei­tern. Die Selbst­mord­at­ten­tä­ter soll­ten sich in der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt so­fort in die Luft spren­gen. „Dann soll­ten die wei­te­ren Ter­ro­ris­ten ih­re Waf­fen ab­feu­ern und sich dann eben­falls in die Luft spren­gen“, sagt En­gel­stät­ter. Wäh­rend der Er­mitt­lun­gen hat­te es in rang­ho­hen NRWSi­cher­heits­krei­sen Zwei­fel an der Pla­nung ge­ge­ben. Zwi­schen­zeit­lich hat­te es ge­hei­ßen, an den Plä­nen sei nichts Kon­kre­tes dran. Dem wi­der- sprach die Bun­des­an­walt­schaft aber mit ih­rer An­kla­ge­schrift.

Sal­eh A. ist der Ein­zi­ge, der be­reit ist, um­fas­send aus­zu­pa­cken. Ob­wohl er an­geb­lich be­droht wird. Sein Ver­tei­di­ger gibt zu Pro­to­koll, dass Mit­häft­lin­ge der Un­ter­su­chungs­haft in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) Wup­per­tal sei­ne Aus­sa­ge zu ver­hin­dern ver­sucht hät­ten. Ihm sei ge­droht wor­den: Man wer­de sei­ner Toch­ter et­was an­tun, wenn er aus­sa­ge. Die Rich­te­rin will der Sa­che nach­ge­hen.

Zu­dem will sie von A. wis­sen, wie er auf die schie­fe Bahn ge­ra­ten und zum Ter­ro­ris­ten ge­wor­den ist. A. wird 1987 im Su­dan ge­bo­ren. Er stammt aus gu­tem Hau­se. Der sy­ri- sche Va­ter ist Ra­dio­lo­ge; die Mut­ter, ei­ne Pa­läs­ti­nen­se­rin, ist Apo­the­ke­rin. Er hat zwei Brü­der und zwei Schwes­tern. Die Fa­mi­lie zieht oft um. Vom Su­dan in den Je­men. Dann nach Ga­za. Und schließ­lich nach Sy­ri­en. Das ist 2004. Da­mals sei Sy­ri­en das si­chers­te Fleck­chen Er­de ge­we­sen, sagt A. „Für jun­ge Leu­te wie mich ist das Le­ben da­mals sehr be­quem ge­we­sen“, sagt er. Er stu­diert In­for­ma­tik und Tech­no­lo­gie. Schmeißt aber nach vier Se­mes­tern hin. Sei­ne Fa­mi­lie ge­rät in Streit mit ei­nem an­de­ren Clan. Bei der Feh­de stirbt ein Mensch. A. und 36 wei­te­re Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge müs­sen für zwei Jah­re ins Ge­fäng­nis.

Als er 2011 frei­kommt, ist al­les an­ders. Die Aus­wir­kun­gen des ara­bi­schen Früh­lings sind in Sy­ri­en spür­bar, es gibt De­mons­tra­tio­nen ge­gen das Re­gime. Sal­eh A. macht so­fort mit. Er weiß aber: Wer fest­ge­nom­men wird, wird ge­schla­gen. Oder ge­fol­tert. Oder er­mor­det. Er schließt sich der Sy­ri­schen Frei­heits­ar­mee an und tö­tet Men­schen mit Ka­lasch­ni­kow und Pan­zer­ab­wehr­ra­ke­ten. Wie vie­le er um­ge­bracht hat, weiß er nicht mehr. Nur, dass es vie­le ge­we­sen sind. Ir­gend­wann um 2013 her­um wech­selt er zur Al-Nus­ra-Front, ei­ner Mi­liz, die den IS un­ter­stützt. Dem IS di­rekt, sagt er, ha­be er sich zu­nächst nicht an­schlie­ßen wol­len. Weil er sich wei­gert, schießt man ihm in die Schul­ter. Er wird in ein „Umer­zie­hungs­la­ger“ge­steckt und in­dok­tri­niert.

Dort lernt er Mahood B. ken­nen, sei­nen spä­te­ren An­schlags­hel­fer. Nach 64 Ta­gen darf er ge­hen. Er ge­hört jetzt dem Is­la­mi­schen Staat an und wird be­auf­tragt, ei­nen An­schlag in Düsseldorf zu ver­üben. Als Flücht­ling ge­tarnt, reist er über die Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land. Er wohnt zeit­wei­se in Kaarst und be­rei­tet ge­mein­sam mit sei­nen Hel­fern den An­schlag vor – bis er sich ent­schließt, zur Po­li­zei zu ge­hen.

„Für jun­ge Leu­te wie mich ist das Le­ben sehr

be­quem ge­we­sen“

FO­TO: HEIDRICH /FUN­KE FO­TO SER­VICES

Der 30-jäh­ri­ge Sal­eh A. wur­de über die Bal­kan­rou­te als Flücht­ling nach Deutsch­land ein­ge­schleust. Er soll der Kopf ei­ner Ter­ror­zel­le ge­we­sen sein. Aus Sor­ge um sei­ne Toch­ter of­fen­bar­te er sich aber den Be­hör­den.

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