Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Ach“, sag­te Finch mü­de, „wenn er es hier nicht schafft, geht er wo­an­ders hin und macht da sei­nen Ab­schluss; und trotz al­lem macht er ihn viel­leicht so­gar hier. Du könn­test ver­lie­ren, weißt du, egal, was du tust. Wir kön­nen die Wal­kers nicht au­ßen vor hal­ten.“

„Viel­leicht nicht“, sag­te Sto­ner, „aber wir soll­ten es ver­su­chen.“

Finch schwieg ei­ne Wei­le, dann seufz­te er: „Al­so gut, es hat kei­nen Zweck, Lo­max noch län­ger war­ten zu las­sen. Brin­gen wir es hin­ter uns.“Er stand vom Tisch auf und ging zur Tür, die zu ei­nem klei­nen Vor­raum führ­te, doch als er an Sto­ner vor­bei­kam, leg­te der ei­ne Hand auf sei­nen Arm und hielt ihn noch kurz zu­rück.

„Weißt du, Gor­don, was Da­ve Mas­ters ein­mal ge­sagt hat?“

Finch zog ver­wirrt die Brau­en in die Hö­he. „War­um kommst du mir jetzt mit Da­ve Mas­ters?“

Sto­ner ließ sei­nen Blick durch den Raum zum Fens­ter hin­aus­wan­dern, wäh­rend er sich zu er­in­nern ver­such­te.

„Wir wa­ren zu dritt, und er sag­te – ir­gend­was dar­über, dass die Uni­ver­si­tät ein Asyl ist, ein Zufluchts­ort vor der Welt, ein Ort für die Be­sitz­lo­sen, die Krüp­pel, aber an je­man­den wie Wal­ker hat er da­bei nicht ge­dacht. Da­ve hät­te Wal­ker für – die Welt ge­hal­ten. Wir kön­nen ihn nicht her­ein­las­sen. Denn wenn wir das tun, wer­den wir wie die Welt, eben­so ir­re­al, eben­so . . . Uns bleibt nur die Hoff­nung, ihn au­ßen vor zu las­sen.“

Finch blick­te ihn ei­ni­ge Se­kun­den lang an. Dann grins­te er. „Du Mist­kerl“, rief er fröh­lich. „Wir las­sen Lo­max jetzt bes­ser rein­kom­men.“Er öff­ne­te die Tür und bat Lo­max zu sich.

Er be­trat den Raum so steif und förm­lich, dass man das leich­te Hin­ken im rech­ten Bein kaum be­merk­te; die Mie­ne im ha­ge­ren, at­trak­ti­ven Ge­sicht wirk­te starr und kalt, und er hielt den Kopf so hoch, dass sein lan­ges, lo­cki­ges Haar fast auf den Bu­ckel fiel, der den Rü­cken un­ter­halb der lin­ken Schul­ter ent­stell­te. Lo­max sah kei­nen der bei­den Män­ner an, die mit ihm im Raum wa­ren, nahm ker­zen­ge­ra­de in ei­nem Ses­sel vor Finchs Tisch Platz und starr­te auf ei­ne un­be­stimm­te Stel­le zwi­schen Finch und Sto­ner. Dann wand­te er Finch leicht den Kopf zu.

„Ich ha­be aus ei­nem ein­zi­gen Grund um die­ses Tref­fen ge­be­ten. Ich hät­te gern ge­wusst, ob Pro­fes­sor Sto­ner sei­ne un­über­leg­te Ent­schei­dung von ges­tern noch ein­mal über­dacht hat.“

„Mr Sto­ner und ich ha­ben ge­ra­de über die­se An­ge­le­gen­heit ge­re­det“, sag­te Finch. „Und wir ha­ben sie lei­der noch nicht bei­le­gen kön­nen.“

Lo­max wand­te sich zu Sto­ner und stier­te ihn an; die hell­blau­en Au­gen wirk­ten so stumpf, als hät­te sich ein durch­sich­ti­ger Film über sie ge­legt. „Dann fürch­te ich, wer­de ich ei­ni­ge ernst­haf­te An­schul­di­gun­gen er­he­ben müs­sen.“

„An­schul­di­gun­gen?“Finch klang über­rascht, fast ein we­nig auf­ge­bracht. „Da­von ha­ben Sie bis­lang nichts ge­sagt . . .“

„Tut mir leid“, sag­te Lo­max. „Aber das er­scheint mir nö­tig.“Zu Sto­ner sag­te er: „Sie ha­ben zum ers­ten Mal mit Charles Wal­ker ge­spro­chen, als er dar­um bat, an Ih­rem Se­mi­nar teil­neh­men zu dür­fen. Kor­rekt?“

„Das ist kor­rekt“, er­wi­der­te Sto­ner.

„Sie ha­ben ge­zö­gert, ihn auf­zu­neh­men, nicht wahr?“

„Stimmt“, sag­te Sto­ner. „Das Se­mi­nar hat­te be­reits zwölf Teil­neh­mer.“

Lo­max warf ei­nen Blick auf die No­ti­zen in sei­ner rech­ten Hand. „Und als der Stu­dent Ih­nen sag­te, er müs­se un­be­dingt dar­an teil­neh­men, ha­ben Sie wi­der­stre­bend Ih­re Ein­wil­li­gung ge­ge­ben, zugleich aber ge­sagt, sei­ne Teil­nah­me wür­de das Fass zum Über­lau­fen brin­gen. Ist das rich­tig?“

„Nicht ganz“, sag­te Sto­ner. „Wenn ich mich recht er­in­ne­re, ha­be ich ge­sagt, ein Stu­dent mehr im Se­mi­nar wür­de . . .“

Lo­max we­del­te mit der Hand. „Nicht wei­ter wich­tig. Ich ver­su­che nur, ei­nen Zu­sam­men­hang deut­lich zu ma­chen. Ha­ben Sie wäh­rend die­ser ers­ten Un­ter­hal­tung be­zwei­felt, dass Wal­ker die Kom­pe­tenz be­sit­ze, an Ih­rem Se­mi­nar teil­zu­neh­men?“

„Hol­ly“, sag­te Gor­don Finch matt, „wo soll das hin­füh­ren? Was hat . . .?“

„Bit­te“, un­ter­brach ihn Lo­max. „Ich ha­be doch ge­sagt, dass ich An­schul­di­gun­gen er­he­ben will. Da müs­sen Sie mir schon die Zeit las­sen, sie auch vor­brin­gen zu kön­nen. Al­so, ha­ben Sie sei­ne Kom­pe­tenz in­fra­ge ge­stellt?“

Ge­dul­dig er­wi­der­te Sto­ner: „Ja, ich ha­be ihm ei­ni­ge Fra­gen ge­stellt, um zu prü­fen, ob er sich eig­net.“

„Und konn­ten Sie sich von sei­ner Eig­nung über­zeu­gen?“

„Ich glau­be, ich war mir nicht si­cher“, sag­te Sto­ner, „er­in­ne­re mich aber nicht so ge­nau.“

Lo­max wand­te sich an Finch. „Wir hal­ten al­so fest, dass Pro­fes­sor Sto­ner ers­tens ge­zö­gert hat, Wal­ker in sein Se­mi­nar auf­zu­neh­men, zwei­tens, dass sei­ne Be­den­ken so groß wa­ren, dass er Wal­ker droh­te, sei­ne Teil­nah­me am Se­mi­nar wür­de das Fass zum Über­lau­fen brin­gen, drit­tens zwei­fel­te er an Wal­kers Kom­pe­tenz, und vier­tens ließ er ihn trotz der Be­den­ken und sei­nes star­ken Wi­der­wil­lens ge­gen den Stu­den­ten am Se­mi­nar teil­neh­men.“

Finch schüt­tel­te be­küm­mert den Kopf. „Das führt doch zu nichts, Hol­ly.“

„Ei­nen Mo­ment noch“, sag­te Lo­max. Has­tig sah er in sei­nen No­ti­zen nach, dann mus­ter­te er Finch mit durch­drin­gen­dem Blick. „Ich ha­be noch meh­re­re Punk­te an­zu­mer­ken, die ich in ei­nem ,Kreuz­ver­hör’ auch er­här­ten könn­te“, er hob das Wort iro­nisch her­vor, „aber ich bin kein An­walt. Al­ler­dings kann ich ver­si­chern, dass ich be­reit bin, die­se An­schul­di­gun­gen im Ein­zel­nen vor­zu­brin­gen, falls sich dies als not­wen­dig er­wei­sen soll­te.“Er hielt in­ne, als müss­te er Kraft sam­meln. „Ich bin be­reit dar­zu­le­gen, dass Pro­fes­sor Sto­ner den Stu­den­ten Wal­ker an sei­nem Se­mi­nar teil­neh­men ließ, ob­wohl er an­fäng­li­che Vor­ur­tei­le ge­gen ihn heg­te; ich bin be­reit dar­zu­le­gen, dass die­se an­fäng­li­chen Vor­ur­tei­le sich er­här­te­ten, als ge­wis­se Wi­der­sprü­che in Tem­pe­ra­ment und Ge­fühl im Ver­lauf des Se­mi­nars zu­ta­ge tra­ten, dass die­se Wi­der­sprü­che durch Mr Sto­ner be­güns­tigt und ver­stärkt wur­den, der es nicht nur zu­ließ, son­dern es ge­le­gent­lich re­gel­recht her­aus­for­der­te, dass sich an­de­re Teil­neh­mer des Se­mi­nars über Mr Wal­ker lus­tig ge­macht und ihn der Lä­cher­lich­keit preis­ge­ge­ben ha­ben.

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