Der Wäch­ter der Stadt­ge­schich­te

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON MAREI VITTINGHOFF

Franz Josef Wirtz lässt als Nacht­wäch­ter die Ver­gan­gen­heit der Alt­stadt le­ben­dig wer­den. Für ihn ist das ein Muss.

15 Mi­nu­ten ver­ge­hen, bis aus Franz Josef Wirtz der Nacht­wäch­ter Mön­chen­glad­bachs wird. Ein Horn, ei­ne La­ter­ne und ei­ne Hel­le­bar­de zie­ren dann das dunk­le Ko­s­tüm, das er wie ei­nen Schatz bei sich zu­hau­se hü­tet und aus­schließ­lich für sei­ne Füh­run­gen über­streift. Das Horn und die La­ter­ne hat er selbst ge­kauft, das Ge­wand, auf dem das of­fi­zi­el­le Wap­pen der Stadt zu se­hen ist, ex­tra von ei­ner Schnei­de­rin an­fer­ti­gen las­sen. So­gar ei­nen Waf­fen­schein hat Wirtz für sei­ne Füh­rung bei der Po­li­zei be­an­tragt, um stil­echt mit der mit­tel­al­ter­li­chen Lan­ze durch die Alt­stadt zie­hen zu kön­nen. All die­se Din­ge ge­hö­ren zu der Ver­wand­lung, die Wirtz vor je­der Füh­rung durch­läuft. Nur auf die Ge­schich­ten und An­ek­do­ten, die Le­gen­den und Da­ten, von de­nen er be­rich­tet, muss er sich nicht mehr vor­be­rei­ten. „Die sind mir in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen“, sagt Wirtz. Denn die Hei­mat, das ist sei­ne Lei­den­schaft, sie zu ver­mit­teln, sei­ne Vi­si­on.

Franz Josef Wirtz ist 70 Jah­re alt, war bis zu sei­ner Ren­te An­ge­stell­ter bei ei­ner Bank und ist jetzt seit et­wa zehn Jah­ren als Frem­den­füh­rer für die Mar­ke­ting Ge­sell­schaft Mön­chen­glad­bach un­ter­wegs. Ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen ist er in Rhe­ydt, wo er noch heu­te aus Über­zeu­gung lebt. „Rhe­ydt ist eben Hei­mat. Ich bin ein Rheer Jong“, sagt er.

Schon als Kind hat Wirtz sich im­mer wie­der mit sei­ner Um­ge­bung aus­ein­an­der­ge­setzt und Bü­cher, die vom al­ten Nie­der­rhein er­zähl­ten, ge­ra­de­zu ver­schlun­gen. Ei­nen gan­zen Schrank ge­füllt mit his­to­ri­schen Ro­ma­nen fin­det man heu­te bei ihm, dar­un­ter auch „Das Fin­del­kind von Glad­bach“von Micha­el We­fers, ei- nes sei­ner Lieb­lings­bü­cher. Auch die Schu­le weck­te sein In­ter­es­se für die Hei­mat­stadt. „Ich hat­te da­mals noch das Fach Stadt­ge­schich­te und wur­de in Platt­deutsch un­ter­rich­tet“, er­zählt Wirtz. „Schon in der Grund­schu­le ha­be ich ge­nau ge- lernt, wo ich her­kom­me und le­be“. Dass das der­zeit häu­fig nicht mehr in die­ser Form ge­schieht, är­gert ihn. „Die Hei­mat ist doch ein Grund­ka­pi­tel, ein Muss. War­um setzt man sich nicht viel mehr mit ihr aus­ein­an­der?“, fragt er. Re­gel­mä­ßig nimmt er dar­um an platt­deut­schen Aben­den teil.

Da Franz Josef Wirtz bei Freun­den und der Fa­mi­lie längst für sei­ne Hei­mat­lie­be, sein un­glaub­li­ches Wis­sen, und sei­ne Fä­hig­keit, bei Stadt­füh­run­gen be­reits mit aus­führ­li­chen Kennt­nis­sen zu punk­ten, be­rüch­tigt war, schlug ihm ein Be­kann­ter ei­nes Abends vor, es doch selbst ein­mal als Frem­den­füh­rer zu pro­bie­ren. Wirtz ge­fiel die Idee. So stell­te er sich bei der MGMG vor, mach­te ei­ne Zeit lang al­le Füh­run­gen ein­mal mit und war bald dar­auf be­reit, al­lei­ne durch­zu­star­ten. Seit­dem ist er kaum noch zu stop­pen. Ob Mönch-Füh­rung, Rhe­ydter Rund­gang, Bus­rund­fahrt, Müh­len- oder My­thosBo­rus­sen­tour: Stän­dig ist Franz Josef Wirtz im Auf­trag, Ge­schich­te le­ben­dig wer­den zu las­sen, un­ter­wegs.

Ei­nes fehl­te je­doch noch im Stadt­pro­gramm: die Nacht­wäch­t­er­füh­rung – ein gro­ßer Wunsch der MGMG. Wirtz mach­te sich an die Ar­beit, las noch mehr Bü­cher als oh­ne­hin schon, sah sich Nacht­wäch­t­er­füh­run­gen an­de­rer Städ­te an und stö­ber­te stun­den­lang im Stadt­ar­chiv und in der Stadt­bi­blio­thek.

Ein Jahr lang hat es ge­dau­ert, bis er das Kon­zept für sei­ne ei­ge­ne Füh­rung zu­sam­men­hat­te und Udo Jan­sen von der MGMG als Nacht­wäch­ter über­rasch­te. Jetzt sind sie frisch auf­be­rei­tet die Ge­schich­ten aus dem al­ten Mön­chen­glad­bach, die die Ver­gan­gen­heit des un­te­ren und obe­ren Teils der Alt­stadt ein we­nig greif­ba­rer ma­chen. Ein­ein­halb St­un­den dau­ert die Tour, die am Ge- ro­wei­her be­ginnt, die al­te Stadt­mau­er ent­lang zum al­ten Zeug­haus, zur Gast­haus­stra­ße, zum Di­cken Turm, zum Al­ten Markt und zum Rat­haus führt und im­mer im Gast­haus St. Vith en­det. „Oft dau­ert die Tour aber schon mal län­ger, da vie­le noch Fra­gen stel­len oder der ein oder an­de­re noch im St. Vith bleibt“, sagt Wirtz.

Mit al­ten Stadt­plä­nen, Bil­dern und Fo­to­gra­fi­en aus­ge­stat­tet, er­zählt er – teils auf Platt, teils auf Hoch­deutsch – wie frü­her das Bier aus­ge­schenkt wur­de oder wo es Wie­mel­ter (Jo­han­nes­bee­ren) für ei­nen Pfen­nig gab. Vom Mit­tel­al­ter bis zum 19. Jahr­hun­dert rei­chen sei­ne Ge­schich­ten, so­wohl zum La­chen (Kir­mes, Schüt­zen­fes­te und „Esels­mop­pen“) als auch zum Schau­dern (der Al­te Markt als Hin­rich­tungs­platz) ist et­was da­bei. Wenn die Dun­kel­heit ein­trifft und die La­ter­ne zu Glü­hen be­ginnt, ist die At­mo­sphä­re für Franz Josef Wirtz per­fekt: „Dann wird es so rich­tig schnu­cke­lig“, sagt er. Wie die Nacht­wäch­ter vor ihm, die mit dem Hen­ker und dem To­ten­grä­ber zu den wich­tigs­ten Per­so­nen des nied­ri­gen Stan­des zähl­ten und bis 1870 für ge­schlos­se­ne To­re und Be­leuch­tung sorg­ten, führt er die Glad­ba­cher si­cher durch die abend­li­che Stadt. An ein En­de denkt er da­bei noch lan­ge nicht: „Die Tour macht Spaß und hält fit.“

Die nächs­ten Nacht­wäch­terRund­gän­ge wer­den am 9. Au­gust, am 25. Ok­to­ber und am 22. No­vem­ber an­ge­bo­ten. Treff­punkt ist je­weils um 19 Uhr am Park­platz am Ge­ro­wei­her, Schild „Stadt-Tou­ren“.

FO­TOS (2): ILGNER

Mit Horn, La­ter­ne und Hel­le­bar­de führt Wirtz durch die Alt­stadt.

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