Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG - © 2013 DTV, MÜN­CHEN

Ich bin be­reit dar­zu­le­gen, dass die­se Vor­ur­tei­le bei mehr als ei­ner Ge­le­gen­heit durch Be­mer­kun­gen Pro­fes­sor Sto­ners vor Stu­den­ten zum Aus­druck ka­men, dass er Mr Wal­ker vor­ge­wor­fen hat, ei­ne Teil­neh­me­rin des Se­mi­nars ,an­ge­grif­fen’ zu ha­ben, ob­wohl Mr Wal­ker nur ei­ne ab­wei­chen­de Mei­nung zum Aus­druck brach­te, dass Mr Sto­ner sei­ne Ver­är­ge­rung über die­sen so­ge­nann­ten ,An­griff’ be­kun­de­te und sich zu­dem in un­ver­ant­wort­li­cher Wei­se über Mr Wal­kers ,dümm­li­ches Be­neh­men’ aus­ließ. Ich bin be­reit, zu­dem dar­zu­le­gen, dass Pro­fes­sor Sto­ner in­fol­ge sei­nes Vor­ur­teils, und oh­ne da­zu pro­vo­ziert wor­den zu sein, Mr Wal­ker der Faul­heit, Igno­ranz und Un­ehr­lich­keit be­schul­dig­te. Und dass Pro­fes­sor Sto­ner schließ­lich von al­len drei­zehn Teil­neh­mern des Se­mi­nars ein­zig Mr Wal­ker ein sol­ches Miss­trau­en ent­ge­gen­brach­te, dass er ihn bat, ihm die Se­mi­nar­ar­beit zu über­ge­ben. Und nun fra­ge ich Pro­fes­sor Sto­ner, ob er die Be­rech­ti­gung die­ser An­schul­di­gun­gen ein­zeln oder in Gän­ze be­strei­ten will.“

Fast mit so et­was wie Be­wun­de­rung schüt­tel­te Sto­ner den Kopf. „Mein Gott“, sag­te er. „Wie das aus Ih­rem Mun­de klingt! Si­cher, al­les, was Sie sa­gen, ent­spricht den Tat­sa­chen, nur ist nichts da­von wahr. Je­den­falls nicht so, wie Sie es sa­gen.“

Lomax nick­te, als hät­te er die­se Antwort er­war­tet. „Ich bin be­reit, je­des Wort des­sen, was ich ge­sagt ha­be, zu be­le­gen. Soll­te es not­wen­dig sein, wä­re es wohl am ein­fachs­ten, die Teil­neh­mer des Se­mi­nars ein­zeln her­zu­be­stel­len und zu be­fra­gen.“

„Nein!“, stieß Sto­ner scharf her­vor. „Das ist ja wohl das Em­pö­rends­te, was Sie heu­te Nach­mit­tag ge­sagt ha­ben. Ich wer­de nicht zu­las­sen, dass die Stu­den­ten in die­sen Schla­mas­sel mit hin­ein­ge­zo­gen wer­den.“

„Es bleibt Ih­nen wohl nichts an­de­res üb­rig, Sto­ner“, sag­te Lomax lei­se. – Gor­don Finch blick­te Lomax an und frag­te ru­hig: „Wor­auf wol­len Sie hin­aus?“

Lomax igno­rier­te ihn. Er sag­te zu Sto­ner: „Mr Wal­ker hat er­klärt, dass er prin­zi­pi­ell zwar da­ge­gen sei, in die­sem Fall aber be­reit wä­re, Ih­nen die Se­mi­nar­ar­beit aus­zu­hän­di­gen, die Sie so sehr in den Schmutz Ih­res Zwei­fels ge­zo­gen ha­ben; au­ßer­dem ist er be­reit, sich je­dem Ur­teil zu fü­gen, das Sie und zwei wei­te­re qua­li­fi­zier­te Mit­glie­der des Fach­be­reichs dar­über fäl­len. Ver­gibt die Mehr­heit ein ,be­stan­den’, er­hält er auch ein ,be­stan­den’ für das Se­mi­nar, und ihm wird ge­stat­tet, im Dok­to­ran­den­stu­di­um zu blei­ben.“

Sto­ner schüt­tel­te den Kopf, schäm­te sich aber, Lomax an­zu­se­hen. „Sie wis­sen, dass ich das nicht tun kann.“

„Nun gut. Ich tue dies nur sehr un­gern, doch soll­ten Sie Ihr Vo­tum von ges­tern nicht än­dern, se­he ich mich ge­nö­tigt, for­mell Kla­ge ge­gen Sie zu er­he­ben.“

Gor­don Finch hob die Stim­me: „ Wo­zu se­hen Sie sich ge­nö­tigt?“

Ge­las­sen ant­wor­te­te Lomax: „Die Ver­fas­sung der Uni­ver­si­tät von Mis­sou­ri ge­stat­tet je­dem lehr­be­fug­ten Mit­glied des Fach­be­reichs, Kla­ge ge­gen ein an­de­res lehr­be­fug­tes Mit­glied des Fach­be­reichs zu er­he­ben, so­fern be­grün­de­ter Ver­dacht zu der An­nah­me be­steht, dass be­klag­tes Fach­be­reichs­mit­glied in­kom­pe­tent ist, un­ethisch han­delt oder sei­nen Pflich­ten nicht im Ein­klang mit den in Ar­ti­kel sechs, Ab­schnitt drei der Ver­fas­sung dar­ge­leg­ten ethi­schen Grund­sät­zen nach­kommt. Wort­laut der voll­stän­di­gen Kla­ge­er­he­bung so­wie un­ter­stüt­zen­des Be­weis­ma­te­ri­al wer­den dem ge­sam­ten Fach­be­reich vor­ge­legt, und am En­de des Ver­fah­rens wird die Fa­kul­tät der Kla­ge mit ei­ner Zwei­drit­tel­mehr­heit statt­ge­ben oder sie ab­wei­sen, soll­te die­se Mehr­heit nicht er­reicht wer­den.“

Gor­don Finch lehn­te sich mit of­fe­nem Mund auf sei­nem Stuhl zu­rück und schüt­tel­te un­gläu­big den Kopf. „Al­so wirk­lich“, sag­te er, „die Sa­che ge­rät au­ßer Rand und Band. Das kön­nen Sie doch nicht ernst mei­nen, Hol­lis.“

„Aber si­cher doch“, sag­te Lomax. „Dies ist ei­ne erns­te An­ge­le­gen­heit und ei­ne Fra­ge des Prin­zips; au­ßer­dem – au­ßer­dem wur­de mei­ne In­te­gri­tät in­fra­ge ge­stellt. Folg­lich ist es mein gu­tes Recht, Kla­ge zu er­he­ben, falls ich dies für an­ge­mes­sen hal­te.“

Finch sag­te: „Da­mit kom­men Sie doch nie­mals durch.“

„Den­noch ist es mein Recht, Kla­ge zu er­he­ben.“

Ei­nen Mo­ment lang starr­te Finch Lomax an, dann sag­te er lei­se und in bei­na­he lie­bens­wür­di­gem Ton: „Es wird zu kei­ner An­kla­ge kom­men. Ich weiß zwar nicht, wie die­se Sa­che aus­geht, und es küm­mert mich auch nicht be­son­ders, doch wird es zu kei­ner An­kla­ge kom­men. In we­ni­gen Au­gen­bli­cken ge­hen wir al­le durch die­se Tür da hin­aus und wer­den das meis­te des­sen ver­ges­sen, was heu­te hier an die­sem Nach­mit­tag ge­sagt wur­de. Zu­min­dest wer­den wir uns die­sen An­schein ge­ben, denn ich las­se nicht zu, dass der Fach­be­reich oder das Col­le­ge ins Cha­os ge­stürzt wird. Es wird kei­ne An­kla­ge ge­ben, denn“, füg­te er freund­lich hin­zu, „falls doch, kann ich Ih­nen ver­spre­chen, dass ich Him­mel und Höl­le in Be­we­gung set­zen wer­de, um Sie fer­tig­zu­ma­chen. Ich wer­de vor nichts zu­rück­schre­cken und je­des biss­chen Ein­fluss nut­zen, über den ich ver­fü­ge; ich wer­de not­falls lü­gen und Ih­nen ir­gend­was an­hän­gen, wenn es denn sein muss. Ich ge­he nun, um De­kan Ru­ther­ford Be­richt zu er­stat­ten und ihm zu sa­gen, dass es bei dem Vo­tum im Fall Mr Wal­ker bleibt. Soll­ten Sie die An­ge­le­gen­heit wei­ter ver­fol­gen wol­len, wen­den Sie sich da­mit an ihn, an den Prä­si­den­ten oder an Gott, aber die­ses Bü­ro ist da­mit fer­tig. Ich will nichts mehr da­von hö­ren.“

Bei Finchs Wor­ten setz­te Lomax ei­ne nach­denk­li­che, un­durch­dring­li­che Mie­ne auf, nick­te schein­bar gleich­gül­tig, so­bald Finch ge­en­det hat­te, er­hob sich aus sei­nem Ses­sel, hum­pel­te mit ei­nem kur­zen Blick auf Sto­ner durch das Zim­mer und ging nach drau­ßen. Ei­ni­ge Au­gen­bli­cke lang blie­ben Finch und Sto­ner stumm sit­zen, bis Finch schließ­lich sag­te: „Ich fra­ge mich, was da ist zwi­schen ihm und Wal­ker.“

Sto­ner schüt­tel­te den Kopf. „Nicht das, was du denkst“, sag­te er, „aber was es ist, weiß ich auch nicht. Und ich glau­be, ich will es gar nicht wis­sen.“

Zehn Ta­ge spä­ter er­nann­te man Hol­lis Lomax of­fi­zi­ell zum Lei­ter des Fach­be­reichs Eng­lisch, und noch ein­mal zwei Wo­chen spä­ter wur­den un­ter den Fach­be­reichs­mit­glie­dern die Se­mi­nar­plä­ne für das fol­gen­de Lehr­jahr ver­teilt. Sto­ner über­rasch­te es nicht son­der­lich, fest­stel­len zu müs­sen, dass ihm für bei­de Se­mes­ter drei Grund­kur­se und ein Ein­füh­rungs­kurs für Zweits­emes­ter zu­ge­teilt wor­den wa­ren; den Lek­tü­re­kurs ,Mit­tel­al­ter­li­che Li­te­ra­tur für hö­he­re Se­mes­ter’ so­wie sein Ober­se­mi­nar hat­te man aus dem Pro­gramm ge­nom­men. (Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.