Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG - © 2013 DTV, MÜN­CHEN

Wal­ker kehr­te nach den Som­mer­fe­ri­en so tri­um­phie­rend auf den Cam­pus zu­rück, als be­trä­te er ei­ne Are­na, und wenn er Sto­ner auf den Flu­ren von Jes­se Hall sah, neig­te er iro­nisch den Kopf und grins­te ma­li­zi­ös. Von Jim Hol­land er­fuhr Sto­ner, De­kan Ru­ther­ford ha­be ge­zö­gert, das Er­geb­nis der letzt­jäh­ri­gen Ab­stim­mung of­fi­zi­ell zu ma­chen, wes­halb man letzt­lich be­schloss, Wal­ker das er­neu­te Ab­le­gen der münd­li­chen Prü­fung zu ge­stat­ten, nur wur­den die Prü­fer dies­mal vom Fach­be­reichs­lei­ter be­stimmt.

Der Kampf war ver­lo­ren und Sto­ner be­reit, sei­ne Nie­der­la­ge ein­zu­ge­ste­hen, nur fand das Kämp­fen kein En­de. Be­geg­ne­te er Lo­max auf den Flu­ren, bei ei­nem Fa­kul­täts­tref­fen oder ei­ner Col­le­ge­ver­an­stal­tung, re­de­te er mit ihm, als wä­re nichts ge­sche­hen. Lo­max aber er­wi­der­te nicht ein­mal sei­nen Gruß, starr­te ei­sig vor sich hin oder wand­te den Blick ab, als woll­te er sa­gen, dass er sich nicht so leicht zu­frie­den­ge­be.

Im Spät­herbst ging Sto­ner ei­nes Ta­ges in Lo­max’ Bü­ro und blieb meh­re­re Mi­nu­ten vor sei­nem Schreib­tisch ste­hen, bis Lo­max wi­der­stre­bend zu ihm auf­sah, die Lip­pen zu­sam­men­ge­presst, der Blick ver­schlos­sen.

Als er merk­te, dass Lo­max den Mund nicht auf­ma­chen wür­de, be­gann Sto­ner sto­ckend zu spre­chen: „Hör mal, Hol­ly, es ist aus und vor­bei. Kön­nen wir die Sa­che nicht ein­fach ver­ges­sen?“Lo­max starr­te ihn un­ver­wandt an. Sto­ner fuhr fort: „Wir hat­ten ei­ne Mei­nungs­ver­schie­den­heit, aber das ist schließ­lich nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Wir wa­ren doch vor­her Freun- de, und ich wüss­te nicht . . .“

„Wir sind nie Freun­de ge­we­sen“, fiel ihm Lo­max ent­schie­den ins Wort.

„Na schön“, sag­te Sto­ner, „aber zu­min­dest sind wir mit­ein­an­der aus­ge­kom­men. Von mir aus kön­nen wir un­se­re Mei­nungs­ver­schie­den­heit ja auch bei­be­hal­ten, aber des­halb müs­sen wir sie uns doch um Got­tes wil­len nicht gleich der­art an­mer­ken las­sen. Selbst den Stu­den­ten fällt das auf.“

„Das soll­te es auch“, er­wi­der­te Lo­max ver­bit­tert, „schließ­lich wä­re ei­nem aus ih­rer Mit­te bei­na­he der wei­te­re Le­bens­weg ver­baut wor­den. Ein bril­lan­ter Stu­dent, des­sen ein­zi­ges Ver­schul­den sei­ne über­bor­den­de Fan­ta­sie war, sei­ne Be­geis­te­rung und ei­ne In­te­gri­tät, die ihn in ei­nen Kon­flikt mit sei­nem Pro­fes­sor brach­te, und – ja, das soll­te ich hin­zu­fü­gen – ein lei­di­ges kör­per­li­ches Ge­bre­chen, das in je­dem nor­ma­len Men­schen Mit­ge­fühl ge­weckt hät­te.“In sei­ner ge­sun­den Hand hielt Lo­max zit­ternd ei­nen Blei­stift, und fast mit Ent­set­zen be­griff Sto­ner, dass es Lo­max auf so schreck­li­che wie un­ab­än­der­li­che Wei­se ernst mein­te. „Nein“, fuhr Lo­max lei­den­schaft­lich fort, „das kann ich Ih­nen nicht ver­ge­ben.“

Sto­ner gab sich Mü­he, in nicht all­zu stei­fem Ton zu ant­wor­ten. „Es geht hier nicht um Ver­ge­bung, son­dern schlicht­weg dar­um, wie wir uns so zu­ein­an­der ver­hal­ten, dass es für die Stu­den­ten und die üb­ri­gen Fach­be­reichs­mit­glie­der nicht all­zu un­an­ge­nehm ist.“

„Ich will ganz of­fen zu Ih­nen sein, Sto­ner“, sag­te Lo­max. Er hat­te sei­nen Är­ger nun im Griff und klang ru­hig, bei­na­he sach­lich. „Ich den­ke nicht, dass Sie un­ter­rich­ten soll­ten, nie­mand soll­te das, des­sen Vor­ur­tei­le stär­ker als Be­ga­bung und Bil- dung sind. Hät­te ich die nö­ti­ge Macht, wür­de ich Sie ver­mut­lich feu­ern, aber die­se Macht ha­be ich nicht, wie wir bei­de wis­sen. Wir wer­den . . . Sie wer­den von Ih­rem An­stel­lungs­ver­trag ge­schützt. Da­mit muss ich mich ab­fin­den, aber des­we­gen muss ich mich nicht zum Heuch­ler ma­chen. Ich will mit Ih­nen nichts zu tun ha­ben. Nicht das Ge­rings­te. Und ich wer­de das al­ler Welt deut­lich zu ver­ste­hen ge­ben.“

Sto­ner blick­te ihn ei­ni­ge Au­gen­bli­cke un­ver­wandt an, dann schüt­tel­te er den Kopf. „Nun gut, Hol­ly“, er­wi­der­te er mü­de und wand­te sich ab.

„Ei­nen Mo­ment noch!“, rief Lo­max.

Sto­ner dreh­te sich um. Lo­max starr­te mit ro­tem Ge­sicht in ei­ni­ge Pa­pie­re auf sei­nem Tisch und schien mit sich zu kämp­fen. Sto­ner be­griff, dass er nicht je­man­den vor sich sah, der sich är­ger­te, son­dern je­man­den, der sich schäm­te.

„Wenn Sie mich in Zu­kunft in Fach­be­reichs­an­ge­le­gen­hei­ten se­hen wol­len“, sag­te Lo­max, „wer­den Sie sich von mei­ner Se­kre­tä­rin ei­nen Ter­min ge­ben las­sen.“Und ob­wohl Sto­ner ihn noch ei­ni­ge Au­gen­bli­cke an­sah, hob Lo­max nicht wie­der den Kopf. Ein kur­zes Zu­cken lief über sein Ge­sicht, dann ver­harr­te es reg­los. Sto­ner ging aus dem Bü­ro.

Über zwan­zig Jah­re lang soll­ten die bei­den Män­ner nicht mehr mit­ein­an­der re­den.

Spä­ter be­griff Sto­ner, wie un­ver­meid­lich es war, dass die Stu­den­ten et­was da­von be­merk­ten, denn selbst wenn er Lo­max über­re­det hät­te, den An­schein zu wah­ren, hät­te er sie auf lan­ge Sicht nicht da­vor be­wah­ren kön­nen, von ih­rem Kampf et­was mit­zu­be­kom­men.

Ei­ni­ge sei­ner frü­he­ren Stu­den­ten, selbst Stu­den­ten, die er ziem­lich gut ge­kannt hat­te, nick­ten ihm nun ver­le­gen zu und un­ter­hiel­ten sich bloß noch ver­stoh­len mit ihm. An­de­re ta­ten über Ge­bühr freund­lich und ga­ben sich be­son­de­re Mü­he, ihn an­zu­spre­chen oder sich mit ihm auf den Flu­ren zu zei­gen. Nur fehl­te das gu­te Ver­hält­nis, das er frü­her zu ih­nen ge­habt hat­te; er war nun je­mand, mit dem man aus be­son­de­rem Grund ge­se­hen oder auch nicht ge­se­hen wer­den woll­te.

Ihm wur­de be­wusst, dass sei­ne An­we­sen­heit Freun­de wie Fein­de ver­le­gen mach­te, wes­halb er sich mehr und mehr zu­rück­zog.

Lethar­gie be­gann ihn zu läh­men. Sei­ne Se­mi­na­re un­ter­rich­te­te er so gut er konn­te, doch ließ das ste­te Ei­ner­lei der vor­ge­schrie­be­nen Er­stund Zweits­emes­ter­kur­se je­de Be­geis­te­rung schwin­den, so­dass er sich am En­de des Ta­ges aus­ge­laugt und wie be­täubt fühl­te. Wenn es mög­lich war, füll­te er die Zeit zwi­schen den weit aus­ein­an­der­lie­gen­den Se­mi­na­ren mit Sprech­stun­den, ging mit den Stu­den­ten sorg­sam ih­re Ar­bei­ten durch und hielt sie so lan­ge auf, bis sie ru­he­los und un­ge­dul­dig wur­den.

Lang­sam kro­chen die Ta­ge da­hin. Er ver­such­te, mög­lichst oft bei sei­ner Frau und sei­nem Kind zu sein, doch in An­be­tracht sei­ner ei­gen­wil­li­gen Un­ter­richts­zei­ten konn­te er nur zu un­ge­wöhn­li­chen St­un­den kom­men, die meist nicht mit Ediths strik­ter Planung ver­ein­bar wa­ren; au­ßer­dem muss­te er fest­stel­len (was ihn kei­nes­wegs über­rasch­te), dass Edith sei­ne re­gel­mä­ßi­ge An­we­sen­heit der­art be­un­ru­hi­gend fand, dass sie ner­vös, stumm und ge­le­gent­lich so­gar kör­per­lich krank wur­de. Dar­über hin­aus konn­te er Gra­ce in der Zeit, die er zu Hau­se ver­brach­te, nur sel­ten se­hen. (Fort­set­zung folgt)

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