FRA­GE DES STILS

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - KULTUR -

Das sü­ßes­te Ba­by der Welt

Zwi­schen Deo­spray und Bo­dy­lo­tion tra­fen die zwei Frau­en im Dro­ge­rie­markt auf­ein­an­der. Ei­ne war mit Kin­der­wa­gen un­ter­wegs, die an­de­re oh­ne, die bei­den kann­ten ein­an­der aus Schul­zei­ten. Die Kin­der­lo­se hat­te die Be­kann­te noch nicht mit Kind er­lebt, beug­te sich al­so über den Wa­gen und schau­te sich das Kind an. „Wie süß“, sag­te sie re­flex­haft, die Mut­ter sag­te „Dan­ke­schön“und lä­chel­te ver­son­nen. Die We­ge der Frau­en trenn­ten sich wie­der, und die Kin­der­lo­se dach­te: Ei­gent­lich fand sie das Ba­by ehr­li­cher­wei­se nicht be­son­ders süß. Aber das kann man ja nicht sa­gen. Oder doch?

Un­ter er­wach­se­nen Men­schen ist es doch so: Lernt man den Freund ei­ner Freun­din ken­nen, kä­me man nie im Le­ben auf die Idee, ihr mit­zu­tei­len, wie schreck­lich un­an­sehn­lich man ih­ren Freund fin­det. Weil das nichts über das We­sen ih­res Freun­des aus­sagt, weil der Freund sich selbst und der Freun­din ge­fal­len muss und weil es über­dies schreck­lich un­höf­lich wä­re. Bei ei­nem Ba­by ist es ähn­lich – we­gen der Mut­ter- oder Va­ter­ge­füh­le nur um ein Viel­fa­ches po­ten­ziert. Wer sich über den Kin­der­wa­gen beugt und „Ach du Schan­de“sagt oder „Na ja, das wächst sich si­cher noch aus“, hat ver­mut­lich für lan­ge Zeit das letz­te Mal mit Kinds­mut­ter oder -va­ter ge­spro­chen. Zu Recht. Dass es BAR­BA­RA GRO­FE aber Ba­bys – wie auch Er­wach­se­ne – gibt, die man hüb­scher, sym­pa­thi­scher, an­spre­chen­der fin­det als an­de­re, ist völ­lig nor­mal. Wich­tig ist al­so nur der Um­gang da­mit.

In den Wa­gen zu schau­en und zu er­klä­ren, das sei nun aber wirk­lich das sü­ßes­te Ba­by der Welt, wenn man das Ge­gen­teil denkt, soll­te kei­ne Op­ti­on sein. Lü­gen muss aus­ge­schlos­sen sein. Aber vi­el­leicht hat das Ba­by ja ei­ne ganz nied­li­che Na­se, es ku­schelt sich be­zau­bernd in den Wa­gen oder sieht un­glaub­lich zu­frie­den aus. Das al­les und 1000 wei­te­re Din­ge könn­te der Ba­by­be­trach­ter sa­gen. Sich auf De­tails kon­zen­trie­ren, den Blick auf das len­ken, was er als po­si­tiv emp­fin­det und das dann for­mu­lie­ren.

Das Be­ru­hi­gen­de: El­tern fin­den so­wie­so, dass ihr Kind das schöns­te auf der gan­zen Welt ist. Viel an freund­li­cher Re­ak­ti­on braucht es al­so nicht. Aber et­was soll­te es schon sein. Ha­ben Sie ei­ne Stil­fra­ge? Schrei­ben Sie uns: stil­fra­ge@rheinische-post.de

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