SE­RIE GLADBACHER LESEBUCH (1) Mei­ne Hei­mat Dort­hau­sen

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON DO­RIS KOH­NEN

Gum­mit­wist und Hin­kel-Käst­chen. Kir­mes­fisch von Fisch-Eri­ka und Schnee­be­sen von Frau Ho­ven. Und in der Ga­ra­ge von Fa­mi­lie Ebus war die Not­kir­che. Au­to­rin Do­ris Koh­nen schreibt von Kind­heit und Ju­gend­zeit in Dort­hau­sen, ih­rer Hei­mat.

1968 wur­de ich als sechs­tes Kind un­se­rer Fa­mi­lie ge­bo­ren. Mit­ten in Dort­hau­sen. Die Fel­der des Bau­ern Dre­sen – da­mals war der Hof noch kein Reit­stall – er­streck­ten sich bis nach Kot­hau­sen, ich konn­te sie vom Fens­ter aus se­hen. Wie ger­ne ha­ben wir uns hin­ter dem Strom­häus­chen an der Feld­ein­fahrt zum Dre­sen­hof ver­steckt. Spie­len konn­ten wir hier sehr gut. Ga­ra­gen­hö­fe – be­son­ders bei Win­deln und Rie­ken – wur­den mit Völ­ker­ball und „Schwarz-weiß­rot, der klei­ne Mann ist tot“be­schallt. Auf den Stra­ßen mach­ten wir Gum­mit­wist und hüpf­ten über Hin­kel-Käst­chen. Be­mal­te Bür­ger­stei­ge und auch Spiel­lärm sorg­ten da­mals nicht für Är­ger.

Kar­ne­val stan­den wir Kin­der am Stra­ßen­rand und hiel­ten Luft­schlan­gen hoch, die Au­to­fah­rer mit ih­ren An­ten­nen dann mit­nah­men. Die Au­to­fah­rer hat­ten Spaß, ge­me­ckert wur­de nicht. Zu die­ser Zeit hat­te Dort­hau­sen den Kar­ne­vals­ver­ein „Lott Jonn“, und ger­ne zog man beim Kar­ne­vals­zug in Rhein­dah­len mit. Es gab noch „rich­ti­ge“Jah­res­zei­ten, und an den Kar­ne­vals­ta­gen lag häu­fig noch Schnee. Hein­rich Dre­sen kno­te­te un­se­re Schlit­ten ge­le­gent­lich zu­sam­men und zog uns mit dem Trak­tor durch die Stra­ßen. Auch die He­xen­kull – Spiel­platz in der Flachs­blei­che – war ein Tref­fen für wag­hal­si­ge Schlit­ten­tou­ren. Os­te­rei­er-Su­chen gab es wie heute an der Kir­che. Die Ak­ti­on war gut be­sucht, und wir wa­ren stolz über je­des ge­fun­de­ne Ei. Ein be­son­de­res Fest war für uns St. Mar­tin. Al­le Fens­ter wa­ren ge­schmückt, und man konn­te als Kin­der noch „al­lein“ von Tür zu Tür ge­hen. Da Sü­ßig­kei­ten echt noch et­was Be­son­de­res wa­ren, san­gen wir stun­den­lang. In der eng­li­schen Sied­lung Flachs­blei­che bei den En­g­län­dern be­ka­men wir so­gar Geld da­für. Ei­ni­ge nutz­ten das aus und san­gen dort mehr­mals im Jahr Mar­tins­lie­der.

Der Kir­mes­platz war am En­de der Flachs­blei­che (kurz vor dem heu­ti­gen Fan­haus). Er war groß. Kin­der­ka­rus­sell und ein Rau­pen-Fahr­ge­schäft, das sein Ver­deck schlie­ßen konn­te, wa­ren da­bei. Schieß­bu­denBe­sit­ze­rin Mar­tha Boecker und un­se­re Eri­ka Bon­garts-Han­sen – bei uns hieß sie nur Fisch-Eri­ka – wa­ren mit ih­ren Bu­den fes­ter Be­stand­teil. Es gab auch ein Fan­fa­ren­corps: fe­sche Jungs in Rei­ter-Uni­form. Für mich per­sön­lich war das ers­te gro­ße Kirme­s­er­leb­nis, als Pe­ter Wy­en 1975 Kö­nig war. Er wohn­te ei­ne Eta­ge über uns, und des­halb war mäch­tig was los im Haus. Mon­tags wur­den Bon­bons für die Kin­der ge­schmis­sen. Wir rann­ten los, be­vor man die Mu­sik hör­te, und wir wuss­ten, dass der Schüt­zen­zug kommt, denn die „Pief“von Prä­si­dent Fritz Wey­er­manns über­traf je­den Ge­ruch. Es war ein Rie­sen­fest für al­le.

Im Spar­markt Loith­mann (heute Bis­tro WT) ging ich sams­tags im Auf­trag mei­ner Mut­ter für ei­ne Mark Sup­pen­kno­chen kau­fen. Ale- xa Loith­mann (heute Cre­mer) gab ger­ne ei­ne Schin­ken­wurst oben­drauf. Für mich ein Grund, frei­wil­lig ein­kau­fen zu ge­hen. Auch gab es noch Fa­mi­lie Wil­helm. Frau Wil­helm war Avon-Be­ra­te­rin und hat­te ei­nen Haus­ki­osk: Bei ihr konn­ten wir sonn­tag­mit­tags klin­geln und ei­nen Li­ter Pa­cket-Eis kau­fen und da­zu für 50 Pfen­nig „Le­cker“– das war kein Pro­blem.

Auch gab es noch den Ge­trän­ke­shop Ruhl. Heute hängt noch sein Schild an der Haus­wand. Kleis­ter und Pat­tex wur­den bei Fa­mi­lie Ebus ge­kauft. Der klei­ne La­den war am Spiel­platz. Da gab es al­les, was man brauch­te, um sein Heim zu re­no­vie- ren. Auch war in de­ren Ga­ra­ge vor dem Bau der Kir­che die Not­kir­che. Und wer kennt nicht Frau Ho­ven (heute Com­pu­ter-Ho­ven)? Bei ihr gab es Haus­halts­wa­ren in Hül­le und Fül­le. Sie war ei­ne lie­bens­wer­te Frau, die mir je­des Jahr aufs Neue Schnee­be­sen, Kü­chen­wen­der und Ähn­li­ches für 80 Pfen­nig oder ei­ne Mark zu Mut­ter­tag ver­kauf­te. Da­zu ver­pack­te sie es al­les lie­be­voll. Mei­ne Mut­ter pro­fi­tiert noch heute von dem Vor­rat.

Gast­stät­ten gab es auch in Dort­hau­sen. Den „Hei­de­krug“in der Dah­le­ner Hei­de und na­tür­lich „Die „Nas“Win­kels „Zur St­eins­hüt­te“am Bolz­platz/Spiel­platz. Dort wur­den so man­che Fes­te ge­fei­ert und vie­le schö­ne St­un­den ver­bracht. Auch hat­te Dort­hau­sen ei­ne Frit­ten­bu­de, die Fut­ter­kis­te (heute Phy­sio-Pra­xis Andrea Kamp). Kin­der und Ju­gend­li­che kann­ten „Achim“und Horst Gohl­ke, von uns lie­be­voll „Fett­kopp“ge­nannt. Ei­ni­gen El­tern war die­se Bu­de et­was su­spekt.

Zu die­ser Zeit gab es auch Ka­plan Dah­men. Er war, wie heute un­se­re Schwes­ter Ste­fa­nie, ein sehr of­fe­ner Mensch. Er mach­te die ers­ten Bea­tMes­sen, und es gab im Kel­ler der Sa­kris­tei ei­ne Ju­gend­dis­co. Wir wa­ren freie, glück­li­che Kin­der, die in ei­ner tol­len Ge­mein­schaft auf­wach­sen durf­ten. Auch wenn wir we­nig hat­ten und die Nach­barn uns schon ein­mal an den Oh­ren nach Hau­se brach­ten, wenn wir Un­sinn ge­macht hat­ten, war es schön. Des­halb hän­gen wohl vie­le an Dort­hau­sen. Die klei­nen Lä­den und auch die Kir­che hat Dort­hau­sen ver­lo­ren. Ge­blie­ben sind der Charme des Or­tes und die Ge­mein­schaft.

Hei­mat ist da, wo ich ver­ste­he und wo ich ver­stan­den wer­de: Hei­mat ist für mich kein Ort, Hei­mat ist ein Ge­fühl.

Ka­plan Dah­men mach­te die ers­ten Beat-Mes­sen, und es gab im Kel­ler der Sa­kris­tei ei­ne

Ju­gend­dis­co

RP-FO­TO: ILGNER

Au­to­rin Do­ris Koh­nen vor der Dort­hau­se­ner Kir­che. Die 49-Jäh­ri­ge ist ver­hei­ra­tet, hat zwei Kin­der und zwei En­kel und wohnt im „Nie­mands­land“zwi­schen Hehn und Hardt. Sie ist er­wei­ter­tes Vor­stands­mit­glied der Chris­to­pho­rus-Schüt­zen­bru­der­schaft im Hei­mat­ver­ein Dort­hau­sen.

FO­TOS: KOH­NEN

Pa­ra­de des Schüt­zen­ver­eins am Sit­ter­hof – da­mals war er noch nicht asphal­tiert. Für Do­ris Koh­nen ein Er­leb­nis, das sie nicht ver­gisst.

Die klei­ne Do­ris mit Bru­der an Kar­ne­val mit­ten in Dort­hau­sen.

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