Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG - © 2013 DTV, MÜNCHEN

Er dach­te nicht oft über die Jah­re nach, noch be­dau­er­te er ihr Ver­strei­chen, doch wenn er sein Ge­sicht in ei­nem Spie­gel sah oder sich sei­nem Ab­bild in ei­ner der Glas­tü­ren nä­her­te, die ins Ge­bäu­de von Jes­se Hall führ­ten, dann re­gis­trier­te er mit ge­lin­dem Ent­set­zen, wel­che Ve­rän­de­run­gen mit ihm vor­ge­gan­gen wa­ren.

Zu An­fang des Früh­lings saß er ei­nes Nach­mit­tags al­lein in sei­nem Bü­ro, auf dem Tisch ein Sta­pel Erst­se­mes­ter­ar­bei­ten. Er hielt ei­nen Auf­satz in der Hand, las aber nicht, son­dern schau­te, wie so oft in letz­ter Zeit, aus dem Fens­ter auf je­nen Teil des Cam­pus, den er von sei­nem Bü­ro aus über­bli­cken konn­te. Es war ein strah­len­der Tag, und seit er hin­aus­sah, war der vom Ge­bäu­de ge­wor­fe­ne Schat­ten fast bis zum Fu­ße der fünf Säu­len vor­ge­rückt, die in macht­vol­ler, ein­sa­mer An­mut mit­ten auf dem recht­ecki­gen Platz stan­den. Was im Schat­ten lag, war von dunk­lem, bräun­li­chem Grau, der Win­ter­ra­sen jen­seits des Schat­ten­rands da­ge­gen hell­braun, über­la­gert von ei­nem schim­mern­den Film blas­ses­tem Grün. Und weiß leuch­te­te der Mar­mor vor dem Hin­ter­grund der kra­ke­li­gen schwar­zen Spu­ren der Wein­re­ben, die sich an den Säu­len em­por­rank­ten. Bald wür­de der Schat­ten über sie hin­weg­wan­dern, dach­te Sto­ner, die So­ckel wür­den sich ver­dun­keln, das Dun­kel dann em­por­krie­chen, lang­sam, aber im­mer schnel­ler, bis . . . Er merk­te, dass je­mand hin­ter ihm stand.

Er wand­te sich auf sei­nem Stuhl um, blick­te auf und sah Ka­the­ri­ne Dris­coll, die jun­ge Do­zen­tin, die letz­tes Jahr als Gast­hö­re­rin an sei­nem Se­mi­nar teil­ge­nom­men hat­te. Seit da­mals wa­ren sie sich ei­ni­ge Ma­le auf den Flu­ren be­geg­net und hat­ten ein­an­der zu­ge­nickt, aber kaum ein Wort ge­wech­selt. Va­ge war Sto­ner sich be­wusst, wie ihn die­ses Wie­der­se­hen är­ger­te, da er we­der an das Se­mi­nar noch an das, was es nach sich ge­zo­gen hat­te, er­in­nert wer­den woll­te. Er schob den Stuhl zu­rück und er­hob sich um­ständ­lich.

„Miss Dris­coll“, sag­te er tro­cken und deu­te­te auf den Stuhl vor sei­nem Tisch. Sie blick­te ihn kurz an mit ih­ren gro­ßen, dunk­len Au­gen; und er fand, ihr Ge­sicht wirk­te au­ßer­ge­wöhn­lich blass. Den Kopf leicht ein­zie­hend, wich sie vor ihm zu­rück und nahm auf dem Stuhl Platz, auf den er un­be­stimmt ge­deu­tet hat­te.

Sto­ner setz­te sich wie­der und be­trach­te­te sie ei­nen Mo­ment lang, oh­ne sie tat­säch­lich zu se­hen. Als ihm be­wusst wur­de, wie un­ge­ho­belt sein Ver­hal­ten wir­ken moch­te, ver­such­te er zu lä­cheln und mur­mel­te au­to­ma­tisch ir­gend­ei­ne un­sin­ni­ge Fra­ge nach ih­ren Se­mi­na­ren.

Ab­rupt be­gann sie zu re­den: „Sie . . . Sie ha­ben ein­mal ge­sagt, dass Sie be­reit wä­ren, sich mei­ne Dis­ser­ta­ti­on an­zu­se­hen, wenn ich et­was vor­zu­wei­sen hät­te.“

„Ja“, er­wi­der­te Sto­ner und nick­te. „Ich glau­be, das ha­be ich. Ge­wiss.“Im sel­ben Mo­ment be­merk­te er, dass sie auf ih­rem Schoß ei­ne Map­pe mit Pa­pie­ren um­klam­mert hielt.

„Na­tür­lich nur, wenn Sie nicht zu be­schäf­tigt sind“, brach­te sie zö­ger­lich vor. „Nein, bin ich nicht“, sag­te Sto­ner und ver­such­te, ein we­nig Be­geis­te­rung in sei­ner Stim­me mit­schwin­gen zu las­sen. „Ent­schul­di­gen Sie, ich woll­te nicht all­zu ab­wei­send klin­gen.“

Zö­ger­lich hielt sie ihm die Map­pe hin. Er griff da­nach und lä­chel­te. „Ich dach­te, Sie wä­ren schon ein biss­chen wei­ter“, sag­te er.

„War ich auch“, ant­wor­te­te sie. „Aber ich muss­te noch mal von vorn an­fan­gen, weil ich ei­ne neue Rich­tung ein­ge­schla­gen ha­be und . . . ich wä­re Ih­nen dank­bar, wenn Sie mir sa­gen könn­ten, was Sie da­von hal­ten.“

Wie­der lä­chel­te er und nick­te; er wuss­te nicht, was er sa­gen soll­te. Ver­le­gen blie­ben sie ei­ne Wei­le stumm.

Schließ­lich sag­te er: „Wann brau­chen Sie den Text zu­rück?“

Sie schüt­tel­te den Kopf. „Das ist nicht so wich­tig. Wann im­mer es Ih­nen passt.“

„Ich will Sie nicht zu lan­ge von der Ar­beit ab­hal­ten“, sag­te er. „Wie wä­re es mit kom­men­dem Frei­tag? Das soll­te mir aus­rei­chend Zeit las­sen. Ge­gen drei Uhr?“

So ab­rupt, wie sie sich ge­setzt hat­te, stand sie auch wie­der auf. „Vie­len Dank. Ich möch­te Ih­nen kei­nes­wegs zur Last fal­len. Noch­mals dan­ke.“Dann wand­te sie sich um und ver­ließ, schlank und er­ho­be­nen Haup­tes, sein Bü­ro.

Er hielt die Map­pe noch ei­ni­ge Au­gen­bli­cke in der Hand, starr­te sie an, leg­te sie wie­der auf den Tisch und mach­te sich er­neut an sei­ne Erst­se­mes­ter­ar­bei­ten.

Das war an ei­nem Di­ens­tag, und die nächs­ten zwei Ta­ge fass­te er das Ma­nu­skript nicht an. Aus Grün­den, die er selbst kaum ver­stand, brach­te er es nicht über sich, die Map­pe zu öff­nen und mit der Lek­tü­re zu be­gin­nen, auf die er sich noch we­ni­ge Mo­na­te zu­vor ge­freut hät­te. Miss­trau­isch be­äug­te er nun den Pa­pier­sta­pel, als wä­re er ein Feind, der ihn in ei­nen Krieg hin­ein­zie­hen woll­te, den er längst auf­ge­ge­ben hat­te.

Dann wur­de es Frei­tag, und er hat­te die Ar­beit im­mer noch nicht ge­le­sen. Vor­wurfs­voll lag sie am Morgen noch auf dem Tisch, als er sei­ne Bü­cher und Pa­pie­re für die Vor­le­sung um acht Uhr früh hol­te, und als er kurz nach neun zu­rück­kehr­te, be­schloss er, im Haupt­bü­ro ei­ne No­tiz in Miss Dris­colls Brief­fach zu le­gen und um ei­ne Wo­che Auf­schub zu bit­ten, über­leg­te sich dann aber, dass er vor sei­nem Se­mi­nar um elf Uhr noch ei­nen ra­schen Blick hin­ein­wer­fen wol­le, um ei­ni­ge nichts­sa­gen­de Be­mer­kun­gen ma­chen zu kön­nen, wenn Miss Dris­coll am Nach­mit­tag vor­bei­schau­te. Aber er brach­te es ein­fach nicht über sich, und kurz be­vor er zu sei­nem Se­mi­nar ging, dem letz­ten an die­sem Tag, schnapp­te er sich die Map­pe, stopf­te sie zwi­schen die üb­ri­gen Pa­pie­re und eil­te über den Cam­pus zu sei­nem Un­ter­richts­raum.

Das Se­mi­nar war um zwölf Uhr zu En­de, aber er wur­de noch von meh­re­ren Stu­den­ten auf­ge­hal­ten, die un­be­dingt mit ihm re­den woll­ten, wes­halb er sich erst nach eins frei­ma­chen konn­te. Mit grim­mi­ger Ent­schlos­sen­heit streb­te er schließ­lich der Bi­b­lio­thek zu, um sich ei­ne lee­re Le­se­ka­bi­ne zu su­chen und das Ma­nu­skript in der ver­blei­ben­den St­un­de we­nigs­tens kurz zu über­flie­gen, ehe er sich dann um drei Uhr mit Miss Dris­coll traf.

Selbst in der dämm­ri­gen, ver­trau­ten Ru­he der Bi­b­lio­thek je­doch, in der lee­ren Le­se­ka­bi­ne, die er ver­steckt zwi­schen den hin­te­ren Rei­hen der Re­ga­le ge­fun­den hat­te, fiel es ihm schwer, sich die Ar­beit an­zu­se­hen. Er schlug an­de­re Wer­ke auf und las wahl­los ei­ni­ge Ab­schnit­te, saß still da und at­me­te den von al­ten Bü­chern auf­stei­gen­den Mo­der­ge­ruch ein, um dann, als er es nicht län­ger auf­schie­ben konn­te, schließ­lich zu seuf­zen und ei­nen flüch­ti­gen Blick auf die ers­ten Sei­ten zu wer­fen. (Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.