Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

An­fangs streif­te er das, was er las, nur ner­vös mit dem äu­ße­ren Rand sei­nes Ver­stan­des, doch all­mäh­lich dräng­ten sich ihm die Wor­te auf. Er run­zel­te die Stirn, be­gann, sorg­sa­mer zu le­sen, war gleich dar­auf ge­fan­gen, kehr­te an den An­fang zu­rück und rich­te­te nun sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit auf die Sei­ten. Ja, sag­te er sich, na­tür­lich. Vie­les von dem, was in ih­rer Se­mi­nar­ar­beit er­wähnt wor­den war, tauch­te hier wie­der auf, doch um­ge­stellt, neu ge­ord­net, wes­halb es in Rich­tun­gen wies, die er selbst nur va­ge ge­ahnt hat­te. Mein Gott, sag­te er sich stau­nend, und die Fin­ger zit­ter­ten beim Um­blät­tern vor lau­ter Auf­re­gung.

Als er zur letz­ten Sei­te des Ma­nu­skripts kam, lehn­te er sich in glück­se­li­ger Er­schöp­fung zu­rück und starr­te vor sich hin auf die graue Be­ton­mau­er. Auch wenn ihm erst we­ni­ge Mi­nu­ten ver­stri­chen zu sein schie­nen, seit er zu le­sen be­gon­nen hat­te, warf er ei­nen Blick auf die Uhr. Es war fast halb fünf. Rasch sprang er auf, sam­mel­te das Ma­nu­skript ein, eil­te aus der Bi­b­lio­thek, und ob­wohl er wuss­te, dass es kei­ne Rol­le mehr spiel­te, rann­te er halb über den Cam­pus zum Ge­bäu­de von Jes­se Hall.

Als er auf dem Weg zu sei­nem Zim­mer an der of­fe­nen Tür des Haupt­bü­ros vor­bei­kam, hör­te er, wie je­mand sei­nen Na­men rief. Er blieb ste­hen, steck­te den Kopf durch die Tür, und die Se­kre­tä­rin – ei­ne jun­ge Frau, die Lo­max erst vor kur­zem ein­ge­stellt hat­te – sag­te vor­wurfs­voll, bei­na­he im­per­ti­nent: „Miss Dris­coll war um drei Uhr hier. Sie hat fast ei­ne St­un­de ge­war­tet.“

Er nick­te, dank­te ihr, ging ein we­nig lang­sa­mer zu sei­nem Bü­ro wei­ter und sag­te sich, dass es nun nicht mehr dar­auf an­kä­me, dass er ihr das Ma­nu­skript auch am Mon­tag ge­ben und sich bei ihr ent­schul­di­gen kön­ne. Doch die Auf­re­gung, die ihn nach der Lek­tü­re des Ma­nu­skripts ge­packt hat­te, woll­te sich nicht le­gen, so­dass er im Bü­ro ru­he­los auf und ab lief und nur ge­le­gent­lich ste­hen blieb, um mit dem Kopf zu ni­cken. Schließ­lich trat er ans Bü­cher­re­gal, such­te ei­nen Mo­ment und zog dann ei­nen schma­len Band mit ver­schmier­ten schwar­zen Druck­buch­sta­ben auf dem Um­schlag her­vor: Adress­ver­zeich­nis. Per­so­nal und Fa­kul­täts­mit­glie­der der Uni­ver­si­tät Mis­sou­ri. Er fand Ka­the­ri­ne Dris­colls Na­men; sie be­saß kein Te­le­fon. Er no­tier­te sich ih­re Adres­se, nahm das Ma­nu­skript vom Tisch und ver­ließ das Bü­ro.

Rich­tung Stadt lag et­wa drei Qu­er­stra­ßen vom Cam­pus ent­fernt ei­ne An­samm­lung gro­ßer, al­ter Häu­ser, die vor we­ni­gen Jah­ren in Woh­nun­gen auf­ge­teilt wor­den wa­ren, in de­nen Stu­den­ten äl­te­ren Se­mes­ters leb­ten, jün­ge­re Fach­be­reichs­mit­glie­der und Mit­ar­bei­ter der Uni­ver­si­tät, aber auch ei­ni­ge Stadt­be­woh­ner. Ka­the­ri­ne Dris­colls Haus stand ir­gend­wo mit­ten­drin, ein rie­si­ges drei­stö­cki­ges Ge­bäu­de aus grau­em St­ein mit ei­ner ver­blüf­fen­den Viel­zahl von Ein- und Aus­gän­gen, Türm­chen, Er­ker­fens­tern und Bal­ko­nen auf al­len Sei­ten. Sto­ner fand Ka­the­ri­ne Dris­colls Na­men schließ­lich auf ei­nem Brief­kas­ten an je­ner Haus­sei­te, vor der ei­ne kurze Be­ton­trep­pe zu ei­ner Sou­ter­rain­tür hin­ab­führ­te. Er zö­ger­te ei­nen Au­gen­blick, dann klopf­te er an.

Als ihm Ka­the­ri­ne Dris­coll auf­mach­te, hät­te er sie fast nicht er­kannt; sie hat­te ihr Haar hoch­ge­steckt und acht­los hin­ten im Na­cken zu­sam­men­ge­bun­den, so­dass ih­re klei­nen, ro­sig­wei­ßen Ohren her­vor­lug­ten; ei­ne Bril­le mit dunk­lem Ge­stell ließ die dunk­len Au­gen groß und ver­schreckt aus­se­hen; und sie trug ein Män­ner­hemd, am Hals of­fen, da­zu ei­ne dunk­le Ho­se, die sie noch schlan­ker und an­mu­ti­ger wir­ken ließ, als Sto­ner sie in Er­in­ne­rung hat­te.

„Tut . . . tut mir leid, dass ich nicht zu un­se­rer Ver­ab­re­dung ge­kom­men bin“, stam­mel­te Sto­ner ver­le­gen. Dann hielt er ihr die Map­pe hin. „Ich dach­te, Sie brau­chen die hier vi­el­leicht am Wo­che­n­en­de.“

Meh­re­re Se­kun­den lang sag­te sie nichts, schau­te ihn nur aus­drucks­los an und biss sich auf die Un­ter­lip­pe. Dann trat sie von der Tür zu­rück. „Wol­len Sie nicht her­ein­kom­men?“

Er folg­te ihr durch ei­nen sehr kur­zen, schma­len Gang in ein win­zi­ges, dämm­ri­ges Zim­mer mit ab­ge­häng­ter De­cke und ei­nem nied­ri­gen fran­zö­si­schen Bett, das als So­fa dien­te. Da­vor stan­den ein lan­ger Tisch, ein ein­zel­ner Pols­ter­ses­sel, ein klei­nes Schreib­pult mit Stuhl so­wie, an ei­ner Wand­sei­te, ein mit Bü­chern ge­füll­tes Re­gal. Pa­pie­re la­gen ver­streut auf Tisch und Bo­den; auf dem So­fa wa­ren meh­re­re of­fe­ne Bü­cher zu se­hen.

„Es ist sehr klein“, sag­te Ka­the­ri­ne Dris­coll und bück­te sich, um ei­nes der Bü­cher auf­zu­he­ben, „aber ich brau­che nicht viel Platz.“

Er setz­te sich in den Pols­ter­ses­sel ge­gen­über dem So­fa. Sie frag­te, ob er ei­nen Kaf­fee wol­le, und er sag­te, er trin­ke gern ei­ne Tas­se. Als sie in die ans Wohn­zim­mer gren­zen­de klei­ne Kü­che ging, ent­spann­te er sich, blick­te sich um und lausch­te auf die lei­sen Ge­räu­sche, die aus der Kü­che zu hö­ren wa­ren.

Sie ser­vier­te den Kaf­fee in zar­ten, wei­ßen Por­zel­lan­tas­sen auf ei­nem schwar­zen Lack­ta­blett, das sie auf dem Tisch vor dem So­fa ab­setz­te. Ei­ne Wei­le nipp­ten sie am Kaf­fee und un­ter­hiel­ten sich an­ge­strengt, bis Sto­ner auf den von ihm ge­le­se­nen Teil ih­rer Ar­beit zu spre­chen kam und ihn er­neut die schon in der Bi­b­lio­thek ge­spür­te Be­geis­te­rung pack­te; er beug­te sich vor und re­de­te auf­ge­regt auf sie ein.

Vie­le Mi­nu­ten lang konn­ten die bei­den selbst­ver­ges­sen mit­ein­an­der re­den, sich un­ter dem Tarn­man­tel ih­res The­mas ver­ste­cken. Ka­the­ri­ne Dris­coll saß mit blit­zen­den Au­gen auf dem So­fa­rand und kne­te­te ih­re schlan­ken Fin­ger über dem Couch­tisch. Wil­li­am Sto­ner zog sei­nen Ses­sel nä­her her­an und beug­te sich auf­merk­sam vor; er hät­te sie be­rüh­ren kön­nen, wenn er ei­ne Hand aus­ge­streckt hät­te, so na­he wa­ren sie sich jetzt.

Sie spra­chen über die Pro­ble­me, die von den Ka­pi­teln ih­rer Ar­beit auf­ge­wor­fen wur­den, dar­über, wo­hin ih­re Fra­ge­stel­lung füh­ren moch­te und wie wich­tig das The­ma war.

„Sie dür­fen nicht auf­ge­ben“, sag­te er, und sein Ton ver­riet ei­ne Dring­lich­keit, die er nicht ver­stand. „Wie schwer es Ih­nen manch­mal auch fal­len mag, Sie dür­fen kei­nes­falls auf­ge­ben. Die Ar­beit ist ein­fach zu gut, um nicht da­mit wei­ter­zu­ma­chen. Und sie ist wirk­lich gut, dar­an be­steht kein Zwei­fel.“

Sie blieb stumm, und ei­nen Mo­ment lang wich die Be­geis­te­rung aus ih­rem Ge­sicht. Dann lehn­te sie sich zu­rück, wand­te den Blick ab und sag­te wie in Ge­dan­ken: „Das Se­mi­nar – ei­ni­ges von dem, was Sie ge­sagt ha­ben, war sehr hilf­reich.“

Er lä­chel­te und schüt­tel­te den Kopf. „Sie hät­ten das Se­mi­nar nicht ge­braucht, aber ich bin froh, dass Sie kom­men konn­ten. Es war ein gu­tes Se­mi­nar, den­ke ich.“

(Fort­set­zung folgt)

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