ES­SAY

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - STIMME DES WESTENS -

Un­ser Smart­pho­ne will vor al­lem ei­nes: un­se­re stän­di­ge Auf­merk­sam­keit. Selbst­dis­zi­plin hilft da­ge­gen nur be­dingt. Es wird Zeit, dass Pro­gram­mie­rer und App-De­si­gner auf­hö­ren, uns süch­tig zu ma­chen.

son­dern auch uns. Har­ris’ Vor­schlä­ge wä­ren ein­fach um­zu­set­zen. So könn­te Face­book uns er­mög­li­chen, Zei­t­räu­me ein­zu­stel­len, zu de­nen wir nicht be­nach­rich­tigt wer­den wol­len. So wie wir im­mer­hin dem iPho­ne be­feh­len kön­nen, nicht zu stö­ren. Die Mail-Soft­ware könn­te nach dem zehn­ten E-MailCheck fra­gen, ob wir das elf­te Mal nicht ver­schie­ben wol­len. Der ge­öff­ne­te Tab mit Twit­ter könn­te sich nach ei­ner Vier­tel­stun­de schlie­ßen. Es sind Vor­schlä­ge, die wie beim Rau­chen den Kon­sum nicht ver­hin­dern, aber ver­rin­gern.

Doch das Ziel, den Nut­zen des Users über den Nut­zen des Un­ter­neh­mens zu stel­len, ist noch fern – nicht nur, weil es mit dem Ge­schäfts­mo­dell kol­li­diert, das dar­auf baut, Auf­merk­sam­keit zu ma­xi­mie­ren. Die Un­ter­neh­men im Si­li­con Val­ley sind be­kannt für ih­re li­ber­tä­re Hal­tung, die al­les dem In­di­vi­du­um zu­schiebt. Schon ei­ne Ver­ant­wor­tung an­zu­er­ken­nen, wä­re des­halb ein gro­ßer Schritt. Doch nicht nur die stän­di­gen Dis­kus­sio­nen zwi­schen Bun­des­re­gie­rung und Face­book zei­gen, wie schwer das ist. Auch der kri­ti­sche Tris­tan Har­ris ist da­von noch ge­prägt. Von staat­li­chen Maß­nah­men ge­gen die Han­dy-Sucht spricht er nicht, lie­ber ap­pel­liert er an die Eh­re der De­si­gner.

Doch war­um soll­ten sich Soft­ware­Ent­wick­ler nicht ge­nau­so an stren­ge Re­geln hal­ten müs­sen wie Le­bens­mit­tel­her­stel­ler? Dass Staa­ten ge­gen Tech­no­lo­gie-Gi­gan­ten tä­tig wer­den kön­nen, hat kürz­lich die Mil­li­ar­den-Stra­fe der EU ge­gen Goog­le ge­zeigt. Doch es reicht eben nicht, nur den Miss­brauch der wirt­schaft­li­chen Macht zu be­stra­fen. Man müss­te auch Schä­den auf­zei­gen, die die Apps ver­ur­sa­chen kön­nen. Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me zum Bei­spiel.

Dass sein frü­he­rer Ar­beit­ge­ber das The­ma Sucht auf dem Schirm hat, zeigt ei­ne Epi­so­de, von der Har­ris in ei­nem In­ter­view er­zähl­te. Weil die Goo­gleMit­ar­bei­ter Un­men­gen Scho­ko­nüs­se aßen, hol­te sie das Un­ter­neh­men aus der bun­ten, ver­lo­cken­den Ver­pa­ckung und füll­te sie in Ge­fä­ße, so dass sie nicht zu se­hen wa­ren. Er­geb­nis: Im New Yor­ker Bü­ro aß je­der Mit­ar­bei­ter in sie­ben Wo­chen neun Pa­ckun­gen we­ni­ger.

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