Na­tur aus drei Räu­men

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - RHEINISCHE LANDPARTIE - VON HEL­GA BITTNER (TEXT) UND JA­NA BAUCH (FO­TOS)

Im Mu­se­um In­sel Hom­broich gibt es ganz viel Kunst, aber auch drei ver­schie­de­ne Area­le, die der Gärt­ner der Stif­tung gern als Räu­me be­zeich­net: die Aue, ei­ne an­ge­leg­te Ter­ras­se und ein klas­si­scher Park.

NEUSS Seit 15 Jah­ren ist Burk­hard Damm der Land­schafts­ar­chi­tekt und -gärt­ner der Stif­tung In­sel Hom­broich. Und kann sich im­mer noch freu­en wie ein klei­nes Kind, wenn er in­mit­ten des Bo­den­de­cker­tep­pichs zar­te grü­ne Pf­länz­chen ent­deckt, die ein­mal Or­chi­de­en wer­den wol­len. „Vor zehn Jah­ren ha­be ich sie ge­pflanzt, nie war et­was von ih­nen zu se­hen, aber jetzt wach­sen sie!“, sagt er be­geis­tert und zeigt nach links und rechts: „Da, da und da – übe­r­all kom­men sie jetzt raus!“

Ei­gent­lich hat­te er die Or­chi­de­en schon auf­ge­ge­ben. Ab­ge­hakt wie so man­ches an­de­re, das ver­sucht, aber nichts ge­wor­den ist auf die­sem wun­der­schö­nen, 25 Hekt­ar gro­ßen Fleck an der Land­stra­ße 201, der be­kannt ist für sei­ne Kunst in den von Er­win Hee­rich er­bau­ten Pa­vil­lons. Der Düs­sel­dor­fer Karl-Hein­rich Mül­ler hat­te das Are­al in den 1980er Jah­ren ge­kauft, sei­ne hoch­ran­gi­ge Kunst­samm­lung ein­ge­bracht, Künst­ler wie Gott­hard Graub­ner um sich ver­sam­melt und vor 30 Jah­ren das „Mu­se­um In­sel Hom­broich“, wie es of­fi­zi­ell heißt, er­öff­net. Was der Rea­li­sie­rung ei­nes Le­benstraums gleich­kam und ihm im Tod ver­bun­den bleibt, denn Mül­ler wur­de 2007 auf „sei­ner“In­sel be­gra­ben.

Ein biss­chen Mül­ler wirkt im­mer noch fort. Burk­hard Damm wur­de von ihm noch ein­ge­stellt, und wenn der 46-Jäh­ri­ge er­zählt, dass die gärt­ne­ri­sche Ar­beit auf der In­sel Hom­broich auch ei­ne Fra­ge der Hal­tung ist („Man muss lie­ben, was man macht“und „Gärt­nern ist wil­lent­li­ches Un­ter­las­sen“), dann hat das viel mit Mül­lers Phi­lo­so­phie zu tun. Als die­ser die ver­wil­der­te Par­k­land­schaft rund um das 1816 er­rich­te­te Ro­sa Haus kauf­te, hat­te er nur die Idee von ei­nem ein­zig­ar­ti­gen „Kun­stund Kul­tur­raum“, den er 1994 um die ehe­ma­li­ge Na­toRa­ke­ten­sta­ti­on jen­seits der Land­stra­ße er­wei­ter­te. Er leg­te et­was an und blieb ge­las­sen: „Wenn es stark ge­nug ist, wird es sich ent­wi­ckeln“, war sein Cre­do. Ob mit ihm oder oh­ne ihn. Er woll­te ei­nen Ort schaf­fen, an dem der Mensch sich ganz auf Na­tur und Kunst ein­lässt, ab­seits von All­tag und mo­di­schen Trends. Oh­ne Vor­wis­sen, oh­ne Be­leh­rung. Schil­der gibt es nicht auf der Mu­se­ums­in­sel, we­der in der Kunst noch in der Na­tur.

Mül­ler ließ Künst­ler ma­chen, Gärt­ner gärt­nern. Auch Burk­hard Damm, der erst ler­nen muss­te, sei­ne Ide­en durch­zu­set­zen. Da­mals ha­der­te er mit der Bo­den­be­schaf­fen­heit. Die Gül­le von 20 Jah­ren steck­te noch drin, war ein idea­ler Nähr­bo­den für Brenn­nes­seln. „Heu­te sind die Wie­sen wirk­lich Wie­sen“, sagt er, „Brenn­nes­seln wach­sen nur noch da, wo sie sol­len.“Da­für re­cken jetzt Iris ih­re Köp­fe aus dem Gras, übe­r­all auf den Wild­wie­sen wach­sen sie und leuch­ten so blau, dass sie den Lu­pi­nen schon Kon­kur­renz ma­chen. Die mag Damm zwar we­ni­ger, weil sie den Bo­den zu sehr mit Stick­stoff an­rei­chern, aber: „Mül­ler moch­te sie so gern“, sagt er seuf­zend. Und er­gänzt: „Se­hen ja auch schön aus.“

Wäh­rend die Kunst in den Pa­vil­lons fast un­ver­rück­bar seit Jahr­zehn­ten am sel­ben Ort ver­harrt, ist in der Na­tur stän­dig Be­we­gung. „In fünf bis zehn Jah­ren wird es kei­ne Eschen mehr auf der In­sel ge­ben“, sagt Damm, denn das Eschen­triebst­er­ben set­ze den Bäu­men so zu, dass et­li­che schon ge­fällt wur­den, an­de­re in den nächs­ten Jah­ren ka­putt­ge­hen wer­den. Damm hat sie al­le kar­tiert, ent­schei­det aber erst, wenn es pas­siert ist. Denn der Gärt­ner sieht da­rin auch ei­ne Chan­ce. „Hin­ter je­der gärt­ne­ri­schen Hand­lung steckt ei­ne kon­zep­tio­nel­le Fra­ge“sagt er, „ist die neue Sicht­ach­se ein Ge­winn oder nicht?“Was et­wa da­zu ge­führt hat, dass er ge­fäll­te Eschen auf der Wie­se zwi­schen Ca­fe­te­ria und „Turm“nicht er­setz­te, weil der Blick auf das Hee­rich-Ge­bäu­de plötz­lich so schön frei war.

Dass der Sturm „Ela“vor rund drei Jah­ren et­li­che Bäu­me und Bü­sche zu Fall ge­bracht hat, ist heu­te kaum noch nach­zu­hal­ten. Da­für gibt es plötz­lich wun­der­schö­ne von der Son­ne be­schie­ne­ne Fle­cken, wo Zau­ber­nuss­ge­wäch­se sich aus­brei­ten, die Rod­ger­sia-Stau­den end­lich wach­sen kön­nen. Dann ist man schon mit­ten drin im Al­ten Park am Ro­sa Haus, ei­ner von drei „Räu­men“der In­sel, wie Damm sagt. Die Aue mit „Turm“, „Ho­her Galerie“, Ana­tols Ate­lier und Ca­fe­te­ria so­wie die Ter­ras­se mit Ta­de­usz-Pa­vil­lon, „Zwölf-Räu­me-Haus“und „Schne­cke“sind die bei­den an­de­ren. Und je­der Raum hat an­de­re gärt­ne­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen.

Die Keim­zel­le der In­sel Hom­broich aber ist der Al­te Park. Um­säumt von der Erft, mit his­to­ri­schen Be­pflan­zun­gen, de­nen man das Prin­zip des einst­mals An­ge­leg­ten noch an­sieht. Ver­wil­dert war das Are­al, als Mül­ler es kauf­te. Wenn jetzt Baum­stümp­fe aus dem Was­ser ra­gen oder von Bo­den­de­ckern über­zo­gen wer­den, hat das Sys­tem: „Das ist Na­tur, Ster­ben ge­hört da­zu“, sagt Burk­hard Damm. Au­ßer­dem bleibt man­cher Stamm ste­hen, weil er ein „Specht­baum“ist. „Wo sieht man die­sen Vo­gel denn sonst noch?“, fragt er. Rhe­to­risch. Über­haupt liegt über der gan­zen In­sel ein Ge­zwit­scher – das Mu­se­um muss ein wah­res Pa­ra­dies für Vo­gel­freun­de sein.

Mehr als 70.000 Be­su­cher ver­zeich­net die Hom­broich pro Jahr. Die meis­ten kom­men am Wo­che­n­en­de, an die 1000 bei gu­tem Wet­ter. Burk­hard Damm bleibt dann lie­ber zu Hau­se. „Ich wür­de mich nicht zu­rück­hal­ten kön­nen“, sagt er lä­chelnd, „den Men­schen zum Bei­spiel sa­gen, dass sie die We­ge nicht ver­las­sen sol­len, nur um ei­ne Gans aus der Nä­he zu fo­to­gra­fie­ren.“

Mu­se­um In­sel Hom­broich – das meint nicht nur die Kunst, son­dern auch die Na­tur, sagt der Va­ter von zwei Kin­dern und er­gänzt: „Wir sind kein Aben­teu­er­spiel­platz, auf Bäu­me klet­tern und Tie­re ja­gen geht gar nicht.“Er selbst mag die In­sel in Nie­der­rhein-Stim­mung: „An ei­nem nie­se­li­gen Re­gen­tag, wenn das Licht und die Stim­mung in den Pa­vil­lons be­son­ders sind.“

Ei­ne Frau blickt aus dem von Er­win Hee­rich er­bau­ten Ta­de­usz-Pa­vil­lon in den Land­schafts­gar­ten.

Wo einst kar­ge Acker­flä­chen die Land­schaft präg­ten, schuf der ers­te Land­schafts­ar­chi­tekt der Stif­tung, Bern­hard Kor­te, ei­ne ar­ka­di­sche Land­schaft.

Auch die­sen Turm hat Ar­chi­tekt Er­win Hee­rich er­baut. Das Ge­bäu­de ist nicht nur ein Raum, son­dern ei­ne be­geh­ba­re Skulp­tur.

Im La­by­rinth sind Kh­mer-Skulp­tu­ren mit „Far­b­raum­kör­pern“des Künst­lers Gott­hard Graub­ner kom­bi­niert.

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