Zwi­schen Wahn­sinn und Zärt­lich­keit

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON SO­PHIA FIRGAU

Drei Mit­glie­der der Thea­ter­grup­pe der Hoch­schu­le Nie­der­rhein prä­sen­tie­ren im Kul­tur­zen­trum BIS ihr selbst­ver­fass­tes Stück „We­der du noch sonst wer – oder wie ich lern­te, Fal­co zu lie­ben“. Das Pu­bli­kum dankt mit Ova­tio­nen.

Har­vey sitzt an sei­nem Schreib­tisch, blät­tert in ei­nem Lehr­buch für In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten, kratzt sich am Kopf und kal­ku­liert. Beim Be­tre­ten des Thea­ter­saals im BIS-Zen­trum sind die Be­su­cher gleich mit­ten­drin im Ge­sche­hen. Mit­ten­drin im All­tag des ei­gen­bröt­le­ri­schen, adrett ge­klei­de­ten Har­vey (Ja­cob Mat­thi­as), der Zah­len mehr liebt als Men­schen. „Man­che Men­schen sind ein­sam und mer­ken es nicht“– die­se Wor­te tau­chen plötz­lich als Schrift­zug auf Klei­dungs­stü­cken auf, die an ei­ner mo­bi­len Wä­sche-

Mot­to auf Klei­dungs­stü­cken lei­ne ins Büh­nen­bild rü­cken. Und kurz dar­auf hüpft die quir­li­ge Jean­ny (Mi­chel­le Bla­se) in Har­veys Le­ben – buch­stäb­lich, ein­ge­stie­gen durch ein ka­put­tes Fens­ter. Sie hängt sei­ne Wä­sche ab und be­schließt zu blei­ben. Wäh­rend sie sich gleich wie zu Hau­se fühlt, ist Har­vey über­for­dert. Ver­le­gen bie­tet er ihr ein Glas Was­ser an – und muss da­für erst ein­mal die Stif­te her­aus­neh­men. Auf Gäs­te ist er nicht ein­ge­stellt. Un­ter­schied­li­cher könn­ten die bei­den nicht sein: Wäh­rend Har­vey ver­zwei­felt ver­sucht, sich auf sei­ne Prü­fungs­vor­be­rei­tun­gen zu kon­zen­trie­ren, spielt Jean­ny mit ei- nem Flum­mi und ver­sucht ihn da­von zu über­zeu­gen, sein Le­ben nicht an Kal­ku­la­tio­nen zu ver­schwen­den.

„We­der du noch sonst wer – oder wie ich lern­te, Fal­co zu lie­ben“ist ein Stück über zwei von Grund auf ver­schie­de­ne Men­schen, die sich ge­gen­sei­tig in den Wahn­sinn trei- ben und ein­an­der zu­gleich im­mer mehr an­nä­hern. Schnel­le Dia­lo­ge, in­ten­si­ve tra­gi­ko­mi­sche Mo­men­te vol­ler Wut, Trau­er, Zärt­lich­keit und Witz. Mi­chel­le Bla­se und Ja­cob Mat­thi­as über­zeu­gen nicht nur durch ih­re schau­spie­le­ri­sche Leis­tung, son­dern auch durch die Tanz-, Ge­sangs- und Mu­sik­ein­la­gen. Die ver- schie­de­nen Sze­nen wech­seln sich ab mit Schat­ten­thea­ter, Mu­sik­stü­cken und dem ori­gi­nel­len Ein­satz der be­schrif­te­ten Klei­dungs­stü­cke an der Wä­sche­lei­ne: Sie fun­gie­ren als ei­ne Art all­wis­sen­der Er­zäh­ler und schaf­fen so ei­ne über­ge­ord­ne­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­ne. Die Ein­spie­lung ver­schie­de­ner Vi­de­os über das Paa­rungs­ver­hal­ten von Pin­gui­nen, Tief­see­fi­schen und Amei­sen ver­weist auf skur­ri­le Art auf die viel­fäl­ti­gen Aspek­te der Be­zie­hung von Har­vey und Jean­ny. Eben­so wie die im­mer wie­der vor­kom­men­den fik­ti­ven Mo­men­te – Sze­nen, die Träu­me, Sehn­süch­te und zeit­li­ches Zu­rück­spu­len wi­der­spie­geln.

Es ist ein mul­ti­me­dia­les Stück, selbst ge­schrie­ben und groß­ar­tig in­sze­niert von Leo­nie Hack­län­der. Und wer ist nun Fal­co? Das er­gibt sich erst auf den zwei­ten Blick: Als Jean­ny ein­wirft, dass sie vor Jah­ren in ei­nem Pop­song ge­stor­ben sei, ver­weist sie da­mit auf das gleich­na­mi­ge Lied des Mu­si­kers Fal­co. Die Fi­gu­ren von Jean­ny und Har­vey spu­ken Hack­län­der schon seit ih­rer Schul­zeit im Kopf her­um. Aber le­ben­dig ge­wor­den sind sie erst in den letz­ten Mo­na­ten.

Die drei Stu­die­ren­den der Kul­tur­päd­ago­gik und Mit­glie­der der Thea­ter­grup­pe der Hoch­schu­le Nie­der­rhein ha­ben sich zu­sam­men­ge­tan, um ein Zwei-Per­so­nen-Stück zu pro­du­zie­ren. „Ich hat­te Lust, in­ten­siv Thea­ter zu spie­len“, er­zählt Mi­chel­le Bla­se. Zu­erst re­cher­chier­ten sie nach vor­han­de­nen Stü­cken, aber rich­tig fün­dig wur­den sie nicht. Al­so be­schloss Leo­nie Hack­län­der, aus den Fi­gu­ren in ih­rem Kopf ein ei­ge­nes Thea­ter­stück zu ent­wi­ckeln.

Seit April pro­ben die drei dar­an: im Thea­ter­la­bor der Hoch­schu­le, zu Hau­se, im Park und schließ­lich auch im BIS. Dem Pu­bli­kum ge­fällt’s: Es gibt vie­le La­cher und Trä­nen und zum Ab­schluss to­sen­den Ap­plaus mit Stan­ding Ova­tions.

„Man­che Men­schen sind ein­sam und mer­ken es nicht“

RP-FO­TO: DET­LEF ILGNER

Kaum ist Jean­ny in Har­veys Woh­nung her­ein­ge­platzt, fühlt sie sich auch schon wie zu Hau­se: Mi­chel­le Bla­se in ei­ner Sze­ne der Ins­ze­nie­rung von Leo­nie Hack­län­der bei der Auf­füh­rung im BIS-Zen­trum.

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