IN­TER­VIEW KARL-JO­SEF LAU­MANN „Bes­se­re In­for­ma­ti­on statt Impf­pflicht“

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - WIRTSCHAFT -

Der NRW-Ge­sund­heits- und Ar­beits­mi­nis­ter im Ge­spräch über die Be­kämp­fung ge­fähr­li­cher, an­ste­cken­der Krank­hei­ten, den Ärz­te­man­gel auf dem Land und ei­nen zwei­ten Ar­beits­markt für Lang­zeit­ar­beits­lo­se.

Die Zahl der Ma­sern­fäl­le ist in NRW stark ge­stie­gen. Brau­chen wir ei­ne Impf­pflicht wie in Frank­reich? LAU­MANN Klar ist: Um die ge­fähr­li­che Krank­heit aus­zu­rot­ten, brau­chen wir ei­ne ho­he Impf­quo­te: Laut Ex­per­ten min­des­tens 95 Pro­zent. Ich kann da­her die­je­ni­gen sehr gut ver­ste­hen, die sa­gen: Wir brau­chen ei­ne Impf­pflicht. Al­ler­dings sind die recht­li­chen Hür­den hier­für in Deutsch­land hoch. Bis­lang wä­re ei­ne Impf­pflicht wohl nur im Seu­chen­fall mög­lich. Und wir müs­sen vor al­lem auf Auf­klä­rung set­zen. Ihr Ko­ali­ti­ons­part­ner, die FDP, hat auf dem Bun­des­par­tei­tag im Früh­jahr die For­de­rung nach ei­ner Impf­pflicht be­schlos­sen. LAU­MANN Bei ei­ner Impf­pflicht stellt sich auch die Fra­ge, in­wie­weit die­se mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist. Vor al­lem ist es jetzt erst­mal wich­tig, prak­ti­ka­ble Lö­sun­gen zu fin­den. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Grö­he hat mit der Mel­de­pflicht für Ki­tas schon mal ei­nen ganz wich­ti­gen Schritt ge­macht: Ki­tas müs­sen dem Ge­sund­heits­amt El­tern mel­den, die bei der Auf­nah­me ih­res Kin­des in der Ki­ta kei­ne Impf­be­ra­tung nach­wei­sen kön­nen. Ein drän­gen­des Pro­blem in NRW sind auch die feh­len­den Ärz­te auf dem Land. Wie wol­len Sie jun­ge Me­di­zi­ner auf das Land be­kom­men? LAU­MANN Nur rund zehn Pro­zent ei­nes Jahr­gangs von Me­di­zin­stu­den­ten wer­den tat­säch­lich All­ge­mein- me­di­zi­ner. Das reicht vor­ne und hin­ten nicht, und das wol­len wir än­dern. Ich bin der Mei­nung, dass je­de me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät in NRW ei­ne W3-Pro­fes­sur für All­ge­mein­me­di­zin ha­ben muss. Auch die Un­gleich­ver­tei­lung zwi­schen den Re­gio­nen muss sich än­dern: Bis­her stu­die­ren et­wa 70 Pro­zent der an­ge­hen­den Me­di­zi­ner im Rhein­land, nur rund 30 Pro­zent in West­fa­len – ob­wohl dort die Her­aus­for­de­rung des dro­hen­den Haus­ärz­te­man­gels be­son­ders groß ist. Und wir wol­len an­ge­hen­den Ärz­ten neue An­rei­ze bie­ten, sich in un­ter­ver­sorg­ten Re­gio­nen nie­der­zu­las­sen. Soll­te man nicht ein­fach den Nu­me­rus Clau­sus ab­schaf­fen, da­mit mehr jun­ge Men­schen Me­di­zin stu­die­ren? LAU­MANN Schon heu­te kön­nen bei der Ver­ga­be von Stu­di­en­plät­zen ne­ben der Abi­tur­no­te wei­te­re Kri­te­ri­en be­rück­sich­tigt wer­den. Wir wol­len hier noch wei­ter­ge­hen und bis zu zehn Pro­zent der Me­di­zin­stu­di­en­plät­ze an die­je­ni­gen ge­eig­ne­ten Be­wer­ber ver­ge­ben, die sich ver­pflich­ten, nach Ab­schluss des Stu­di­ums für bis zu zehn Jah­re als Haus­arzt in un­ter­ver­sorg­ten oder von Un­ter­ver­sor­gung be­droh­ten Re­gio­nen tä­tig zu sein. Auch dar­über wer­den die Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin und ich spre­chen. Wie groß ist das Haus­arzt-Pro­blem? LAU­MANN Im Be­reich der bei­den Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen in NRW sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel mehr nie­der­ge­las­se­ne Haus­ärz­te aus der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung aus­ge­schie­den als es neue Fach­arz­ta­n­er­ken­nun­gen als All­ge­mein­me­di­zi­ner ge­ge­ben hat. Das geht nicht. Auch die Bür­ger in den Dör­fern brau­chen ei­nen Haus­arzt in der Nä­he. Gro­ße Sor­gen ha­ben auch die Kran­ken­häu­ser, die un­ter ei­ner Mil­li­ar- den-schwe­ren In­ves­ti­ti­ons­lü­cke lei­den. Was wer­den Sie tun? LAU­MANN Das Land hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu we­nig in die Kli­ni­ken in­ves­tiert. Wir ha­ben im Ko­ali­ti­ons­ver­trag zu­ge­sagt, dass wir die In­ves­ti­ti­ons­kos­ten­för­de­rung er­hö­hen wer­den. Und zwar si­gni­fi­kant. Das muss aber zu­gleich zwin­gend mit Struk­tur­re­for­men ver­bun­den sein. Wie vie­le Kran­ken­häu­ser wol­len Sie schlie­ßen und wie vie­le Bet­ten ab­bau­en? LAU­MANN Es geht nicht um die Bet­ten­zahl. Kli­ni­ken wer­den nach Fäl­len und nicht nach Ver­weil­dau­er be­zahlt. Aber wir brau­chen end­lich ei­ne kon­se­quen­te Kran­ken­haus­pla­nung. Hier ist Jah­re lang nichts ge­sche­hen. Das wer­den wir uns jetzt gründ­lich an­schau­en. Erst dann kann man sa­gen, wo es wo­mög­lich Zu­sam­men­schlüs­se und Spe­zia­li­sie­run­gen ge­ben muss. Ha­ben wir in fünf Jah­ren we­ni­ger Ar­beits­lo­se als heu­te? LAU­MANN Se­ri­ös kann man das schon al­lei­ne des­halb nicht pro­gnos­ti­zie­ren, weil man nicht weiß, wie sich die all­ge­mei­ne Wirt­schafts­la­ge in Deutsch­land und der Welt ent­wi­ckelt. Auch die Ent­wick­lung der Flücht­lings­zah­len spielt na­tür­lich ei­ne Rol­le. Aber selbst­ver­ständ­lich ist das un­ser Ziel. Ganz klar. Rot-Grün woll­te ei­nen zwei­ten Ar­beits­markt für Lang­zeit­ar­beits­lo­se, al­so ABM-Stel­len. Was wol­len Sie? LAU­MANN Ich glau­be an den ers­ten Ar­beits­markt. Es ist bes­ser, Lang­zeit­ar­beits­lo­se ge­zielt für Stel­len im ers­ten Ar­beits­markt zu qua­li­fi­zie­ren, als ei­nen künst­li­chen Ar­beits­markt auf Staats­kos­ten zu schaf­fen. Wenn ein Lang­zeit­ar­beits­lo­ser nur des­halb nicht als Lkw-Fah­rer ein­ge­stellt wird, weil er das Geld für den Füh­rer­schein nicht be­zah­len kann, müs­sen wir hel­fen, da­mit er den Füh­rer­schein ma­chen kann. Aber auch der ers­te Ar­beits­markt un­ter­liegt Schwan­kun­gen. LAU­MANN Ja. Da gibt es auch viel zu tun. Wir müs­sen die Un­ter­neh­men und die Ar­beit­neh­mer bes­ser auf die nächs­te Stu­fe der Di­gi­ta­li­sie­rung vor­be­rei­ten. Mit­ar­bei­ter, die das nicht ler­nen, wer­den ih­re Jobs ver­lie­ren. Des­halb wer­den wir den Bil­dungs­scheck NRW stark dar­auf aus­rich­ten und vor al­lem auch die klei­nen und mit­tel­gro­ßen Un­ter­neh­men bei der Wei­ter­bil­dung ih­rer Mit­ar­bei­ter un­ter­stüt­zen. In wel­cher Hö­he, wer­den die Haus­halts­be­ra­tun­gen er­ge­ben. War­um wol­len Sie die Hin­zu­ver­dienst­gren­zen für Hartz-IV-Emp­fän­ger an­he­ben? LAU­MANN Je mehr sich Lang­zeit­ar­beits­lo­se auf dem ers­ten Ar­beits­markt in­te­grie­ren kön­nen, des­to bes­ser. Da­durch ent­ste­hen Kle­beEf­fek­te. Durch den täg­li­chen Um­gang mit re­gel­be­schäf­tig­ten Kol­le­gen wächst die Wahr­schein­lich­keit, dass ein Hartz-IV-Emp­fän­ger auf dem ers­ten Ar­beits­markt dau­er­haft ei­ne neue Chan­ce be­kommt. ANTJE HÖNING UND THO­MAS REISENER FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

FO­TO: DPA

Karl-Jo­sef Lau­mann (seit knapp ei­ner Wo­che 60) ist be­reits zum zwei­ten Mal Mi­nis­ter für Ar­beit, Ge­sund­heit und So­zia­les in NRW. Schon in der Re­gie­rung von Jür­gen Rütt­gers (2005 bis 2010) führ­te er das Res­sort.

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