Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Er be­griff, dass er nie zu­vor den Kör­per ei­nes an­de­ren Men­schen ken­nen­ge­lernt hat­te, und er be­griff gleich­falls, dass dies der Grund war, war­um er den Cha­rak­ter sei­nes Ge­gen­übers stets ir­gend­wie von dem Kör­per ge­trennt hat­te, der die­sen Cha­rak­ter be­her­berg­te. Und end­lich be­griff er auch mit un­um­stöß­li­cher Ge­wiss­heit, dass er nie zu­vor mit ei­nem an­de­ren Men­schen wirk­lich in­tim, oh­ne Scheu und vol­ler Hin­ga­be ver­traut ge­we­sen war.

Wie al­le Lie­bes­paa­re re­de­ten sie viel über sich selbst, als könn­ten sie so die Welt bes­ser ver­ste­hen, die sie mög­lich ge­macht hat­te.

„Mein Gott, was ha­be ich dich be­gehrt“, sag­te Ka­the­ri­ne ein­mal. „Wie oft ha­be ich dich vor dem Se­mi­nar ste­hen se­hen, so groß, lie­bens­wert und lin­kisch, und was ha­be ich mich nach dir ver­zehrt. Das hast du nicht ge­wusst, stimmt’s?“„Nein“, sag­te Wil­li­am. „Ich ha­be dich für ei­ne sehr an­stän­di­ge jun­ge Da­me ge­hal­ten.“

Sie lach­te ent­zückt. „An­stän­dig?“Ein we­nig nüch­ter­ner be­gann sie, ge­dan­ken­ver­lo­ren zu lä­cheln. „Ich schät­ze, da­für ha­be ich mich auch ge­hal­ten. Ach, wie an­stän­dig fin­den wir uns doch, wenn wir kei­nen An­lass ha­ben, un­an­stän­dig zu sein! Man muss schon ver­liebt sein, wenn man sich selbst ken­nen­ler­nen will. Mit dir füh­le ich mich manch­mal wie ei­ne lie­der­li­che Schlam­pe, wie ei­ne un­er­sätt­li­che, treue Schlam­pe. Fin­dest du das an­stän­dig?“

„Nein“, sag­te Wil­li­am, lä­chel­te und streck­te die Hand nach ihr aus. „Komm her.“Wie Wil­li­am er­fuhr, hat­te sie frü­her be­reits ein­mal ei­nen Lieb­ha­ber ge­habt. Das war wäh­rend ih­res letz­ten Se­mes­ters auf dem Col­le­ge ge­we­sen, und es hat­te mit Trä- nen, Vor­wür­fen und Ent­täu­schun­gen ge­en­det.

„Die meis­ten Af­fä­ren en­den nicht gut“, sag­te sie, und ei­nen Mo­ment lang wa­ren sie bei­de ernst.

Ent­setzt merk­te Wil­li­am, wie sehr es ihn scho­ckier­te, dass sie vor ihm schon ei­nen Lieb­ha­ber ge­habt hat­te; und ihm ging auf, dass er über­zeugt ge­we­sen war, sie hät­ten bei­de ei­gent­lich gar nicht exis­tiert, ehe sie zu­sam­men­ka­men.

„Er war ein schüch­ter­ner Jun­ge“, sag­te sie. „Dir in man­cher Hin­sicht ähn­lich, den­ke ich, nur war er ver­bit­tert und ver­ängs­tigt. Ge­wöhn­lich war­te­te er am En­de des Gangs zum Wohn­heim auf mich, un­ter ei­nem gro­ßen Baum, da er zu schüch­tern war, nä­her dort­hin zu ge­hen, wo sich so vie­le Men­schen auf­hiel­ten. Oft sind wir dann ki­lo­me­ter­weit ge­wan­dert, über Land, wo kaum Ge­fahr be­stand, dass man uns sah. Da­bei wa­ren wir nie rich­tig . . . zu­sam­men. Auch nicht, wenn wir mit­ein­an­der ge­schla­fen ha­ben.“

Sto­ner mein­te die­se sche­men­haf­te Gestalt bei­na­he se­hen zu kön­nen, die kein Ge­sicht und kei­nen Na­men hat­te; der Schock wur­de zu Kum­mer, und er emp­fand groß­her­zi­ges Mit­leid für je­nen un­be­kann­ten Jun­gen, der aus ob­sku­rer Ver­bit­te­rung von sich ge­sto­ßen hat­te, was Sto­ner nun be­saß. Im schläf­ri­gen Däm­mer, der auf ihr Lie­bes­spiel folg­te, wähn­te er sich manch­mal in ei­nem lau­en, sanf­ten Wech­sel­bad von Ge­fühl und trä­gem Den­ken zu lie­gen, wor­in er kaum wuss­te, ob er laut sprach oder nur die Wor­te er­kann­te, zu de­nen sich Ge­fühl und Ge­dan­ke lang­sam form­ten.

Er träum­te von Voll­kom­me­nem, von Wel­ten, in de­nen sie im­mer zu­sam­men­blei­ben konn­ten, und halb glaub­te er an die Mög­lich­keit des Ge­träum­ten. „Wie“, sag­te er, „wä­re es, wenn“, um dann ei­ne Phan­ta­sie­welt zu schaf­fen, die kaum schö­ner als je­ne war, in der sie leb­ten. Un­aus­ge­spro­chen galt für sie bei­de, dass die mög­li­chen Wel­ten, die sie sich aus­mal­ten, Lie­bes­be­wei­se und ei­ne Fei­er ih­res jet­zi­gen Da­seins wa­ren.

Das Le­ben, das sie zu­sam­men führ­ten, hat­te sich kei­ner von ih­nen aus­ge­malt. Sie stei­ger­ten sich von Lei­den­schaft zu Lust zu ei­ner tie­fen Sinn­lich­keit, die sich von Au­gen­blick zu Au­gen­blick er­neu­er­te.

„Lust und Ler­nen“, sag­te Ka­the­ri­ne ein­mal. „Mehr gibt es doch ei­gent­lich nicht, oder?“

Und Sto­ner fand, sie ha­be ab­so­lut recht, ge­hör­te dies doch zu dem, was er ge­lernt hat­te.

Denn ihr ge­mein­sa­mes Le­ben in je­nem Som­mer war nicht al­lein Lie­bes­spiel und Ge­spräch. Sie lern­ten zu­dem, wort­los zu­sam­men zu sein, und ent­wi­ckel­ten Ri­tua­le der Ru­he; Sto­ner brach­te Bü­cher mit in Ka­the­ri­nes Woh­nung und ließ sie dort, bis sie da­für schließ­lich ein wei­te­res Re­gal bau­en muss­ten. Au­ßer­dem merk­te er, dass er sich in den ge­mein­sam ver­brach­ten Ta­gen wie­der je­nen Stu­di­en zu­wand­te, die er schon fast auf­ge­ge­ben hat­te, wäh­rend Ka­the­ri­ne fort­fuhr, an ih­rer Dok­tor­ar­beit zu schrei­ben. Oft saß sie stun­den­lang am win­zi­gen Wand­tisch, hoch­kon­zen­triert über Bü­cher und Pa­pie­re ge­beugt, und ihr schlan­ker, hel­ler Hals rag­te aus dem dun­kel­blau­en Mor­gen­man­tel, den sie ge­wöhn­lich trug. Sto­ner rekel­te sich un­ter­des­sen ähn­lich kon­zen­triert auf dem Ses­sel oder lag auf dem Bett.

Manch­mal ho­ben sie den Blick aus ih­ren Bü­chern, lä­chel­ten ein­an­der an und wand­ten sich dann wie­der ih­rer Lek­tü­re zu; manch­mal sah Sto­ner auch von sei­nen Pa­pie­ren auf und ließ den Blick auf Ka­the­ri­nes wohl­ge­form­tem Rü­cken ru­hen oder über den schlan­ken Hals wan­dern, auf dem stets ei­ne Haar­sträh­ne lag. Lang­sam und leicht­hin über­kam ihn dann ein Ver­lan­gen wie ei­ne tie­fe Ru­he, und er stand auf, stell­te sich hin­ter sie und ließ die Ar­me leicht auf ih­re Schul­tern sin­ken. Sie reck­te sich, lehn­te den Kopf an sei­ne Brust, und sei­ne Hän­de grif­fen in den lo­cke­ren Mor­gen­man­tel, um sanft ih­re Brüs­te zu strei­cheln. Dann lieb­ten sie sich, la­gen ei­ne Wei­le still und mach­ten sich schließ­lich wie­der an ih­re Stu­di­en, als wä­ren Lie­be und Ler­nen ein und das­sel­be.

Dies zähl­te zu den in je­nem Som­mer ken­nen­ge­lern­ten Ei­gen­tüm­lich­kei­ten des­sen, was sie ,vor­ge­fass­te Mei­nung’ nann­ten. Sie wa­ren mit der ih­nen auf die ei­ne oder an­de­re Wei­se bei­ge­brach­ten Über­zeu­gung auf­ge­wach­sen, dass die Welt des Geis­tes und der Sinn­lich­keit von­ein­an­der ge­trennt, ja, dass sie gar feind­se­lig zu­ein­an­der stan­den, und oh­ne je recht dar­über nach­zu­den­ken, hat­ten sie ge­glaubt, man kön­ne sich für die ei­ne nur auf Kos­ten der an­de­ren ent­schei­den. Da­bei war ih­nen nie der Ge­dan­ke ge­kom­men, dass die bei­den sich ge­gen­sei­tig be­fruch­ten könn­ten; und weil in ih­rem Fall die Er­fah­rung der Ein­sicht vor­aus­ging, glaub­ten sie, die­se Ent­de­ckung ge­hö­re ih­nen al­lein. Sie be­gan­nen, sol­che Ei­gen­tüm­lich­kei­ten der ,vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen’ zu sam­meln und wie Schät­ze zu be­wah­ren, hal­fen sie ih­nen doch nicht nur, sich von je­ner Welt zu iso­lie­ren, die ih­nen die­se vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen na­he­leg­te, son­dern auch, sich auf stil­le, doch tie­fe Wei­se an­ein­an­der zu bin­den.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.