Po­ny Prinz, dat Eis­männ­ke und Kuh­mist

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON HANS ON­KEL­BACH

Weißt Du noch? Un­se­re Au­to­ren vom Nie­der­rhein er­in­nern sich an ih­re Ju­gend­jah­re. Hans On­kel­bach ver­brach­te sei­ne ers­ten zehn Le­bens­jah­re im his­to­ri­schen Lied­berg zwi­schen Haag und Müh­len­turm – und das ist sei­ne Ge­schich­te.

LIED­BERG Das Po­ny hieß Prinz. Und sei­ne Ei­gen­tü­me­rin Cil­li. Re­gel­mä­ßig ka­men die bei­den zum Lied­ber­ger Markt­platz, hoch ins Dorf – das Pferd­chen, braun mit wei­ßer Mäh­ne, zog den Kar­ren, auf dem hin­ten ein stäh­ler­ner Milch­tank stand. Cil­li saß vor­ne auf dem Bock. Je­den­falls bis zum un­te­ren En­de der Schloss­stra­ße, dort, wo sie in die Chaus­see zwi­schen Neuss und Mön­chen­glad­bach mün­de­te und es berg­auf Rich­tung Schloss ging. Dort stieg sie ab und schlen­der­te, den Zü­gel in der Hand, ne­ben dem Wa­gen her. Denn Lied­berg liegt auf ei­ner Kup­pe in der sonst plat­ten Land­schaft. Wa­ren wir Jungs in der Nä­he, rann­ten wir hin und scho­ben. Wir moch­ten Prinz, und wir woll­ten ihm hel­fen bei sei­nem schwe­ren Job.

Die Milch wur­de aus dem Tank in Kan­nen ge­zapft, die die Frau­en und Kin­der mit­brach­ten, wenn Cil­li mit ih­rer Glo­cke ihr Kom­men ver­kün­det hat­te. Kann sein, dass sie noch ir­gend­was rief. Kühl­ket­te? Das Wort lern­te ich erst vie­le Jah­re spä­ter. An­ders „dat Eis­männ­ke“. Es hup­te. Denn der Mann fuhr ei­nen win­zi­gen NSU Prinz in Stahl­blau. Wir lieb­ten ihn: in wei­ßer Ja­cke mit wei­ßer Müt­ze saß er im Au­to, ne­ben sich – statt Bei­fah­rer­sitz – zwei klei­ne Fäs­ser mit Eis­creme. Ein Gro­schen war der Preis für ein vol­les Hörn­chen – die pu­re Won­ne. Die Kind­heit auf dem Dorf. Wir zo­gen 1963 fort, da war ich zehn. Die Jah­re bis da­hin wa­ren schlicht schön, aus heu­ti­ger Sicht wür­de man sa­gen – sorg­los.

Was na­tür­lich nicht stimmt. Es gab reich­lich Är­ger. Vor al­lem mit der Lei­te­rin der dörf­li­chen Volks­schu­le. Ge­fürch­tet und ver­hasst war sie, wohl auch re­spek­tiert. Zu­sam­men mit dem Pas­tor der Kir­che St. Ge­org, der uns in Re­li­gi­on un­ter­rich­te­te, woll­te sie ver­mut­lich gu­te Ka­tho­li­ken aus uns ma­chen. Die Me­tho­den der bei­den wür­den heu­te als Kin­des­miss­hand­lung straf­recht­lich ge­ahn­det wer­den . . .

Und sonst? Un­fass­bar viel Frei­heit. Nach der Schu­le, in den den Fe­ri­en war der na­he Wald (ge­nannt „dä Haag“) un­ser Spiel­platz. Auf Bäu­me klet­tern, Bu­den bau­en, mit St­ein­schleu­dern auf lee­re Fla­schen schie­ßen – bis zur Dun­kel­heit wa­ren wir, ei­ne Ban­de von rund ei­nem Dut­zend Jungs, dort oh­ne je­de Auf­sicht un­ter­wegs. Hat­ten wir Hun­ger, pflück­ten wir Brom­bee­ren oder klau­ten Äp­fel aus den zahl­rei­chen Obst­gär­ten. Wur­den wir er­wischt, gab’s bis­wei­len Prü­gel und im­mer wil­des Be­schimp­fen. Ein­mal warf ein zor­ni­ger Bau­er mich in ei­nen Busch von Brenn­nes­seln. Ich hab’s da­heim nicht mal er­zählt. Hät­te eh kei­nen in­ter­es­siert. Die Win­ter wa­ren vor al­lem eins: kalt! Im­mer lag Schnee (je­den­falls in der Er­in­ne­rung) und mit dem Schlit­ten fuh­ren wir die ge­sam­te Schloss­stra­ße hin­ab oder im Haag in die al­te Sand­kuh­le.

Dorf­le­ben – für uns nor­mal: Kü­he wur­den über die Stra­ßen ge­trie­ben und was sie ach­tern fal­len lie­ßen, hat mich im­mer an Spi­nat er­in­ner­te (den ich hass­te). Es trock­ne­te in der Son­ne, kein Mensch kam auf die Idee, es weg zu ma­chen. Der größ­te Land­wirt am Ort hat­te ei­nen Knecht nur fürs Vieh – wir nann­ten ihn „Schwei­zer“. Kei­ne Ah­nung mehr, war­um. Er kann­te je­de Kuh mit Na­men, und manch­mal schenk­te er uns klei­ne Ei­mer aus Blech mit Res­ten von Melk­fett – den Ge­ruch hab ich heu­te noch in der Na­se. Nach der Ern­te gab es rie­si­ge Stop­pel­fel­der, bis in den Herbst la­gen sie brach und wa­ren ide­al, um Pa­pier­dra­chen (na­tür­lich selbst ge­bas­telt, aus Zei­tungs­pa­pier) stei­gen zu las­sen. Vom Müh­len­turm fie­len manch­mal Doh­len aus dem Nest. Wir sam­mel­ten sie ein, päp­pel­ten sie auf – und die klu­gen Vö­gel wur­den sehr zahm. Ganz sel­ten durf­ten wir ins größ­ten­teils leer­ste­hen­de und ver­fal­le­ne Schloss Lied­berg. Der Ver­wal­ter, der dort mit sei­ner Frau leb­te, ließ uns bis in den Turm klet­tern, und wir staun­ten über die Aus­sicht weit ins Land.

Die Trak­to­ren hieß John Dee­re und Lanz Bull­dog. Wir kann­ten sie al­le, und häu­fig ließ man uns mit­fah­ren, um auf den Fel­dern zu hel­fen. Bis­wei­len sa­ßen wir hin­ten auf dem Jau­che­fass. War es of­fen und es ging durch ein Schlag­loch, schwapp­te die Brü­he raus und da­nach war abends ein Voll­bad fäl­lig. Das gab es sonst nur je­den Sams­tag in der gro­ßen Zink­bütt mit auf dem Koh­le­herd er­wärm­ten Was­ser – nach­dem Va­ter und Mut­ter ge­ba­det hat­ten, wa­ren wir Kin­der dran. Al­le im sel­ben Was­ser . . .

Zu­hau­se: Das war die Groß­fa­mi­lie. Die El­tern ar­bei­te­ten tags­über, und für un­se­ren Teil des Hau­ses hat­te ich da­her ei­nen Schlüs­sel am Band um den Hals. Aber die Oma ne­ben­an war im­mer da – sanft, vol­ler Lie­be und Ge­duld. Kam ich im Win­ter mit eis­kal­ten Hän­den vom Schlit­ten­fah­ren heim, durf­te ich mei­ne Hän­de ihn ih­ren Ach­sel­höh­len wär­men. Oft schick­te sie mich mit ein paar Gro­schen „nach Ven­nen“– Bra­the­rin­ge ho­len. Die Gast- stät­te (es gibt sie heu­te noch) lag am Markt, drin­nen war rechts der Schank­raum, in der Mit­te ein lan­ger Gang. Da­rin ei­ne ver­schlos­se­ne Durch­rei­che zur The­ke. Man klopf­te, die Klap­pe ging auf – „Wat wills­te?“In ei­ne mit­ge­brach­te Schüs­sel wur­de der Bra­the­ring ge­legt, dann ging es zu­rück – und ge­mein­sam ver­zehr­ten wir die Le­cke­rei mit Zwie­beln in der Mit­te und ge­hal­ten von klei­nen Holz­spie­ßen.

Weih­nach­ten, Kir­mes, Na­mens­tag – wenn die Fa­mi­lie kom­plett war, sa­ßen über ein Dut­zend Er­wach­se­ne am Tisch, vie­le Kin­der wu­sel­ten her­um. Es gab Sup­pe mit Buch­sta­ben­nu­deln, Mark­klöß­chen und vie­len Fett­au­gen, dann Salz­kar­tof­feln mit Schwei­ne­bra­ten und sü­ßen Sa­lat. Hin­ter­her selbst ge­mach­ten Va­nille­pud­ding – wun­der­bar.

FO­TOS (2): RUTH WIEDNER-RUNO

Links ist die Kin­der­ta­ges­stät­te von Lied­berg be­hei­ma­tet, in der Mit­te ist die Ge­mein­schafts­grund­schu­le zu se­hen, und rechts im al­ten Fach­werk ist jetzt ei­ne Kunst­ga­le­rie un­ter­ge­bracht.

Der Müh­len­turm in Lied­berg ist auch heu­te noch his­to­ri­sches Wahr­zei­chen.

Schon da­mals ei­ne Froh­na­tur.

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