SE­RIE DENKANSTOSS Prak­ti­zier­te Men­sch­lich­keit

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON HANS-UL­RICH RO­SO­CHA

500 Jah­re Re­for­ma­ti­on heißt für uns heu­te: Trans­for­ma­ti­on der Re­li­gi­on zu un­ein­ge­schränk­ter Men­sch­lich­keit. Dar­über schreibt der evan­ge­li­sche Pfar­rer im Ru­he­stand, Hans-Ul­rich Ro­so­cha.

Im Kon­text des 500-jäh­ri­gen Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­ums las ich ein Zi­tat des Phi­lo­so­phen Jo­hann Gott­lieb Fich­te, der die zeit­ge­mä­ße Trans­for­ma­ti­on der Lu­ther­schen Recht­fer­ti­gungs­leh­re im Mo­dus ih­rer phi­lo­so­phi­schen Um­for­mung fol­gen­der­ma­ßen for­mu­liert: „Je­der Mensch, oh­ne Aus­nah­me, da­durch, dass er ein Mensch ge­bo­ren ist, und sol­ches An­ge­sicht trägt, ist fä­hig, ins Him­mel­reich zu kom­men: Gott ist be­reit, ihn zu be­le­ben und zu be­geis­tern; denn nur da­zu eben ist je­der Mensch da, und nur un­ter die­ser Be­din­gung ist er ein Mensch.“

Das be­deu­tet für uns heu­te, dass sich al­le Re­li­gio­nen dar­an prü­fen las­sen müs­sen, ob prak­ti­zier­te Men­sch­lich­keit im Mit­tel­punkt ih­res Glau­bens, Den­kens und Han­delns steht, so, wie es ex­em­pla­risch von Je­sus ge­lebt und ge­lehrt wur­de, oder ob fal­sche Got­tes­vor­stel­lun­gen dem Durch­bruch zu prak­ti­zier­ter Men­sch­lich­keit im We­ge ste­hen. Wenn näm­lich die Vor­stel­lung ei­nes rich­ten­den und stra­fen­den Got­tes das Glau­ben, Den­ken und Han­deln der Men­schen be­stimmt, bleibt die Men­sch­lich­keit auf der Stre­cke.

Es wer­den dann Men­schen im Na­men ei­nes ima­gi­nä­ren Got­tes, der nur in der Vor­stel­lung der­je­ni­gen exis­tiert, die in sei­nem Na­men Macht über an­de­re Men­schen aus­üben wol­len, aus­ge­grenzt, ab­ge­straft, ge­rich­tet und oft ge­nug auch ver­nich­tet in ih­rer phy­si­schen und psy­chi­schen Exis­tenz. Men­schen, die in der Angst vor ei­nem rich­ten­den Gott le­ben, de­nen die Stra­fen der Höl­le stän­dig vor Au­gen ge­malt wer­den, wie es lei­der auch heu­te noch in man­chen Re­li­gio­nen ge­schieht, lei­den dar­un­ter un­end­lich und ver­su­chen dann häu­fig, auf Kos­ten ih­rer Mit­men­schen die­sem Rich­ter­gott ge­recht zu wer­den, in­dem sie selbst wie­der an­de­re Men­schen un­ter psy­chi­schen oder auch phy­si­schen Druck set­zen und manch­mal so­gar im Na­men ih­res Got­tes tö­ten.

Das kann und darf je­doch im Jahr des 500-jäh­ri­gen Re­for­ma­ti­ons­ju­bi- läums nicht sein – im Ge­gen­teil! Wir müs­sen uns – und das gilt für je­de Re­li­gi­on oh­ne Aus­nah­me – auf den al­le Re­li­gio­nen ver­bin­den­den Kon­sens ver­stän­di­gen, dass Gott die Lie­be ist und nichts an­de­res von den Men­schen will, als dass sie in sei­ner Lie­be le­ben und Got­tes Lie­be an ih­re Mit­men­schen wei­ter­ge­ben. Die­ser re­li­giö­se Grund­kon­sens ist in sei­ner Wur­zel in al­len Re­li­gio­nen vor­han­den. Und es geht nun vor al­lem dar­um, ge­mein­sam nach We­gen zu su­chen, um die­se re­li­giö­se Wur­zel al­ler Re­li­gi­on zu ent­de­cken, zur Spra­che zu brin­gen und un­ter den Men­schen im Sin­ne prak­ti­zier­ter Men­sch­lich­keit wirk­sam wer­den zu las­sen.

Un­ser glo­ba­les Ziel ist es doch, dass kein Mensch auf die­ser Er­de mehr we­gen sei­ner Haut­far­be, sei­ner Re­li­gi­on, sei­ner na­tio­na­len und so­zia­len Her­kunft und sei­ner se­xu­el­len Ori­en­tie­rung aus­ge­grenzt oder so­gar ab­ge­straft wird, son­dern dass wir al­le ge­mein­sam ler­nen, end­lich mit­ein­an­der in Got­tes Lie­be mensch­lich zu le­ben. DER AU­TOR IST EVAN­GE­LI­SCHER PFAR­RER IM RU­HE­STAND.

AR­CHIV­FO­TO: PIXABAY

Mit­ein­an­der in Got­tes Lie­be mensch­lich zu le­ben, ganz gleich wel­cher Haut­far­be – das be­nennt un­ser Au­tor als das glo­ba­le Ziel.

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